Dakar

Donnerstag, 2.1.2020

Die Bucht von Hann überraschte uns. Als erstes fiel eine grosse Menge Menschen am Strand auf. Wir vermuteten es sei der Fischmarkt, davor lagen zahlreiche Pirogen und im Hintergrund parkten einige dutzend Kühllaster. Ringsum ankerten ungefähr zwanzig Jachten und ebenso viele Pirogen. Der Strand wirkte auf den ersten Blick nicht einladend, vermüllt, im Hintergrund ragen mehrstöckige Häuser auf über einstöckigen Bauten, Hütten und Schuppen. Um acht Uhr dreissig kam die Barkasse des Klubs, aber wir waren beim Frühstück, so fuhren wir mit unserem Dinghi an Land, wo Abdu uns empfing. Er sah allerdings so zerlumpt aus, dass wir, trotz seinem warmen „Willkommen, schön sind sie zu uns gekommen“, ihn nicht als Clubangestellten betrachteten. Er führte uns allerdings durch Bougainvillea überwachsene Lauben zum Clubeingang, einer Stahltüre. Es öffnete sich ein schöner Garten mit Pavillons, drei Zelten, Fahrräder und dutzenden von Motorrädern, eine mechanische Werkstätte, es ist unklar wo das Clubgelände beginnt und wo es aufhört.

Unter Palmen und tropischem Gewächs wischte ein Mann Blätter, Serama bot ihre Waschdienste an, Abdu möchte für uns Wasser tragen, Lion möchte unsere Gasflasche auffüllen, Mussa will uns aufs Schiff und zurück fahren, Madame Legume möchte Gemüse und Früchte liefern, Madame Nougat verkaufte Nougat, Madame Chiffon verkauft Hemden, zahlreiche andere äusserst nette, eher zurückhaltende Menschen möchten ein paar CEFA’s verdienen. Wenn wir abwinkten, lächelten sie trotzdem und wünschten uns einen schönen Tag. In einem abgedunkelten Pavillon hinter gezogenen Vorhängen begrüsste uns eine junge Frau, la Secretaire, und kopierte unsere Papiere, füllte Formulare aus, eröffnete uns, dass eine Woche 35’000 CEFA kosten werde, das sind 50 Euros. Sie informierte uns, dass alle auf das Police du Port Büro müssten, da sie Fingerprints nähmen.

Wir nahmen uns zwei Taxis, welche uns durch Dakars Verkehr chauffierten. Die Hälfte des Verkehrs bestand aus riesigen Schwerlastcamions mit gigantischen Drahtrollen, mit Schiffscontainern, mit turmhoch aufgeschichteten Schüttgutsäcken, einige Laster standen auch ausgedient am Strassenrand und dienten als Schuhladen, worauf ein paar Duzend Schuhe zum Verkauf ausgebreitet lagen. Die zweite Hälfte des Verkehrs bestand aus Bussen, Taxis, ein paar Privatautos, Pferdewägelchen, Pickups und Motorräder.

Unser Chauffeur überholte mal rechts, mal links, erfragte bei anderen Taxifahrern nach dem besten Weg, den Stau zu umfahren. Irgendwann stand ein riesiger Laster quer über die Strasse und entlud seine Fracht, beide Fahrspuren waren vollständig blockiert. Nach längerem Palaver entstand wieder Bewegung und wir fuhren dem riesigen Hafengelände von Dakar entlang und gelangten schliesslich zur Police du Port. Wir fragten nach dem Büro und wurden freundlich hereingebeten und von einem Büro zum nächsten gewiesen. Überall sassen nette schöne Frauen und Männer oft in offiziellen Uniformen und füllten für uns irgendwelche Papiere aus, nahmen Fingerprints und tippten Angaben in den Computer. Dann fuhren wir weiter mit dem Taxi zur Douane. Dort wurden wir wieder gebeten in weichen Sesseln und verfinstertem Büro Platz zu nehmen. Nach dem Ausfüllen verschiedener Papieren führte uns eine junge Dame in ein weiteres Büro, wo sechs Zoll-BeamtInnen am Mittagessen sassen. Sie baten uns herein, sie boten uns an, mitzuessen und drückten uns Löffel in die Hand.

Das Linsenpilaf mundete hervorragend. Etwas erstaunt waren die lächelnden Beamtinnen, als immer mehr Crewmitglieder in den Raum kamen. Wir waren sieben. Sie forderten alle auf, mitzuessen und wollten zusätzliches Essen bestellen, falls wir noch mehr Hunger hätten. Wir rühmten die grossartige Gastfreundschaft und das tolle Ankommen in Senegal, was sie erfreute. Zollpapiere auszufüllen ist beträchtlich entspannter, wenn man vorher zusammen gegessen hatte. Afrika tauchte an jeder Ecke auf, beispielsweise auf dem Klo. Die Spülleitung rann, also hing dort ein Früchtenetzli mit einem Duftstein, das Klo war blitzsauber und wird nun dauernd gespült.

Wir fuhren zurück in den Cercle de Voile Dakar, wo wir erst mal Kaffee bestellten und mit den ein- und austretenden, meistens Weissen, zu reden begannen. Ives ist ein Kanadier, welcher bereits das dritte Mal die Rundtour von Quebec nach Afrika alleine unternommen hatte. Er war im Saloumriver überfallen worden und musste zurück nach Dakar, um wieder einen Pass zu erhalten. Leider verlange Kanada 350 Dollar für ein Eilverfahren, sonst müsse er drei Wochen warten, das machte ihn hässig.

Stanislav wohnt bereits seit elf Jahren hier und hat eine afrikanische Frau und Kinder. Er ist weich im Aussehen und Sprache, das ist wahrscheinlich eine Anpassungsleistung an die Senegalesen. Seine Jacht lag vor Anker, er bietet Charter an und wollte am Montag nach den Kap Verden segeln. Er habe vier Gäste und werde die jungen Radfahrer mitsegeln lassen. Vier Franzosen sind von Sable D’Olonne mit dem Fahrrad quer durch Westsahara und Mauretanien bis nach Dakar gefahren.

Wir bestellten uns in einer Garküche leckeren Reis mit Crevetten und Zwiebeln, jassten und tranken Bier. Durch Palmen sah man die Inuit schaukeln, am Strand begann reges Treiben. Zwei Jockeys jagten ihre Pferde über den Sandstrand. Mehrere Mannschaften von Sportclubs kamen und spielten. Dazwischen waren Fischer beschäftigt, ihre Pirogen und Fischernetze zu reparieren. Der Strand war belebt von Sport treibenden Menschen, ein riesiges Sportzentrum im „Strandmüll“ von Dakar.

Freitag, 3.1.2020

Früh am morgen um 8.30h holte uns Moussa mit der Barkasse ab. Wir fuhren an eine Schule im Quartier, an der Maitè im Austausch gewesen war. Mbaye empfing uns warm. Er erzählte viel, zum Beispiel, dass ihre Schule mehr als fünf Kinder pro Klasse aufgenommen hatte, welche aus der Staatsschule ausgeschlossen worden sind. Die Eltern zahlten zwölf Euros pro Woche Schulgeld, was aber nicht alle aufbringen können. Er verdiene 800 Euros als Schulleiter und sei verantwortlich für über hundert Lehrpersonen und 1400 Kinder, vom Kindergarten bis zur Matura. Nebenbei leite er ein Sozialzentrum für Mädchen und Frauen, welche nie zur Schule durften und Gewalt und Prostitution ausgesetzt seien.

Mbaye führte uns durch alle Räume, liess uns fotografieren und filmen. Die Begegnung mit den Kindern war rührend. Viele wollten uns die Hand reichen, lachten und machten Scherze. Bis fünfundvierzig Kinder sind in kleinen Räumen auf engen Bänken eingequetscht und sind voll bei der Sache. Sie waren neugierig, strahlten uns an. Vor der Schule hatten Frauen Bauchläden aufgebaut. Das Quartier ist kein Slum, es gibt kaum Wellblech. Es stehen ein- bis dreistöckige Häuser an einer von Bäumen gesäumten Sandstrasse, durch die sich Taxis und Pferdewägelchen zwängten.

Wir fuhren zum Sozialzentrum, ein Senegalo-Schweizer Frauenprojekt https://www.taxawu-jigeen.ch/home. Mbaye wurde überall begrüsst, er ist bekannt. Ein unscheinbarer Eingang führte in ein paar Hinterzimmer. Hier sassen Gruppen junger Frauen bei Sozialkunde, Wirtschaftskunde, Französisch, Familienplanung, Verhütung, Sexualität und Fachkunde. Sie zeigten uns ihre Nähsachen und strahlten, einige waren schüchtern und in sich gekehrt. Eine Gruppe anderer Frauen wurde als Coiffeusen angelernt. In einem Raum standen zehn wunderschöne alte Singer Nähmaschinen, in einem anderen Zimmer Industrienähmaschinen. Die beiden Verantwortlichen erzählten, wie sie versuchten die Frauen zu beraten und zu intervenieren, wenn sie Gewalt ausgesetzt sind. Wir wurden dann eine Gasse weiter in ein dunkles Zimmer mit Sofas geführt, in dem uns ein Herr erklärte, er sei der Quartierverantwortliche, eigentlich eine Vertrauensperson, Friedensrichter und Sozialarbeiter? Zu ihm kommen die AnwohnerInnen mit Streit und Sorgen, er entscheide mit, wer in grösster Not einen Ausbildungsplatz erhalte. Er entschuldigte sich, dass er nur wenig Französisch spreche. Jetzt seien nur wenige Personen hier, aber am späteren Nachmittag sei dieser kleine düstere Raum voll und er arbeite dann bis spät Nachts. So organisiere sich das Quartier urdemokratisch. Die einflussreichen Personen werden gewählt, es sei eine Vertrauenssache, das Quartier entwickle sich weiter. Es gebe hier sehr viele Kinder und sie versuchten ihnen eine Perspektive zu geben.

Alle drei, Mabaye der Schulleiter, der Leiter des Projektes und der Quartierälteste betonten, wie diese Offenheit und Transparenz auch uns gegenüber für sie wichtig sei.

Eine junge Frau aus Basel habe vor Jahren drei Monate an der Schule gearbeitet und begonnen, Quartierarbeit zu machen. Sie habe Frauen mit Geld unterstützt, welche sich selbständig machen wollten. Leider seien die Initiativen versandet, das Geld sei ausgegeben worden, ohne dass eine ökonomische Grundlage entstanden sei. Mbaye habe ein Konzept geschrieben, welches sie nun seit 2017 umsetzen. Es würden gerne viel mehr Frauen teilnehmen, aber es sei unmöglich, alle zu berücksichtigen. Zehn Personen sind angestellt und sie haben ein Budget von 9000.- Franken im Jahr. Er selber arbeite gratis.

Ob der Staat ihnen kein Geld zur Verfügung stelle? Ja, er könnte sehr wohl vom Staat Geld erhalten. Es würde dann ein Verfahren eingeleitet. Wenn er beispielsweise um 30’000 Euros Kredit anfragte, müsste er den Verantwortlichen 20’000.- überlassen und hätte 10’000.- zur Verfügung aber 30’000.- Schulden, darauf verzichte er. Die Korruption sei erdrückend, nur Selbsthilfe helfe.

Wir sind ankommen in der Realität von Senegal-Afrika, ein Land, das gerühmt wird, gut entwickelt und mit funktionierender Infrastruktur ein Vorbild für andere afrikanisch Länder zu sein.

Mbaye lud uns zu sich nach Hause ein zum Essen. Er wohnt eine Querstrasse gegenüber der Schule. Salimatin, seine Frau hiess uns willkommen, dann waren da ihre zwei Schwestern und neun Kinder, fünf sind Mbaye und Salimatin’s Kinder, die anderen sind Nichten, Neffen. Wir sassen in einem verfinsterten Wohnzimmer auf Sofas und sprachen über die Schule und Senegal. Salimatin bat uns zum Essen auf einer grossen Decke im Hof am Boden um eine Pfanne von einem Meter Durchmesser. Salimatin zeigte uns wie man von Hand isst, ich bevorzugte einen Löffel. Der Reis mit Fisch, Maniok, Yams gerösteten Zwiebeln und Gemüse, mit scharfer Tamarindensauce war hervorragend. Wir luden die ganze Familie ein, uns an Bord zu besuchen, was sie dann auch machten am am nächsten Tag.

Samstag, 4.1.2010

Bruno und ich waren auf dem Kermelmarkt in einem viktorianischen Gebäude im Zentrum von Dakar, um Gemüse zu kaufen. Hier ist ein geschäftiges Afrika. In Kürze hatten wir eine Traube Touristenjäger im Schlepptau. Bruno konnte ihrer Verhandlungskunst kaum widerstehen, ich nur beschränkt. Im Nu hatten wir 200’000 CEFA ausgegeben, was 300 Euros entspricht, hatten drei Teppiche aus Mali, Holzschnitzereien, Bronzefigürchen, Falterflügelbilder und weiteren Klimpim gekauft. Die Händler überboten sich darin, uns irgendwo an einem winzigen Holzstand mit teilweise abscheulichen Souvernirs in Verkaufsgespäche zu verwickeln, hatten nie Herausgeld und boten uns statt dessen einen weiteren Gegenstand zu einem Aufpreis an. Wir kauften ausschliesslich stotternden, wild dreinblickenden, zahnlosen, zerlumpten, einbeinigen oder einäugigen, bitterarmen Menschen Gegenstände zu überrissenen Preisen ab. Auch als wir in einem Touristenkaffee mit Absperrung uns „erholten“, kamen die Händler über die Absperrung hinweg mit Verkaufsangeboten, wir waren total überfordert.

Ich finde diese Preisverhandlungen führten nicht zu einem zufriedenen Abschluss eines Geschäfts wie oft propagiert wird. Der Handel beginnt stets lachend, neugierig, spassig. Danach wird ein Zeitlang hart verhandelt. Wenn du nicht wegläufst und ärgerlich das Desinteresse zeigst, hast du keine Chance auf einen fairen Preis. Du weisst nie, was die Ware wert ist. Eine Ware hat den Wert, welcher sich aus Angebot und Nachfrage ergibt. Es gibt keine Nachfrage nach den Produkten, welche wir aus Mitleid erstanden. Also gehört das Mitleid zum Marktpreis bedingenden Faktor. Wer weiss schon was ein Bongo-Teppich aus Mali wert haben soll und ob er nicht in China hergestellt worden ist. Unser Wunsch war eigentlich nur einen netten Stoff für unsere Salonpolster zu finden. Der erste Händler mit Falterflügelbilder fragte uns, was wir kaufen wollten. Ja seine Schwester verkaufe Stoff, wir sollten ihm folgen, was wir dankend ablehnten. Zehn Minuten später stand ein durchaus sympathischer junger Herr vor uns, er möchte uns seinen Stoff zeigen. Also wurden wir in ein winziges Kabuff geführt mit Batikjuppes, was ja überhaupt nicht unser Anliegen gewesen war. Er nagelte uns auf seinen winzigen Sitzhockern fest und verschwand im Gewimmel des Marktes und kam mit vielen hässlichen Waxstoffen zurück. Trotz unseren Interventionen holte er nochmals eine Ladung Stoffe. Wir verabschiedeten uns freundlich und suchten selber den Stoffstand, mit welchem er ein Zwischengeschäft machen wollte. Hier präsentierte man uns die Teppiche aus Mali, von flinken Kinderfingerchen gezwirnt und gewoben, in Bahnen zusammengenäht, mit Kamelen aus der Oase über Sanddünen in eine mystisch klingende Marktstadt wie zum Beispiel Timbuktu getragen. Von dort auf einem verstaubten, wunderbar bemalten Kleinlaster über Schlaglochpisten nach zum Beispiel Oagadugu gefahren, wo sie weiterverkauft mit einem wunderbar ausstaffierten Laster eines Marabuts aus Tuba nach Dakar gefahren und auf dem Markt verkauft werden. Alle müssen davon leben können, wer könnte da die Preise unanständig herunterhandeln. Wenn wir aber nicht die Preise herunterhandeln, steigt der Tee- und Kaffeepreis in den Karavanereien, da beobachtet würde, dass die Händler mehr Noten in der Tasche haben und schneller ins Geschäft eintreten. Das würde dann ein Problem für die ortsansässige Gemüsefrau, welche sich keinen Tee gönnen könnte, welche nach heissen Stunden im Staub mit ihrem Häufchen Gemüse auf einer Schürze ausharren musste und kein Tourist auftauchte und ihr mehr fürs Gemüse anbieten würde. Wir waren vom afrikanischen Marktmechanismus nach einigen Diskussionen und den naiven Mitleidshandelsüberredungskünsten der Händler des Marktumfeldes völlig überfordert, nahmen ein Taxi und fuhren zurück aufs Schiff.

Hier hatte die zurückgebliebene Crew die Inuit auf Hochglanz geputzt, in Erwartung der Gäste. Im Club erwartete uns Mama Nougat, Bruno hatte ihr zuvor köstliches Nougat abgekauft. Ich bot ihr zweitausend CEFA, drei Euros für eine ordentliche Portion an, sie gab mir eine zweite Packung dazu und nannte mich fortan my friend.

Bruno kochte ein herrliches Risotto, ich buck viel Antipastigemüse und einen Kuchen, dann kamen unsere Gäste, der Schulleiter und seine Familie an. Lustigerweise hatten sie ein Fracht- oder Kreuzfahrtschiff erwartet und staunten über die Inuit. Salimatin filmte sich dauernd. An Bord einer „Luxusjacht“ zu sein, das hatte sie noch nicht erlebt. Die vier Kinder turnten sofort auf allem möglichen herum, Maité, Micha, Yumi und Michael kümmerten sich um sie. Ich zeigte den Gästen das Schiff, wir assen alle Dreizehn am Salontisch. Die Kinder wollten mit uns in die Schweiz segeln. Leider konnte ich ihre Namen mir nicht merken, da sie in grossem Tempo Sätze wie: „Ich gehe in die erste Klasse, heisse Ezewedike und bin das dritte Kind“ auf französisch herunter leierten. Ich hatte keine Chance, ihren Namen da herauszuhören. Salimatin sprach nur wenig französisch, sie habe es erst nach der Heirat gelernt, ich habe Hochachtung vor ihr. Es war eine „wilde Kinderparty“, extrem ungezwungen und nett. Mbaye konnte sich nicht vorstellen, wie wir nachts auf See uns zurechtfinden, er hatte gedacht wir würden irgendwie die Fahrt nachts unterbrechen. Wir kamen auf die Flüchtlingsschiffe zu sprechen, er erzählte, dass diese von Gambia und hier der Küste entlang mit ihren Pirogen mit bis hundert Leuten darauf versuchten die kanarischen Inseln zu erreichen. Sie zahlen um zu sterben.

Wir verabschiedeten uns auf ein baldiges Wiedersehen.

Später brachten wir die heimreisenden Maité und Micha an Land. Yumi fragte nach den Highligths, als wir noch an Bord den Abschied hinauszögerten: Die phosphoreszierenden Delfine nachts beeindruckten als mystische BegleiterInnen, der Schulbesuch rührte uns, warum eigentlich. Das freundliche Schulklima, welches uns entgegen geschlagen war? Diese strahlenden, neugierigen Kinderaugen, die charmanten Annäherungen mit Handgeben oder Anrühren der Kleineren? Etliche hatten wohl noch nicht viele Weisse gesehen.

Ich fand ein weiteres Highlight war die hilfsbereite Athmosphäre an Bord, durch die gemeinsame erfolgreiche Überfahrt gefördert. Yumi meinte, es sei wunderbar, sie möge uns alle sehr lieb. Wir waren einfach glücklich. Und dann Afrika, es überwältigt uns, ich habe es mir weniger gastfreundlich vorgestellt.

In der Ferne waren Trommeln zu hören, jemand meinte hinter dem Fischmarkt sei ein Fest im Gang, also brachen wir dorthin auf nach dem Abschied von Micha und Maité. King, ein Strandhund begleitete uns unerwarteterweise. Er drückte sich eng an meine Beine, wenn Quartierhunde knurrend auftauchten. Es war finster und es wimmelte von Männern und einigen Frauen, welche immer noch mit tragbarer Teeküche auf Kundschaft warteten. Bald war die Strasse eine Sandpiste und wir bewunderten hunderte von Pirogen, welche auf den Strand heraufgezogen waren. Die Trommelrhythmen zogen uns weiter. Vor uns erschien eine grosse Gruppe feiernder Menschen unter einem Stranddach mit vier fantastischen Trommlern und einem Entertainer mit pfeiffendem Mikrofon. Etwas scheu gesellten wir uns zum grossen Zuschauerring rund um tanzende Frauen in abenteuerlicher Aufmachung. Sie traten einzeln in den Kreis und tanzten mit anfeuerndem Publikum. Hier hatten wir die Musikstadt Dakar erreicht. Nie hätte ich gedacht, dass wir im staubigem Sand am Meer zwischen farbig blinkenden Pirogen und abgescheuerten Hauswänden, zwischen Ziegen und Schafen auf ein solches musikalisches und tänzerisches Feuerwerk treffen würden. Es gab einen Kreis Frauen mit knalligen Kostümen und knalliger Schminke, welche sich im Kreis präsentierten.

Yumi vermutete eine Modeschau, ich eine Kostümparty, aber es war ein Geburtsfest von einem etwa dreissig jährigen Vater organisiert. Wer die Mutter war, blieb mir verborgen, aber wir durften ihm gratulieren. Dann gab es Gruppen von ungefähr sechzehnjährigen und älteren Mädchen, welche teilweise bereits Kinder am Rücken im Tragetuch trugen und Gruppen von Kindern von drei bis vierzehn Jahren, welche einfach das Fest genossen und immer wieder versuchten den Kreis zu erobern und vom Moderator mit Bambusrute verjagt wurden. Sie tanzten dann nebenan vor einem Schuppen, übersprühend von Lust und Genuss. Es gab etliche junge Männer, welche sich kaum bewegten und gafften. Dann sassen in einer Seitengasse spärlich durch ein gelbe Strassenbeleuchtung erhellt im Sand ungefähr vierzig ältere Frauen, welche mit Hilfe eines Megafons irgend etwas verhandelten. Es seien die Mütter erklärte uns jemand, die Väter seien auf See am fischen, sie kämen wohl am morgen dazu, das Fest dauere die ganze Nacht.

Plötzlich entstand Bewegung im Kreis. Der Moderator zerrte einen Weissen auf den Tanzplatz, es war Michael. Huch, jetzt holen sie den grossen Topf und kochen ihn….nein er stakkelte ins Mikrofon, er könne es versuchen. Er begann sich wild zu verrenken und drehen und hüpfen, musste nach kurzer Zeit seinen Pulli und schlenkernde Bauchtasche ausziehen. Dann übertraf er doch unsere und die Erwartungen der immer lauter kreischenden Anwesenden. Zahlreiche Handys leuchteten plötzlich auf, der „Tänzer“ ging online, wie er fortan genannt wurde. Fremde junge Burschen zeigten lachend die Videoaufnahmen, wir waren erkannt und integriert worden, weit und breit die einzigen Weissen.

Auf dem Heimweg lernten wir Lamin kennen, ein sechsunddreissig jähriger Fischer. Ich bot ihm an, mit ihm aufs Meer zum Fischen zu fahren, er müsse dann im Gegenzug uns auf unserem Schiff besuchen. Kein Problem, und er lud uns sogleich für Sonntag zu sich nach Hause ein.

Sonntag, 5.1.2020

Wir machten uns gegen zehn auf den Weg nach dem Fischerdorf und betrachteten den Fischmarkt bei Tag. Hier wimmelte es von geschäftigem Treiben und viel Fisch. Wohl über hundert Frauen versuchten hier den Fang zu verkaufen. Ich versuchte deren Angebote mit dem Argument im Restaurant zu essen, abzuwehren. Tatsächlich hätte ich keinen einzigen Fisch hier gekauft, da bereits Schwaden von Fliegen nicht verjagt wurden und die Fische oft auf einem schmutzigen Tuch auf dem Sand in der Sonne lagen. Warum ich Fisch im Restaurant essen wolle, ob ich keine Zeit hätte oder nicht wüsste wie man Fisch zubereitet, war die logische Nachfrage. Ich war argumentativ schachmatt und verabschiedete mich nach zahlreichen Antworten auf das woher und wie und wohin. Die meisten waren erstaunt, dass wir mit einer Segeljacht angekommen seien von Spanien. Spanien ist für sie die Kanarischen Inseln. Weiter unten lagen drei vier Hammerhaie, und eine riesige Roche an der Sonne im Sand. Als wir den sonderbaren Fischhaufen fotografierten, kam ein Trupp lachender Senegalesen mit eine grossen Schubkarre daher und luden alles auf, es mochten sicherlich über zweihundert Kilo gewesen sein. Sie wollten fotografiert werden und diskutierten, ob diese Bilder in Frankreich gezeigt werden dürften oder lieber nicht. Sie entschieden dann, die Bilder dürften wir zu Hause zeigen, warum auch immer, um ihre Armut zu dokumentieren? Bruno fotografierte unter einem Dach, welches der offizielle Fischmarkt überdeckt, „heimlich“ das Treiben dort. Er sei von einem Mann beobachtet worden, natürlich, warum dachte er als Weisser nicht dauernd die Aufmerksamkeit der Senegalesen auf sich zu ziehen? Dieser fragte ihn neugierig, was er da fotografiere? Er konnte kaum unsere Faszination für diesen wirren, riechenden, dreckigen Platz nachempfinden.

Die Erklärung, er wolle die Eindrücke mit seiner Frau und Tochter zu Hause teilen, hellte das Gesicht des Senegalesen auf, er verstand vollkommen, was Brunos Interessen sei.

Ich beobachtete, wie Männer auf ihren Köpfen grosse Becken voller Fisch von den anlandenden Pirogen an Land trugen. Sie waren dermassen überfüllt, dass etliche Fische in den Sand fielen und Kinder und Frauen diese Fische zusammenlasen. Eine Frau holte sich auch direkt aus dem Bottich Fische heraus. Niemand reklamierte, es scheint eine Grösszügigkeit „Armen“ gegenüber zu geben. Es müssen diese Fische sein, welche von den „Marktfrauen“ auf Tüchern im Sand verkauft werden.

Ich vermute, es gibt Fischer und Pirogenführer, welche aufs Meer hinaus fahren und den Hauptfang direkt an Grosseinkäufer verkaufen. Dann gibt es Frauen und Kinder, welche von den zu Boden gefallenen Fischen leben. Dann gibt’s die Putzmänner, welche Müll zusammenrechen und einige Meter weiter unten, wo die Wellen auf den Sandstrand brechen, den Müll im Sand verscharren, von wo dieser bereits bei der nächsten Flut wieder hinaufgespült werden wird. Alle wateten und standen grundsätzlich im Müll aus allen Formen von Plastik, Holzteilen, Fischabfällen und vielem mehr. Dann gibt’s Männer mit Pferdewägelchen, welche Eis bringen und Fisch abtransportieren. Dann gibt’s Frauen, welche Maniokteig im Fett backen und anbieten. Es gibt wohl für jede Handreichung Spezialisten wie Träger, Eismänner, Müllmänner, Händler, EssstandbetreiberInnen, TeekocherInnen, FischschupperInnen, WasserverkäuferInnen und vieles mehr.

Wir zogen weiter ins Fischerdorf und fanden Lamin vor seinem schönen Haus am Strand mit Grossmutter, Tante, Schwester, Bruder, Kinder und Freunden auf uns wartend. Er bat uns herein. Wir traten durch einen langen Gang in ein dunkles Schlafzimmer mit einem Doppelbett und abgewetztem Sofa, mit laufendem Fernseher und neugierigen Freunden, Kinder und seinem Bruder drin. Bald sassen wir alle auf den wenigen Sitzgelegenheiten. Bruno war zurückgeblieben, ist aber von Lamins Frau hereingebeten worden. Uns wurde Tee offeriert, starker schaumiger, süsser Jasmintee. Lamin fragte mich, wann ich nun mit ihm in See stechen wolle. Ich lehnte erst mal ab, da wir ja morgen nach St. Louis fahren wollten. Seine Piroge ist klein und sieht abenteuerlich aus billigem Sipo mit mahagoniähnlichen Spanten gebaut aus, aber schön anzusehen. Die Aussicht bis vierzehn Stunden in heisser Sonne oder zügigem Nordostwind inmitten gefangener Fische mich dem Ozean auszusetzen, das lässt mich noch zögern. Die Jungs kannten Shaqiri, Lichtsteiner und Yann Sommer und wussten, dass Basel unsere beste Equipe ist. Verschiedene Familienmitglieder kamen herein, und begrüssten uns. Einmal kam der dreijährige Bub seiner Schwester herein und brach erschrocken in Heulen aus, über unseren Anblick. Er mochte wohl noch kaum Weisse gesehen haben. Er drängte sich zurück in die Arme einer jungen Frau. Wir lachten und wir merkten, wie fürsorglich sie mit ihren Kindern umgingen, tröstend sie auf den Arm nahmen.

Später verlegten wir auf die Inuit, nachdem wir dem Angebot seiner Frau, uns Reis und Fisch zu kochen, abgelehnt hatten. Zurück durchs Dorf wandernd, wurde Michael überall lachend und bewundert „le danceur“ gerufen. Lamin betonte, Michael sei nun im ganzen Dorf berühmt. Uns kann hier nichts mehr passieren als Michaels und Lamins Freunde.

Lamin erklärte, er sei der Chef seiner Familie über vierzehn Personen, da er verheiratet sei, sein Vater woanders wohne und seine Mutter gestorben sei. Als er erfuhr, dass Bruno neunundsechzig sei, nannte er ihn fortan Grossvater und hätte ihn gerne seine Grossmutter heiraten lassen. Niemand werde hier so alt. Michael würde allenfalls eine Partie für seine Schwester abgeben und er wolle mit mir in die Schweiz segeln. Er habe sich einmal auf den Weg nach den Kanaren gemacht. Sie seien hundertzehn Personen auf der Piroge gewesen, hätten aber nach zwei Wochen auf See wegen schlechtem Wetter umkehren müssen. Nun sei er aber hier, zufrieden und stolz, was würde seine Familie ohne ihn als Oberhaupt machen, sie würde in Armut versinken.

Michael fragte Lamin, wie er seine Frau gefunden hatte. Sie sei ihm an einem Fest wie gestern aufgefallen, sie hätten ihre Handynummern ausgetauscht und über drei Jahren Kontakt gehabt ohne Sex, das gehe gar nicht. Heirat ist Aufstieg, die Familien erhalten Geld für hübsche Töchter. Männer werden Familienoberhäupter und könnten bis vier Frauen heiraten. Es gebe sehr viel mehr Frauen als Männer, so sei die Mehrfrauenheirat sinnvoll. Aber die Heirat einer zweiten Frau sei überhaupt nicht unproblematisch, die erste Frau könne ganz viel Stunk machen. Eine Frau sei ein Problem, zwei Frauen seien zwei Probleme, drei Frauen seien grosse Probleme, vier Frauen, das sei der Tod.

Lamins Bruder ist noch ledig, achtzehn Jahre alt und möchte Fussballer werden. Sein Freund zeigte uns tolle Schmiede- und Holzarbeiten auf seinem Handy, er hat gleich ausserhalb des Cercle de Voile Dakar sein Atelier.

Montag, 6.1.2020

Ich bin an Bord geblieben mit Grippe oder Malaria, wer weiss, Gliederschmerzen und anderes. Allerdings habe ich bereits vier Wochen Probleme mit Halsweh, von Stefan geerbt. Ich verpasste mir heute eine Chloritlösung, wie Michael sie mir empfahl.

Unsere Stromversorgung funktioniert wieder. Wir haben herausgefunden, dass wir das Solarpanel zweimal täglich reinigen sollten, weil es vom Harmattan zugestaubt wird. Dann war der zweite Kühlkreislauf des Kühlschrankes unterbrochen, der Schlauch abgerissen und leer. Also füllten wir ihn auf und monierten die Schläuche wieder. Weiter habe ich den Konverter abgehängt, da der Schalter am Tableau nicht mehr funktioniert. Das waren alles Stromfresser, nun haben wir nach einem Tag Sonne und Wind jeweils die Batterien wieder voll.

Mittwoch, 8.1.2020

Ich habe 36 Stunden geschlafen und bin nun wieder fit. Gestern waren wir auf Goree, der Insel vor Dakar. Seit 1944 sind Neubauten auf der Insel verboten worden und so ist sie einigermassen „Kolonial“ erhalten geblieben. Etliche Gebäude sind am verfallen und eigentlich sieht man ausser am Maison des Esclave nirgends Renovationen.

Unwahrscheinliche zehn- bis fünfzig Millionen Sklaven sind aus Westafrika in die USA und Karibik exportiert worden. Dafür wurden Sationen wie hier auf Goree, in St. Louis, Podor, Matam und Bakel am Senegal Fluss, Rufisque, Saly Portudal und Joal Fadiout südlich davon und Fort James, Albreda, Sanchaba und Juffure in der Mündung des Gambiarivers, Ile de Karabane in der Casamance, Cacheu in Guinea Bissau und die Ilha das Galinas im Bijagos-Archipel gegründet. So geht es weiter, es gab Stationen an der Elfenbeinküste, Ghana, Kongo und weiter im Süden. Alles Orte des Schreckens und der Trauer.

Noch heute begründen reiche Familien wie die Rjters, De Beers und viele andere ihren unermesslichen Reichtum aus dem Sklavenhandel. Sie handeln immer noch mit Kakao, Kaffee, Kautschuk, Edelmetallen, Diamanten und vielem mehr aus den Sklavenherkunftsländern und ihren späteren Kolonien. Längst haben sie diversifiziert und betreiben Banken, Diamanten- und Goldhandel, Booking.com und weitere gewinnbringende Unternehmungen. Und was haben sie den afrikanischen und arabischen Händlern, welche die gefangenen Menschen an die Küste verschleppten, angeboten: Glasperlen, Branntwein und billigen Tand! In den „Handelszentren“ der „neuen Welt“ wurden die noch lebenden Menschen aus Afrika auf dem Sklavenmarkt versteigert. Mit den Einnahmen aus den Versteigerungen wurden Produkte der Plantagen der Karibik und der Südstaaten gekauft und verladen: Zucker, Rhum, Tabak, Gewürze und in Europa wieder verkauft. Es gab keine Leerfahrten, es gab nur Leidfahrten und unermesslichen Reichtum für die Investoren. Die Ostindienkompanie erfand die Börse, wo selbst kleine Handwerker ihr Erspartes in Schiffsanteile investieren konnten und einen bescheidenen Teil des Gewinns aus unermesslichem Leid verdienten. Und so geht’s bis heute.

Unsere Banken und Rohstofffirmen sammeln unsere Pensionskassengelder und investieren in Oelfelder. Sie begünstigen damit den Klimakollaps. Sie investieren im Kupfergürtel Afrikas, in Diamantminen, lassen seltene Erden, Gold, Kupfer, Zinn und Kobalt fördern und zahlen mit billigem Tand. Einzelne afrikanische „Ehrenmänner“ lassen sich unermesslich gut bezahlen und lenken diese Summen gleich wieder um an europäische und amerikanische oder asiatische Börsen, wo wieder in Aktien angelegt wird. Kaum ein Tropfen Oel, kaum ein Klumpen Gold, seltener Erden oder Diamanten bleiben im Land, die Benzinpreise sind so hoch wie bei uns.

Lamin erzählte uns, in Senegal gebe es keine Regeln, alle machten, was sie wollten. Es kämen chinesische Grossfischer auf Fangfahrt. Es gebe Tage, da sei das Meer leer, sie fingen keine Dorade, nichts. Man muss sich vorstellen, alleine rund um Dakar stehen auf den Stränden Schiff an Schiff die Pirogen. Man kann sich gerade als Person durchzwängen, Baden tut eh keiner. Und die Strände um Dakar sind gegen dreissig Kilometer lang. Eine Piroge ist ungefähr einen Meter breit, mit einem Meter Abstand von der Nächsten passen da fünfzehntausend auf dreissig Strandkilometern. Teilweise stehen die Pirogen zwei bis drei Reihen hintereinander.

Davon leben dann fünfzehntausend Familien und nochmals zehntausend Pirogenbauer, FischhändlerInnen und weitere angehängte Dienstleister, welche an solchen Wochen alle leer ausgehen, weil chinesische, japanische, spanische, koreanische Grosskutter mit dreissig Kilometer langen Netzen die Küsten leerfischen.

Im Maison des Esclaves steht keine Dokumentationstafel, keine Flyer werden verteilt, das Haus ist leer, nackte Zellenwände sind zu sehen. Einzig die Aufschriften: Hommes, Femmes, jeune Files, Enfants weisen auf die jeweils eingekerkerten für den Export bestimmten Menschen. Das Leid muss unerträglich gewesen sein, dazu kam, dass durchschnittlich ein Viertel der Sklaven auf jeder Reise gestorben sind.

Auf einem der Forts steht eine riesige Kanone aus dem zweiten Weltkrieg und daran hängt ein Plakat: Dachau-Goree, was braucht es noch, bis der Mensch lernt, seine „humanité“ zu entdecken?

Die Insel ist ein Hort von SouvenierhändlerInnen, aber bietet manche idyllische Gasse und malerische Gebäude zu sehen.

Wir wurden von einer Madame in ihren zwei mal zwei Meter Laden gezogen. Wir hatten an Bord der Fähre nett mit ihr geplaudert. Nun verwandelte sie sich in eine Verkaufshyäne. Da wir leider nicht koloniale Tiefstpreise aushandelten, sondern generös pro Hemd fünfzehn Euros hinblätterten, fielen die uns beobachtenden weiteren HändlerInnen fast in Ohnmacht und zerrten uns in ihre Läden, das Geschäft des Jahres witternd. Simon verriet uns dann, sein Hemd für lediglich sieben Euros erstanden zu haben. Wahrscheinlich sind alle in China für 2 Euros hergestellt, aber die modernen „Sklaven“ müssen verdienen können auf der Sklaveninsel.

An einem ruhigeren Ort wurden wir in eine Schule hereingebeten. Die junge Frau zeigte uns alle Räumlichkeiten, sogar eine Nähstube, wo zehn Frauen irgendwelche unsinnigen Worte wie „Love“, „smart boy“, „don’t forget me“ u.a. mittels Schablonen auf wunderbare Stoffe nähten.

Donnerstag 9.1.2020

Bruno und ich waren im Musee Theodore Monod in Erwartung der neuntausend ausgestellten Kunstgegenstände, das wichtigste Museum Westafrikas. Wir waren über die drei Stunden die einzigen Besucher. Im Parterre waren gegen dreissig Masken und Puppen ausgestellt, der obere Stock war verriegelt. Im Nebengebäude waren nochmals so viele moderne Kunstwerke ausgestellt. Wir mussten bitten, uns das Licht anzustellen. Alles war voller Staub. Wir waren etwas irritiert.

Wir entdeckten aber eine neue Sportart, „Citybikesurfing“ im Verkehr Dakars. Es ist unglaublich spannend mit dem Fahrrad in Dakars Verkehr zu „surfen“. Die Ein- und Ausfallsstrassen Dakars sind etwa zwölf Meter breite Trasses ohne irgendwelche Strassenmarkierungen. Beidseits kommen je vier Meter breit zehn bis zwanzig Centimeter tiefer Sand dazu, das ist der Fussgängerbereich. Allerdings gehen Fussgänger auch in der Strassenmitte. Die Strasse ist ja auch Markt, wo allerhand angeboten wird, sobald die Kolonne zum stehen kommt und das ist etwa alle zehn Minuten der Fall. Dann bieten Händler Zeitungen, Abtretmatten, Kleiderständer, Teetassen, Jacken und Strümpfe, WD40, Ohrenclips und Papiertaschentücher an. Händlerinnen bieten kleine Wassersäckchen, Bananen, Zitronen und Erdnüsse auf grossen Blechtellern auf dem Kopf tragend an.

Die Sandtrasses erschweren es ungemein mit dem Fahrrad am Rand zu fahren, darum fahren wir meistens in der Mitte zwischen dem Mitfahr- und Gegenverkehr. Vierzig und sechzig Tönner Camions sind die Hauptverkehrsteilnehmer, dann fahren Pickups, Stadtbusse und einige PW’s, Motorräder, Pferdekutschen und wenige Fahrräder zwischen den Lastwagen. Die grossen Camions bewegen sich sehr vorsichtig wie grosse Wale mit ungefähr fünfzehn Stundenkilometer über den Asphalt. Sie geben das Tempo an. Oft stehen sie im Stau, da gerade ein anderer Laster quer über der Strasse steht, einparkiert oder Ware entlädt. An einigen Achsen stehen auch kolonnenweise Lastwagenfracks oder parkierte Laster, wodurch sich streckenweise die Fahrspur auf eine Einzige reduziert. Wir überholen meistens in der Mitte, da wir wesentlich schneller als der Schwerverkehr sind. Probleme entstehen, wenn in der Mitte Motorräder als Gegenverkehr auftauchen, dann muss man sich zwischen zwei Riesenlaster einzwängen, welche dann sehr aufmerksam auf die Bremse treten und Platz machen. Ab und zu war die Gegenfahrbahn leer und wir konnten in hohem Tempo links überholen bis plötzlich ein Pferdegespann mit zehn Stundenkilometer entgegen kam und hinter sich eine lange Schlange riesiger Camions und Pickup’s herzog. Niemand schien sich aufzuregen, im Gegenteil, die Chauffeure winkten uns lachend zu bei unseren abenteuerlichen Verkehrsmanövern mit den Rädern. Ungemein adrett gekleidete, hübsche Polizisten mit wichtiger und lachender Mimik winken uns mit den charmantesten Bewegungen, welche wie eingeübte Tanzschritte aussahen, auch wenn wir auf der falschen Strassenseite gefahren kamen. Wir nannten sie fortan Charmante anstatt Gendarme, sie sind eine Augenweide und würden jede Europäerin in den nächsten Pfosten fahren lassen. Probleme stellten die mit losem Sand gefüllten Schlaglöcher dar, welche auch auf besten Strassen plötzlich auftauchten, aber mein Bike schaffte das problemlos, mehr Angst hatte ich um Bruno auf dem Villigerdamenvelo mit dünnsten Pneus.

Ich kaufte fantastische Waxstoffe an einem Strassenstand für einen Bruchteil dessen, was Yumi auf Goree bezahlt hatte. Bruno zeigte mir die Handweber, welche am Strassenrand mit einfachsten Handwebstühlen schöne Stoffbahnen webten und an Ort und Stelle verkauften. Es gibt wenige Bettler. Die StrassenhändlerInnen hatten oft ein elektrisches Megaphon, über das ein Sprechband lief mit monoton schreiendem Singsang, welches das Angebot anpries, wie beispielsweise Handyhüllen, Socken, Taschenlampen, Stoffschränke und weiteres. Ich entdeckte auch Bettler, welche ein Megaphonband laufen hatten mit Texten wie: „Ich bin arm, gib mir eine kleine Spende“, schrill und in Endlosschlaufe. An einer Strassenkreuzung sah ich einen schön und weiss gekleideten älteren Herrn stundenlang und monoton die immer gleichen Verse schreien. Ich fragte einen Passanten, ob das ein religiöser Mann sei der Koransuren singe? Er lachte und erklärte mir, das sei ein Bettler.

Wir durchstreiften Gassen und Gässlein, teilweise auf Sandpisten mit dem Fahrrad, traten in kleinste Möbelschreinereien mit davor herum trottenden Schafen und spielenden Kindern ein. Bruno kaufte da eine Säge oder dort ein Stück Holz, nicht nur des Gebrauchs wegen, sondern um den gastfreundlichen Senegalesen ein Geschäft anbieten zu können.

9.1.19

Heute waren wir auf dem Zebumarkt. Wir machten vorgängig eine Stunde Bikesurfing durch Dakars Stadtausfahrtsverkehr bis Piking, ein Vorort Dakars. Wir passierten kilometerlang Schrotthändler am Strassenrand, allerdings sind sie immer auch mechanische Werkstätten wo zum Beispiel zahlreiche Schwerlastachsen neben ausgeweideten Lastwagenmotoren, Armiereisen, Betonmaschinen und Radaufhängungen lagern, immer bereit wieder irgendwo eingesetzt zu werden. Dakar und wohl weite Teile Afrikas ist die Müllhalde Europas, wohin sehr viele den Fahrzeugkontrollen nicht mehr genügenden Autos, Camions, Fahrzeuge aller Art, nebst Industriemüll, Hauseinrichtungsgegenstände, Altkleider, Altcomputer, Althandy, Altfenster und vieles mehr exportiert wird.

Nette Senegalesen machten uns darauf aufmerksam, dass wir Atemmasken tragen sollten. Tausende StrassenhändlerInnen und SchwerarbeiterInnen sind täglich nebst dem Feinstaub des Harmattans, dem Dreck und Abgas europäischer Schrottautos ausgeliefert. Die Strassen sind voller Peugeots, Renaults und Seats, welche in Europa keiner Abgasnorm mehr entsprechen. Was nützen Europas strengere Abgasnormen, wenn die aus dem Verkehr gezogenen Dreckschleudern hier weiterfahren?

Oft ist die Kleidung von der Hautfarbe der Stahlarbeiter am Strassenrand nicht mehr zu unterscheiden. Fast überall tauchen im Dunst und Staub wunderschön gekleidete, elegant dahinschreitende oder einem Minibus entsteigende, grazil und an Eleganz nicht zu übertreffende Frauen auf und schenken dir ein Lächeln.

Wir trafen gegen Mittag auf dem Zebumarkt ein und wurden sofort neugierig begrüsst, was wir hier wollten. Wir wollten nur fotografieren. Das koste etwas. Wir lachten und erklärten, dann würden wir nur gucken ohne zu fotografieren, aber wir rühmten den friedlichen Ort. Sie fragten, woher wir kämen und selbstverständlich dürften wir fotografieren. Gegen fünftausend Zebus standen hier mitten in der Aglomeration Dakars im Staub. Dazwischen standen niedrige Bambusdächer mit Liegen, worin Männer ihr Schläfchen hielten, Tee tranken. Sie luden uns in ihr niedriges Kabuff ein, was wir kaum ablehnen konnten. Sie hatten leuchtend blaue und türkisgrüne Tücher um den Kopf geschlungen und trugen weite lange schöne Gewänder. Sie erklärten uns, sie kämen aus Mali und verkauften hier ihre Tiere. Ein dunkler runzliger Mann stellte sein Töpfchen Teewasser mit Schwarztee und Minze auf ein kleines Grillchen mit Holzkohle. Nach dem Austausch von Nettigkeiten, den Berichtigungen, wo die Schweiz liege und Erklärungen, wie wir hierher gekommen seien, wurden Mengen von Zucker in den Tee gegossen und drei Fragen später wurde der Tee in winzige Gläschen mit elegantem Schwung hin und her gegossen, bis sich das nötige Schaumkrönchen gebildet hatte. Die ersten winzigen Gläschen Tee erhielten, wohl der Hierarchie entsprechend, zwei Lachfältchengesichter. Danach wurden uns die Gläschen angeboten. Nach drei Schlückchen war der süsse, wohlriechende Saft geleert und die Gläschen machten anderswo die Runde. Allerdings erwies sich das Krügchen nach sechs Gläschen leer. Nach dem Austausch der Handynummern und der Erlaubnis die Szene fotografieren zu dürfen, verabschiedeten wir uns und traten wieder unter die stoisch dastehenden Zebus, welche leider nur darauf warteten, geschlachtet zu werden.

Am Abend würden die Metzger kommen und ihnen genehm erscheinende Tiere aufkaufen und schlachten. Am Rand des Zebufeldes warteten Pferdekutschen auf Kundschaft für Transporte und dahinter türmten sich Heuhaufen meterhoch, bewacht von Heuhändlern. Da die Tiere, es waren fast alles Bullen, zwischen dreihundert und sechshundert Kilo schwer, in ihrer Ruhe nicht gestört werden sollten, bewegten sich alle wie auf Gummisohlen federnd und mit fliessenden Bewegungen zwischen den mit riesigen Hörnern bewaffneten Bullen. Niemand schrie, niemand redete laut, alles zerfloss in einer staubigen dahin sickernden Ruhe und Gemächlichkeit.

Wir verliessen den Platz, tief beeindruckt von dieser gastfreundlichen Oase in mitten einer pulsierenden Grossstadt und bikten zurück zum Cercle de Voile Dakar, passierten schrill bemalte Minibusse mit Aufschriften wie „Djeredieuf Segnieur Tahue Ad’ Alassa de Tuba“ mit Schafen auf dem Dach. Die Busse fahren für die Marabuts von Tuba, der heiligen islamischen Stadt zweihundert Kilometer östlich von Dakar. Sie haben keine Fenster und keine Türen und sind stets brechend voll. Die rechte Hecktüre ist stets geöffnet, daran hängen mindestes ein oder mehrere Männer, lassen ein- und aussteigen. Sie fahren langsam, kaum schneller als wir mit den Velos. Manchmal, wenn sie gerade im Stau stillstehen, wurden plötzlich Bretter, Stangen, Stahlteile oder eben Schafe aufs Dach verladen, die Gelegenheit nutzend, einen Transport machen zu können.

Gefährlich erschienen uns Senklöcher. Darin steckt bestenfalls ein aufgestellter Betonbrocken, oft ein Autoreifen oder ganz gefährlich, einfach nichts. Das wird der Grund für die am Strassenrand all zu oft stehenden Auto- und Lastwagenfracks sein. Wir umkurvten alle Gefahren elegant. Hier ist nichts ganz und neu, alles ist repariert, gerade so, dass es wieder funktionsfähig ist.

Freitag, 10.1.2020

Bruno und ich fuhren zur Police du Port und meldeten uns dort ab. Die nette Frau fragte uns, wie es uns gehe, wie es uns ergangen sei, ob wir Freude gehabt hätten während unseres Aufenthaltes, wie der Tag gewesen sei? Das sind die Nettigkeiten, welche wir erwiderten, in dem wir fragten, wie ihr Tag verlaufe, ob es ihr gut gehe, wie sie sich fühle. Sie erwiderte, was wir ihr erwidert hatten, es gehe uns gut, wir seien glücklich, Senegal sei ein wunderbares Land voller Überraschungen und Nettigkeiten. Sie blieb leicht zurückhaltend, erfreut und schenkte uns ihr gewinnendes Pepsodentlächeln.

Was ist das für ein muslimisches Land, wo keine verschleierte Frauen zu sehen sind, wo Frauen sich ins Gespräch einmischen und sich informierten und uns Ratschläge gaben. Ein Land in dem keine Frau den Blick senkt, wenn wir sie ansahen, wo sich Männer und Frauen neben uns auf einen Sitz zwängten und ein Gespräch begannen. Ein Land, in dem die Chefin der Hafenpolizei eine Frau ist, ein Land, wo wir vom Zoll zum Essen eingeladen wurden, weil gerade Mittag war und eigentlich das Büro geschlossen wäre.

Dieff hatte gemogelt, er hatte Yumi zehntausend CEFA verlangt, um unsere Velos im Clubgelände stehen zu lassen. Ich fragte den Clubmanager und er meinte, selbstverständlich sei das im Preis inbegriffen, er werde das mit Dieff regeln. Dieff kam und erklärte, die zehntausend CEFA hätte sein Freund und dieser wohne eineinhalb Stunden weg, er werde das Geld besorgen. Der Manager steckte uns die zehntausend CEFA zu und meinte, es sei kompliziert. Ich merkte, alle müssen das Gesicht wahren können, keinesfalls als Mogelnde oder Diebe bezeichnet werden.

Ich gab dann Dieff zweitausend CEFA Trinkgeld, falls er das Geld bereits ausgegeben hatte, wurde es für ihn schwierig, es wieder zu besorgen. Fortan war er sehr zuvorkommend.

Mussa reparierte unseren Motor und wollte für einen Tankdeckel, einen Oelwechsel und die Reinigung des Vegasers hundert Euros. Das ist ein Monatsverdienst. Ich vermutete, die Preise sind oft das Doppelte und man trifft sich dann in der Mitte. Also runzelte ich die Stirn und fand, ich zahle für die vorzügliche Reparatur für die wir ihm sehr dankbar seien dreissig Euros. Er sah mich enttäuscht an und sagte, nein, das sei kein Preis, er habe sechs Kinder. Ich konnte erwidern, ich hätte ihn für einen Kostenvoranschlag gebeten und hätte für hundert die Reparatur nicht machen lassen. Er ging auf achtzig runter, ich auf fünfundreissig rauf, er auf fünfzig runter, ich auf vierzig rauf. Das gehe nicht, was wir nun machen könnten? Offenbar waren wir nun beim ungefähr reellen Preis angelangt. Diese Verhandlungen werden immer zu zweit geführt, dass niemand den letztendlichen Preis erfährt und alle das Gesicht wahren können. Schlussendlich bezahlte ich fünfzig, etwas brummlig, er nahm das Geld etwas grimmig.

Am nächsten Tag sagte ich Mussa, sechs Kinder seien teuer, ich hätte nur ein Kind. Er meinte deshalb müsse er viel Geld verdienen, was ich ja nicht bereit sei zu zahlen. Wir lachten und umarmten uns, preislich versöhnt.

Beye füllte mit seinem Freund sechshundert Liter Wasser mit Kanistern in die vor Anker liegende Inuit in unsere Tanks. Er hatte tausend Liter für fünfundvierzig Euros angeboten, ich gab das Ok ohne Preisverhandlungen. Stani hatte mir gesagt, ich hätte mit zwanzig, fünfundzwanzig Euros für tausend Liter zu rechnen. Allerdings passten dann nur sechshundert in den Tank. Ich gab dreissig Euros für die Auffüllarbeit, welche fast einen Tag Arbeit für Beide verursacht hatte, sie bedankten sich hoch erfreut, es musste wohl der doppelte Preis als üblich gewesen sein.

Das entspricht umgerechnet vier Euros pro Person für den Wasserverbrauch während dreier Wochen, es bedeutete für uns wenig, aber alles für die zwei Wasserschlepper.

Wir sind absolut beeindruckt vom Lächeln und dem Charme der SenegalesInnen trotz dem harten kläglichen einfachen Leben. Viele müde Gesichter hellten sich auf bei Begegnungen. Ich war mir bewusst, wir befanden uns in einer absolouten finanziellen Überlegenheit, welche eine gewisse Hierarchie schaffte. Der Kunde ist König.

Als Bruno die Kette am Velo heraussprang, überholte ihn ein Arbeiter auf seinem Fahrrad mit der Überschrift WALO am Arbeitskleid, der grossen Tiefbaufirma in der Schweiz, und bemühte sich, mich einzuholen. Mein Kompagnon hätte Probleme mit der Kette, informierte er mich besorgt. Wir fühlten uns hier auf Händen getragen, umsorgt. Nie hatten wir Angst, auch im Slum schüttelte man uns neugierig die Hand und erkundigte sich nach unserem Wohlergehen, bot uns Tee oder ein Essen an.

Schmutzige Kinder kamen ab und zu auf uns zu, ob wir mit dem Fahrrad von der Schweiz in den Senegal gefahren seien?

Im Strassenverkehr äussert sich der wahre Volkscharakter. Kein ärgerliches Hupen, keine gewagten Manöver, auch hier fühlten wir uns mitten im Schwerverkehr umsorgt von aufmerksamen Schwerlastwagenfahrer, Taxifahrer, Busfahrer und weiteren VerkehrsteilnehmerInnen. Fahrräder und FussgängerInnen haben hier nicht Vortritt aufgrund irgend eines Strassenverkehrsgesetzes, sondern weil alle achtsam zueinander sind und allen die Sorge für das Wohlergehen des Anderen wichtig erscheint. Niemand findet, ER habe auf Strassen Vorrechte nur weil, meistens ER alleine in einem SUV sitzt und sich stärker als Radfahrer und Fussgänger fühlt.

Pferdewägelchen trotteten lange Strecken vor Kolonnen von vierzig Tönnern. Will ein Verkehrsteilnehmer in eine fahrende Kolonne einbiegen, schiebt er sich langsam in die Kolonne rein und es ist selbstverständlich, dass ihm Platz gegeben wird. Es gibt kaum irgendwo eine Ampel. Es gibt an gewissen Knotenpunkten Verkehrspolizisten. Es gibt überall irgendwelche selbsternannte Verkehrsregler, welche den Verkehr winken, pfeifen, lachen, nie schimpfen.

Wo ist das korrupte Senegal? Warum beuten einige wenige alle anderen aus?

Ich möchte Hugo Fasel im Vorwort des Almanach Enticklungspolitik von Caritas, 2019, S. 9) zitieren:

Hüten wir uns davor, den Westen zu dämonisieren und die Ursachen für die Armut Subsahara-Afrika alleine in der ungerechten globalen Wirtschaftsordnung zu suchen. Auch diktatorische Regime, Vetternwirtschaft und schwache Institutionen haben das Gemeinwohl untergraben. Günstlingswirtschaft darf aber auf keinen Fall als „natürlicher afrikanischer Wesenszug“ betrachtet werden, will man nicht rassistischem Gedankengut den Boden bereiten. Vielmehr ist es so, dass afrikanische Regimes, die sich nach der Unabhängigkeit als korrupt entpuppten, die westliche Besatzermentalität fortführten und so den einstigen Kolonialherren garantierten, weiterhin afrikanische Ressourcen ausbeuten zu können….. Mancher in Afrika tätige globale Konzern verfügt über ein grösseres Budget als viele afrikanische Staaten. Wer im Westen lebt, der sich auch im 21. Jahrhundert der Rohstoffe Afrikas bemächtigt und die tiefen Sozial- und Umweltstandard zum eigenen Vorteil nutzt, darf die Verantwortung für mangelnden Fortschritt bei der Armutsbekämpfung weder einseitig den afrikanischen Regierungen noch der Entwicklungszusammenarbeit anlasten.“

Sind die Senegalesen nicht über die Arroganz der westlichen Hemisphäre informiert, welche ihren Müll in Afrika deponiert und damit einheimische oekonomische Strukturen zerstört?

Heute kauften Bruno und ich am Strassenrand vier Pullis mit amerikanischen Aufdrucken, um die Aussenborder vor dem Harmattansand zu schützen. Jeder Aussenborder hier trägt Textil.

Als vor ein paar Monaten die ostafrikanischen Länder beschlossen, keine Altkleider aus der USA und Europa mehr einführen zu wollen, um die einheimische Kleiderindustrie zu fördern, drohte Trump ihnen, sie vom weltweiten Geldsystem abzukoppeln, welches immer noch in Dollar abläuft. Alle Länder fielen um bis auf Ruanda, das moderne und stolze Vorzeigeland. Mit welcher kaltschnäuzigen Arroganz kann Trump eine solche bescheuerte Drohung ausstossen, zum Nachteil von Millionen von afrikanischen SchneiderInnen, zu Gunsten von ein paar Dutzend Altkleidersammler und Exporteure der USA? Wie lange dulden die Bürger der westlichen Welt solche Egoisten und wählen sie?

Wir sind weit entfernt von jeglicher Fairness mit Afrika, auch wenn Volker Seitz eigene Despoten für das desolate Afrika verantwortlich macht.

Morgen segeln wir weiter.

Las Palmas – Dakar

Weihnachten 25.12.2019

28°04’N 16°54’W

Wir segeln bereits fünfzig Meilen südlich von Teneriffa Richtung Dakar. Wir haben den Passat erwischt, eine kleine Brücke zwischen Gran Canaria und Gomera, welche uns mit fünf bis sechs Knoten Fahrt südlich trägt. Micha und Maité sind auf Wache, Bruno und Simon sitzen mit mir am Kajütentisch nach einem excellenten Weihnachtsmenue, gekocht auf See bei zwanzig Knoten Wind:

2 Kg Rindsbraten mit Salz eingerieben und dem Saft einer ganzen Zitrone während zwölf oder mehr Stunden mariniert. Dann stecke ich jeweils zehn Knoblauchzehen ins Fleisch durch kleine Einschnitte. Den Braten lege ich in eine Gratinform, schichte gevierteilte Zwiebeln, Rüebli und Broccoli dazu und übergiesse es mit ungefähr einem Deziliter Oel. Dann schiebe ich das in den Backofen je nach Zeit, welche noch zur Verfügung steht lasse ich es zwei bis sechs Stunden garen. Zu Beginn backe ich bei grösster Hitze anstelle des Anbratens und wende den Braten nach ca. 15 Minuten und reduziere nach einer weiteren viertel Stunde die Temparatur auf ca. 160 Grad für zwei weitere Stunden oder auf 100 Grad für fünf weitere Stunden. Um genügend Saft zu erhalten, giesse ich fünf Deziliter Weisswein in die Form nach dem Anbraten. Dazu habe ich Salzkartoffeln mit zehn Prozent Meerwasser im Kochwasser serviert.

Bitte koche nie Spaghetti in reinem Meerwasser, sie werden versalzen und absolut ungeniessbar.

Fast alle waren hellauf begeistert vom Weihnachtsmenue, was mich ungemein freute. Leider leidet Maité noch immer an Übelkeit, trotz Pflaster, Brille und Stugeron.

Wir diskutieren den Wikipediabeitrag, dass vierzig Prozent der Frauen und lediglich zwanzig Prozent der Männer Guanchengen in sich tragen, angeblich weil die Männer jeweils umgebracht worden seien. Ich finde das absurd. Wenn eine Frau hundert Prozent Guancha ist und der Mann hundert Prozent Spanier müssten die Kinder, ob Mädchen oder Junge je die Hälfte Gaunchen- und Spaniergen in sich tragen und diese auch weitergeben. Die obige Erklärung erscheint mir unlogisch, warum das Guanchengen bei Frauen bevorzugt nachgewiesen werden könne?

Donnerstag, 26.12.2019

Der Wind hatte nachts zugenommen und bläst nun mit zwanzig Knoten. Wir banden zwei Reffs, holten die Genua ein und setzten die Fock. Es war stockdunkel und diesig mit der hohen Luftfeuchtigkeit. Weiterhin segelten wir mit sechs Knoten auf Kurs hundertneunzig Grad. Heute morgen haben wir alles ausgerefft und die Genua gesetzt und segeln jetzt stetige fünf bis sechs Knoten. Die Sonne scheint, Bruno hat die Fischleine draussen, wir werden ein Etmal von gegen hundertdreissig Meilen machen.

Die Geschichte der Kanarischen Inseln gehört zur Geschichte Afrikas. Die Eroberung erfolgte listenreich und brutal. José Luis Concepcion (2018, Die Guanchen, ihr Überleben und ihre Nachkommen) beschreibt, dass 1402 ein normannischer Baron Juan de Bethencourt im Sold der spanischen Krone auf Lanzarote gelandet sei. Er habe bereits Guanchen als Übersetzer dabei, welche bei Raubzügen davor gefangen genommen worden seien. Die Guanchen seien ihnen friedlich begegnet und hätten ihnen Respekt entgegen gebracht. Der König Guadarfias habe Bethencourt sogar seine Leute zur Verfügung gestellt, um eine Festung zu bauen.

Während Bethencourt nach Spanien zurücksegelte, um Nachschub zu holen, habe ein Bertin de Berneval einen Aufstand angezettelt und habe bereits Guanchen als Sklaven nach Spanien gebracht. Die Guanchen ihrerseits wehrten sich. Der Guanchenkönig allerdings sei von eigenen Leuten verraten und durch die Spanier gefangen gesetzt worden. Er habe sich dann befreien können und habe den Verräter Atchen verbrennen lassen. Schliesslich habe er sich aber den Spaniern ergeben müssen, sei getauft und mit seinem Volk versklavt worden. In gewissen Schlachten seien bis 600 spanische Soldaten getötet worden. Stets haben in diesen Schlachten auch Guanchen gegen Guanchen anderer Stämme gekämpft. Auf Gomera wehrte sich der König Hautacuperche am längsten gegen die Eroberungen der Spanier von 1402 bis 1496. Sie konnten die Invasoren lange Zeit abwehren.

Diese Geschichte erscheint mir exemplarisch, wie wir Europäer den anderen Völkern begegnet sind, wie wir sie ausgebeutet und vernichtet haben.

Da weit im Westen sich eher eine Nordwindbrücke aufbauen sollte, sind wir rund um die Südspitze von Teneriffa nach Gomera gesegelt. Bei San Miguel haben wir mit zwei drei Knoten Fahrt und glattem Wasser gedümpelt, als wir Blasfontänen gesehen haben. Der Wal musste riesig gewesen sein, Simon hat ihn für zwei Tiere gehalten. Nach seiner Rückenflosse müsste es ein Finnwal gewesen sein. Etwas später zwischen Teneriffa und Gomera haben wir auch Grindwale gesehen. Dies Seegebiet ist bekannt für eine grössere Walpopulation, offenbar gebe es sogar Orcas. Erstaunlicherweise entgegen der Vorhersage der Windyapp haben wir die ganze Strecke nach Gomera segeln können.

Auch Gomeras Marinepersonal ist erstaunlich nett gewesen. Obwohl wir keine Reservierung gehabt hatten, liessen sie uns an der Wartepier die Nacht verbringen. Wir machten einen Bummel im netten Ort. Nach dem Apero an Land habe ich ein Risotto zubereitet:

Zwei Zwiebeln im Oel anbraten mit zwei Tassen Risottoreis. Mit zwei Dezliter Weisswein ablöschen und heisse Bouillon dazu giessen. Auf sehr kleinem Feuer immer etwas heisse Bouillon nachgiessen und dann Pilze dazugeben. Ich hatte riesige Ohrenpilze zur Verfügung, zur Not tun es Champions, am besten finde ich Steinpilze. Kurz vor Schluss kommen Safranfäden rein. Ich lasse Butter und Rahm ganz weg. Ich nehme den Topf vom Feuer und gebe nochmals einen Schuss Weisswein und Schale und Saft einer halben Zitrone dazu. Es eignet sich sich auch Artischockenherzen oder grüne Bohnen beizumischen für ein Riosotto verde oder roten Chicoree für ein Risotto rosso, das schmeckt alles wunderbar.

Meine Rezepte sind allesamt in meinem Kopf, sie sind wohl irgendwann über ein Kochbuch in meinem Hirn hängen geblieben und verändert worden.

Um elf sind wir am Tisch ruhig geworden. Yumi ist sitzend eingeschlafen, eins nach dem andern wanderten wir in die Koje am Vorweihnachtsabend. Wir waren sehr müde nach unserem ersten Nachttörn mit der neuen Crew.

An Weihnachten um vierzehn Uhr sind wir wieder ausgelaufen. Um die Hafenmole herum hat uns bereits eine steife Brise aus Nord empfangen. Wir haben alles gesetzt, stellten die Motoren ab und segelten aus dem Stand acht Knoten. Schon bald haben wir zwei Reffs gesteckt und die Fock an Stelle der Genua gesetzt, es ist ein rasanter spassiger Start gewesen, endlich Dakar voraus.

Vor mir neigt sich die Sonne langsam gegen den Horizont, die See ist golden-silbrig, die Luft wolkenfrei gelbgold-blau. Es muss bereits Saharastaub in der Luft liegen. Wir haben die Genua, die Fock und das Gross oben und gleiten auf dem dünnen Silberfaden der Wasseroberfläche zwischen der gold-gelben Himmelsglocke und dem unter der Silberfolie der Wasseroberfläche liegenden Atlantik gegen Süden, das ist unübertreffbar. Die Inuit liegt wunderbar auf der Steuerbordkante, sich leicht gegen Westen neigend und pflügt pfeilschnell durch die Wellen. Später am Abend nimmt die See eine violett-titanblaue Färbung an nach dem Sonnenuntergang. Der Passat weht gleichförmig mit acht bis zwölf Knoten. Plötzlich überfällt uns die Nacht, ich dränge mich auf zu steuern, da es so schön ist. Ich bin der Kapitän. Mit sechs Crewmitgliedern sind immer zwei in einer Wache eingeteilt und ich gehe keine Wache. Dafür koche ich, was alle etwas entlasten soll, vor allem die Seekranken. Ich merke auch während dem Kochen, wenn jemand falsch steuert oder der Wind auffrischt. Diese Kombination ist recht praktisch, werden doch die anderen vom Kochen entlastet.

Ich lese wieder Achebe. Achebe versucht Lebensentwürfe in seinen Romanen zu entwickeln, er schreibt nicht einfach zur Unterhaltung. Er betonte auch immer, afrikanische Literatur sei nicht abgehobene „l’art pour l’art“ (Kunst um der Kunst willen) sondern verstehe sich als in der Gesellschaft verankert. Es müsste entsprechend für HistorikerInnen, SoziologInnen oder EthnologInnen relativ einfach sein, Entwicklungen afrikanischer Länder über die Literatur zu verstehen und zu deuten. Wer sonst könnte eine bessere Analyse bieten als afrikanische AutorInnen. Allerdings gibt es wenige AutorInnen und einige schreiben, was sie vermuten was die Post-Kolonisatoren lesen möchten, was gelesen und in Druck gehen könnte.

Rita Wöbke (Chinua Achebe 2015, S. 129) macht eine Ausführung über die Igbo Gesellschaft, welche ich zum Verständnis von Afrikanischen Gesellschaften interessant finde:

In der Igbo-Gesellschaft gibt es zwei Klassen von Menschen, die nwandiala, die Söhne der Erde, die Herren, und die osu bzw. oru, die Fremden, die den Götter geweihten, die Sklaven. Ein oru kann seine Freiheit kaufen, ein osu ist immer ein osu, das gilt für alle seine Kinder und Kindeskinder. Als Sklaven können sie wie Haushaltgegenstände gekauft und verkauft werden. Die Teilung der Gesellschaft in Herren und Sklaven geschah vor mehreren hundert Jahren, als einige Menschen den Göttern geweiht wurden. Das führt zu einer systematischen Diskriminierung der Geweihten. Aus den Geweihten wurden Sklaven, die fern von den andern leben mussten, damit sie den Rest der Gesellschaft nicht kontanimieren konnten. Sie haben weniger Rechte und es wird ihnen kaum die Gelegenheit gegeben, reich und erfolgreich zu werden. Sie können keine Führungspositionen einnehmen, keine traditionellen Titel erwerben. Nähere Kontakte zu ihnen oder gar Ehen mit ihnen sind den anderen verboten.

1956 wurde in Eastern Nigeria das osu und oru Kastensystem für rechtswidrig erklärt. Diskriminierungen wurden durch Androhung von Strafen verboten. Zuwiderhandlungen werden jedoch oft nicht verfolgt.“

Sklaverei war entsprechend eine Realität, welche nicht nur mit europäischer Kolonisation einherging sondern etwas gesellschaftlich Verankertes war, wie auch bei uns die Leibeigenschaft vor nicht all zu langer Zeit Realität gewesen ist.

Afrika zu verstehen wird nicht möglich sein, denn Afrika gibt es nur auf der Landkarte als Kontinent. Rita Wöbke (Chinua Achebe 2015, S. 152-154) schreibt allein über Nigerias Sprachen und Ethnien:

Von den 175,5 Millionen Nigerianern sind ca. 21% Yoruba, die im Südwesten leben; ca 30% sind Haussa-Fulani und leben im Norden, ca 20% sind Igbo und leben im Südosten des Landes. Hinzu kommen zwischen 400-500 weitere Ethnien mit ihren eigenen Sprachen und Kulturen.“

Sie erwähnt die Gefahr gewisser Literatur wie „ Ashanti Folk Tales“ oder „Lieder und Gedichte der Suaheli in Ostafrika“ oder „Contes populaire d’Afrique“:

Sie verbreiten bei Europäern neues Wissen oder bestätigen bereits vorhandenes Wissen: In Afrika sitzen Menschen bei Mondschein um das Feuer und erzählen sich Märchen über die Schildkröte und den Hasen – sicher nicht ganz falsch zu der Zeit, aber sicher auch kein befriedigendes Wissen über die zahlreichen Kulturen eines Kontinentes auf einer Fläche von über dreissig Millionen km2.“

Wird es uns gelingen, ehrliche offene Bekanntschaften zu machen oder wird eine Hierarchie weiss-schwarz konstruiert werden? Als Tourist und mit einer Jacht ankommend, werden wir voraussichtlich bereits eine Hierarchie reich-arm provozieren.

Freitag, 27.12.2019

23°10’N 17°41’W

Der Passat hat etwas abgeflaut, wir machen noch vier Knoten Fahrt. Nouadhibou ist siebzig Meilen querab. Die Landnähe ist merkbar an Vögeln, welche angeflogen kommen. Am Vormittag machten wir noch sechs Knoten Fahrt und die Antriebswelle begann plötzlich wieder unangenehm zu singen. Ich baute ein zweites Wellenböckli mit einem Nylonlager aus dem Schneidebrett. Plötzlich während ich im Maschinenraum eingezwängt lag und das Lager montierte, heulte die Welle laut auf und liess das ganze Schiff erzittern, als ob jemand der Inuit Leben eingehaucht hätte. Ich realisierte, dass dies nun die Backbordwelle war und bastelte darauf auch ein Wellenböckli, nun haben wir wieder Ruhe.

Wir sehen fast täglich Wale und Delfine. Leider sieht man all zu oft nur die Blasfontänen und ab und zu eine Rückenflosse, dann scheint es, sie tauchten ab und kämen länger nicht mehr hoch. Blauwale beispielsweise können über eine Stunde tauchen, wenn sie in tausend Meter tiefem Wasser nach Riesenkraken jagen. Delfine begleiten uns oft auch nachts, was ein fantastisches Schauspiel ergibt, da in diesem Seeraum viel Plankton im Wasser treibt und dies fluoriszierend die Konturen der „spielenden“ Delfine nachzeichnet. Die Nächte sind traumhaft schön, der Horizont verschwimmt oft mit der dunklen Himmelsglocke, welche sich nur durch die Sternendekoration unterscheidet. Wir decken jeweils die Navigationsinstrumente ab, um nicht durch Licht gestört zu werden und steuern nach Sternbildern. Das ist auch viel einfacher, da die Schiffsbewegungen sofort erkannt werden durch das Auswandern eines Sternbildes im Gegensatz zum Kompass, welcher viel träger reagiert.

Samstag, 28.12.2019

21°38’N 18°12’W

Gegen Mittag flaute der Wind ab. Kurz zuvor fingen wir den ersten Thun. Nach dem Segelbergen und Bad im Atlantik buk ich den Thun, er war köstlich, auch wenn er uns etwas leid tat. Gegen siebzehn Uhr setzten wir wieder Segel und treiben nun mit drei Knoten der afrikanischen Küste entlang. Bruno hat die Geschirrhalter in der Küche umgebaut und gepolstert, zur Vermeidung des Klapperns nachts.

Sonntag, 29.12.2019

Der Passat hat etwas zugelegt auf zehn Knoten und kommt wieder östlicher, was uns wieder zwanzig Meilen pro Wachen segeln lässt. Michael nähte heute das Sonnensegel fertig, welches uns ein treibender Ankerlieger im Sommer zerrissen hatte. Es wird Zeit sich über den Senegal kundig zu machen, Bruno liest bereits den Führer.

Falaffel Nuakchott: Michael wünschte sich heute ein „Palmsteak“ zum Nachtessen, abgeleitet vom Palstek. Also kochte ich zwei Randen zusammen mit je einer Tasse Reis und Linsen, zwei Zwiebeln und sechs Knoblauchzehen, einer Auberginen und drei Paprikas im Bouillon. Das Gemüse wird klein gewürfelt. Dann mischte ich Tomatenmark, noch mehr Knoblauch, ein Glas Oliven, zwei Päckli kleingeschnittene Baumnüsse und ein Päckli Mandeln dazu, wendete Klumpen dieser Pappe in geschlagenem Ei und dann im Paniermehl mit geröstetem Sesam vermischt und briet das im Oel. Serviert mit Salat, Zwiebelringen, Cornichon, Ketchup und Currysauce mundete das besser als jeder Fleischburger, gemäss Michaels Meinung. Allerdings reichte dieses Rezept für zwei Menues für sieben Personen, also wer es ausprobiert, muss die Mengen kürzen.

Nuakchot ist die Hauptstatt Mauretaniens, auf dessen Breite wir gerade segeln.

30.12.2019

Heute morgen um sieben Uhr haben wir einen Standort von 19 Grad 23 Minuten und 28 Sekunden nördlicher Breite und 19 Grad 23 Minuten 54 Sekunden westlicher Länge. Einen vergleichbaren Standort hatte ich wohl noch nie.

Der Passat hat uns wieder. Er bläst mit vierzehn Knoten aus Ost, wir mussten die Genua einrollen und setzten die Fock. Bruno zog mich den Mast hoch zum Filmen. Yumi liess sich ebenfalls hochziehen, um Fotos zu machen. Die Sicht war fantastisch und wir machten etliche tolle Aufnahmen. Seit über zwölf Stunden laufen wir nun zwischen fünf bis sieben Knoten Fahrt. Ich liess bereits Kurs wechseln auf hundertfünfundvierzig Grad, um Dakar direkt anzulaufen. Gestern vermutete ich, zu nahe an der Küste zu sein und hiess die Wachen 200 Grad Richtung Kap Verden zu steuern. Tatsächlich frischte der Wind nach hundert Meilen Distanz zur Küste auf und wir fühlen uns wie Raser. Mittlerweile steuern alle recht gut, trotzdem passierten am morgen früh zwei Patenthalsen. Ich musste raus und wir schifteten den Grossbaum und luvten an. Es ist am schwierigsten, direkt vor dem Wind zu steuern.

Senegal kommt, ich lese Fatou Diome (Der Bauch des Ozeans, 2004, S.46) und komme mit ihr in die Moderne Afrikas:

Die Sippe vergisst oft ihre Pflichten, aber nie ihre Rechte. Ich stand unter ihrem Gesetz. Ich mühte mich ab, um zu beweisen, dass mein Weg, der ihnen völlig fremd war, zu etwas führte. „Erfolg“ ist meine einzige Chance, den Zweck zu erfüllen, den bei uns jedes Kind hat: soziale Sicherheit für die Familie. Diese Unterhaltspflicht ist für alle, die im Ausland leben die schwerste Bürde. Doch da nichts über die Liebe und Anerkennung derer geht, die wir verlassen haben, wird jede ihrer Laune uns zum Befehl“.

Unser ivorischer Freund O. hat mir Fatou Diome geschenkt zur Abreise mit den Worten: „Genau so ist es, sie schreibt super.“

Er selber ist ein Seiltänzer zwischen afrikanischer Herkunftsprägung und dem Erleben der hastigen, unpoetischen, westlichen, entzauberten Welt.

Descartes mechanistisches Weltbild durchdringt mehr und mehr nicht nur unseren Alltag, sondern auch unser Denken und Handeln.

O. ist mit sechzehn Jahren in die Schweiz gekommen. Er suchte eine Beratungsstelle auf mit der Bitte, er möchte mehr tun als auf seinen Asylentscheid warten, er möchte in der Schweiz studieren. Meine Frau machte mit ihm zusammen das Gesuch ans Gymnasium und vernetzte ihn mit dem Jugendhaus. Als er dann, bereits im Gymnasium in Aarau, in ein kleines Dorf Vielmergen versetzt wurde und morgens um fünf Uhr auf den Bus musste, um um sieben Uhr dreissig in der Schule zu sein, liessen wir ihn bei uns wohnen. Es kann nur blanker Neid und der latente „unbewusste“ Rassismus eines unbedeutenden Angestellten sein, der es nicht ertragen konnte, dass ein Schwarzer Asylsuchender am Gymi in Aarau Erfolg haben könnte, welcher zu solchen Absurden Entscheiden führten. O. reiste dann jeden Freitag, am Gymi schwänzend, nach Vielmergen, um um siebzehn Uhr dort sein kärgliches Taschengeld in Empfang zu nehmen und bemühte sich auch irgend welche Putzämtli zu erledigen, um nicht in ein schlechtes Licht zu geraten im rigide geführten Asylheim. Nach einem weiteren Gesuch konnte er ein paar Monate später wieder in Aarau wohnen. Nach einem Jahr Gymnasium mit wunderbar unterstützenden Lehrpersonen sprach er fliessend Deutsch und Englisch nebst seiner Muttersprache Französich, lernte Spanisch und Italienisch. Er schloss das Gymnasium mit Bestnote ab, erhielt eine Anstellung bei der Bank, wo er meistens nachts und an Wochenenden arbeiten konnte und nahm sein Jurastudium auf. Momentan schreibt er seine Doktorarbeit. Er leistete enorm viel und besitzt genügend Intelligenz und Ehrgeiz, um seinen Weg zu gehen auch trotz rigider Schikanen der Schweizer Asylbehörden.

Fatou Diome, sie lebt in Strassburg und Niodior, beschreibt die Anforderungen an afrikanische Migranten in Europa, die Ansprüche der Herkunftsfamilie und des Ankunftslandes. Von Aufnahmeland kann ja nicht gesprochen werden, tauchen doch über fünfzig Prozent in den Untergrund, arbeiten schwarz und werden allzu oft zurück geschickt, wo sie mangels Erfolg und fehlendem Reichtum fortan mit Schimpf und Schande leben müssen.

Nach wie vor beschäftigt mich die Frage, wie kann sich Afrika ökonomisch weiter entwickeln, um der boomenden Nachwuchsgeneration andere Perspektiven zu bieten als die „Flucht“, die Migration nach Europa.

Fatou Diome (S. 85) beschreibt den fremdversetzten Lehrer Ndétar in ihrem Dorf, welcher im eigenen Land Senegal keine Heimat findet:

Doch allmählich begriff er, dass der Palaverbaum ein Parlament ist und der Stammbaum ein Personalausweis.“

Die Bindung an den „Stammbaum“, das Clan- und Familiendenken und die informellen, oft engen Strukturen, wo das Gesetz der Anciennität bestimmend ist, sind sehr bewahrend aber nicht weiterführend. Das Fernsehen hat im Fischerdorf Nodior am Sloumriver Einzug gehalten mit einem „betuchten, erfolgreichen“ Rückkehrer aus Frankreich und berieselt nun die Einwohner der Insel mit den Verheissungen des Westens, des reichen Nordens, deren sich einige nicht entziehen können. Niodior ist in der Mündung des Saloumrivers in Senegal, da wollen wir hin.

Dienstag, 31.12.2019

17°40’N 18°59’W

Um zwei Uhr morgens ging ich auf Brunos Einladung hin Wache. Er bedauerte, dass ich um die einsamen Nachtstunden am Steuer mit zügiger Fahrt mit erwachtem Passat komme. Es war stockdunkel, über die zu hellen Armaturen legten wir ein Stück Parkett und steuerten, nun nicht mehr geblendet, nach Sternen. Achteraus zogen wir eine fantastische Leuchtspur aus Plankton. Simon ging auf meine Empfehlung hin ohne Licht aufs Klo, wo beim Spülen das Plankton wie Perlenketten die Schüssel verziert. Der Wind hatte weiter zugelegt, Bruno reffte mit Micha zusammen um sechs Uhr morgens.

Es ist nun nicht mehr einfach, ins Bett zu gehen. Wir segeln auf Steuerbordbug und ich hangle mich jeweils über mein Kojenbrett auf die Matraze. Dann ziehe ich ein Schiebebrett vor die Kojenbrettvertiefung, welche wir in Gibraltar auf dem Baumarkt für alle Kojen extra besorgt hatten. Dann klemme ich ein grosses Kissen zwischen das Schiebebrett und meinen Rücken und kuschle mich in den Schlaf. Ab und zu erwache ich durch einem lauten Knall gleich neben meinem Kopf, wenn die See platt gegen die Bordwand sich bricht. Es fühlt sich dann an, als ob aus grosser Höhe eine Tonne Wasser auf die entsprechenden ein bis zwei Quadratmeter Alublech klatschen würde.

Die Inuit taucht nun mit dem Bug bei zunehmender Wellenhöhe mit dumpfem Stampfen in Wellentäler und hebt sich ruckartig in die Höhe, um gleich wieder sich fallen zu lassen. Das nennt sich Stampfen, was bei Maité und Yumi sofort die Neigung zu Brechreiz soweit erhöht, dass sie nur noch ungern unter Deck gehen. Der Gang aufs WC muss zur Qual geworden sein, da selbst ich nur noch unter grösseren Anstrengungen, mich an den Seitenwänden festklammernd, mich auf die Kloschüssel zwängen kann, um zu versuchen, ohne Podusche mein Geschäft zu verrichten. Um vier Uhr früh heute allerdings spülte eine überkommende See über Deck und duschte durch die Lüftungsluken eindringend mich auf dem Klo sitzend.

Die Kombüsenarbeit dauert nun doppelt so lange, da man mit Füssen am Kühlschrank absperrend für jede Arbeit die Schiffsbewegung einbeziehen muss. Die Krängung wird dann unakzeptabel, wenn das Wasser im Brünneli nicht mehr abläuft, da es über dem Meeresspiegel zu liegen kommt, oder wenn die italienische Expressomaschine durch die kardanische Lagerung des Herdes die Bordwand berührt. Wenn das soweit kommt, ziehe ich jeweils meine Oelzeugjacke und Schwimmweste über und schlage vor, ein Reff einzubinden, sofern die Wachen dies nicht eh bereits realisierten.

Es ist zwanzig Uhr Silvesternacht, Bruno und Michael sind bereits schlafen gegangen nach guten Wünsche für den Rutsch. Yumi liegt seekrank im Salon, Simon daneben und liest im Reader, Micha und Maité sind auf Wache und steuern gradlinig auf Dakar zu. Wir sind sieben Tage auf See, morgen werden wir Landfall machen und hoffentlich tags in Dakar einlaufen, bzw. uns vor Anker legen. Wir laufen gerade noch mit fünfeinhalb Knoten Fahrt und müssen weitere hundertneun Meilen segeln, das wären dann doch noch zwanzig Stunden.

Mittwoch, 1.1.2020 Mitternacht

15°43’N 18°01’W

Das neue Jahr beginnt, Simon und Yumi sind auf Wache. Im Hinblick auf die noch immer unruhige Fahrt und der Restcrew in der Koje verzichten wir auf eine Zeremonie. Der Passat hat sich bereits etwas gelegt, obwohl wir noch neunzig Meilen von der Küste weg sind. Die Wellen werden ebenfalls schwächer, was die Inuit in ihren Bewegungen beruhigt. Wir werden gut schlafen, aber vorerst werde ich einen Cake für Neujahr backen:

Ca. 100 Gramm Zucker und vier Eigelb vermischen. 150 Gramm Baumnüsse, 150 Gramm Haselnüsse, alle halbiert, 150 Gramm schwarze Schokolade grob gehackt werden mit ca. 150 Gramm Mehl eingepudert, welchem ein Teelöffel Backpulver untergemischt wird. Das steif geschlagene Eiweiss lagenweise mit der Mehl, Nuss, und Schoggimischung unter die Eigelb-Zuckermasse ziehen. In einer mit Butter bestrichenem und mit Zucker begestreutem Backpapier ausgelegten Backform 60 Minuten bei ca. 170 Grad backen. Die Schoggi muss mit Mehl eingestäubt sein, sonst sinkt sie an Boden des Teigs. Ein Cake sollte bald nach dem Backen aus einer Backform herausgelöst werden, sonst wird die Kruste weich.

Später am Tag:

In der Nacht hatte der Wind aufgefrischt und wir steckten ein zweites Reff.

Afrika erwartete uns mit vierundzwanzig Knoten Harmattan, wenig Sicht, rot eingepuderten Segel und Leinen, den Gruch von verbranntem Müll und fliegenden Fischen. Nachts um dreiundzwanzig Uhr meinte ich erst, jemand werfe mir eine Petflasche an, bis ich realisierte, dass im Cockpit ein fliegender Fisch zappelte. Einen zweiten fand ich beim Ausreffen im Fall verfangen. Später am Vormittag motorte eine Fischerbarkasse auf uns zu. Ganz schön mutig, fahren die Senegalesen mit offenen Booten vierzig Meilen aufs offene Meer hinaus. Gegen den Harmattan an schöpften sie laufend Wasser, einer war am lenzen mit einem Palstikeimer. Wir grüssten gegenseitig, aber es war zu viel Wind, um miteinander zu plaudern. Wir segelten mit sechs Knoten etwa doppelt so schnell wie sie motoren konnten und verloren sie bald achteraus. Alle schluckten heute die erste Malariatablette. Malaria ist eine heimtückische Krankheit, welche nebst äusserst unangenehmen Fieberschüben über lange Zeit die Leber kaputt gehen lässt.

Ich vermute der Wind wird sich in Küstennähe weiter legen. Allerdings können wir wieder ausreffen und die Genua setzen. Die Delfine sind heute ausgeblieben, dafür haben wir einen Kugelfisch gesehen. Michael meinte, es sei ein Hai, aber seine Rückenflosse schwenkte er wie ein Kugelfisch, als ob er mit einem Arm sagen würde, hallo ich bin auch da. Später beobachtete ich einen Schwarm fliegende Fische, welche durch die Wellentäler pfeilten, wohl um ihrem Jäger zu entkommen.

Das Kap Vert liegt drei Meilen querab und ist im Dunst des Harmattans nicht zu sehen. Zwei Stunden später lichtet sich die Sicht mit drehendem Wind. Goree wird von der untergehenden Sonne golden verzaubert. Wir starten den Motor, um noch tags auf Reede gehen zu können. Wir lassen den Anker vor Hann fallen nach 996 Meilen seit Las Palmas und nach sieben Tagen und ein paar Stunden auf See. Wir jubeln, was für eine Überfahrt. Der Gebetruf des Muezzins weht über die Bucht. Ich bin gesättigt vom Sehen, Hören, Riechen und Fühlen, von den Eindrücken der Überfahrt. Wir sind sehr gespannt, wie es morgen hier aussehen wird.

Porto Santo – Gran Canaria

Dienstag, 3.12.2019

Porto Santo

Am 1.12.2019 um neun Uhr hatten wir Landfall gemacht und sind am Mittag in Porto Santo eingelaufen. Kurz davor hatte der Wind kräftig aufgefrischt und wir hatten ein Reff ins Gross gesteckt, die Genua geborgen und die Fock gesetzt. Schlussendlich hatten wir hoch am Wind segeln müssen. Bruno war nachts zu viel abgelaufen aus Freude, endlich mal 7 Knoten zu segeln. Einige Regenböen brachten nordwestliche Gegenwinde. Aber wir hatten es bis 2 Seemeilen vor die Hafeneinfahrt zu segeln geschafft, hatten dann alle Segel geborgen und uns im grossen Hafenbecken von Porto Santo vor Anker gelegt.

Tags darauf montierten wir unsere Fahrräder und pedalten gegen Abend in die Ortschaft hinein nach einem Bad im Ozean und einer Dusche mit Tankwasser. Baleira ist ein schmucker verträumter Ort mit vielen architektonisch schön gebauten neuen Häusern. In den letzten Jahren muss der Tourismus Geld gebracht haben oder einige Investoren hoffen darauf. Der wunderschöne Strand ist sieben Kilometer lang und mehr als die Hälfte davon noch unverbaut, mit einer Düne davor, worauf Agaven, Palmen und einige Kaktus ähnliche Ruderalpflanzen wachsen, was der Landschaft einen eigenen Reiz gibt. Am nächsten Tag machte ich eine tolle Radtour rund um die Insel und stieg auf die höchsten Berge auf 514 Meter hoch. Im Aufstieg durchwanderte ich ein verträumtes Kiefernwäldchen inmitten hellgrünem Kleebestand, ein märchenhafter Anblick. Ich sammlte ein Kilo Fichtenröhrlinge, völlig erstaunlich, da die Insel meist sehr trocken und karg wirkt. Oben auf dem Pico Castell musste ich laut lachen. Auf dem kleinen Gipfelplateau, wo ich bestenfalls ein Gipfelkreuz oder eine kleine Hütte erwartet hatte, ist ein Gärtchen angelegt. Ringsum ist alles liebevoll terrassiert mit Steinmäuerchen aufwendig gestaltet und mit Kiefern, Blumenstauden und Kakteen bepflanzt. Ganz zuoberst beginnen die Levadas, die Bewässerungsleitungen, welche weiter unten ein grosses Wasserreservoir speisen. Nach einigem Herumgucken tauchte plötzlich Bruno auf, welcher nach einem Platten am Velo die Radtour abgebrochen hatte. Die Aussicht war atemberaubend, da die Sonne vorbeiziehende Wolken mit Regenböen durchbrach und den Ozean silbern aufleuchten liess.




















Abends assen wir ein Pilzbrät mit Nudeln. Nachts musste ich zweimal aufs Klo mit Dünnpfiff, die Pilze waren vielleicht doch nicht ganz koscher?

Nun sind wir wieder unterwegs nach Madeira mit sieben Knoten Fahrt und geniessen Segeln vom Feinsten.

Mittwoch 4.12.2019

32°43N 16°42W

Wir ankern mitten in einem Vulkankrater in der Enseada da Abra unter steilen Vulkanabhängen der Ponta de Sao Lourenco, gegen Südosten begrenzt durch die Kulisse der Ilha Deserta Grande und Ilha Bugio mit ihren wilden Kraterrändern senkrecht aus dem Meer herausragend. Immer wieder fallen Böen über den Kraterrand über uns her und lassen die Inuit wild schaukeln, aber der Anker hält und wir jassen den ganzen Abend.

Samstag 7.12.2019

Madeira

Funchal hatte sich beleuchtet. Tausende Lichterketten schlängelten sich an Bäumen, über Geländer und den Strassen entlang weit den Hügel hinauf. Funchal hat 110’000 EinwohnerInnen und ist schmuck und reich, wie es scheint. Die Marina ist nicht ganz billig, sie nahm einundachzig Euros für eine Nacht. Aber wir genossen es, unkompliziert an und von Bord gehen zu können.

Die Crew von Almeria bis Madeira















Die MedeiranerInnen hatten einen lustigen Weihnachtsmarkt aufgebaut mit Food- und Ponchoständen. Poncho sei ein Getränk, die Fischer haben es offenbar erfunden, um sich warm zu halten. Wir tranken gegen Mitternacht nach einem überwältigenden Konzert in der English Church den Poncho, ein Fruchtsaft aus Maracuja oder Tangerine vermischt mit Madeira Rum. Je später in der Nacht, desto mehr Rum scheint drin zu sein. Die Portugiesen standen dicht gedrängt auf dem breiten Gehsteig und palaverten. Einige trugen abenteuerliche Kappen mit einem Stängel obendrauf, was sie wie eine Frucht mit Keimblättern und Stiel aussehen liess. Offenbar bedeute eine gestreckter Stängel, ich suche und ein gerollter, ich bin schon vergeben. Andere trugen Wollkappen mit hochgeklapptem Ohrenschutz wie die Gitaneengel. Da viele an den Ständen wohl Bauern waren, sahen sie etwas bäuerisch aus, was Mike dazu verleitete, sie als „beschränkt“ anzusehen. Mit viel Schlagseite gingen wir schlafen. Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Yellowbus an die Nordseite der Insel. Man zeigte uns eine Lavahöhle und allerlei andere Sehenswürdigkeiten, aber das Highlight war wieder das Konzert im Jazzhouse, wo Robin Hurd Musik machte. Wir wurden von einem beleibten Kellner bedient, welcher dann plötzlich am Mikrofon stand und wunderbare Frank Sinatrasongs sang. Später kam der russische Violinist vom Vorabend und legte nach. Er geigte äusserst virituos, mitreissend, wunderbar und wechselte dann auf Rock. Er verkündete, wir, eine Segelcrew , welche um die Welt segle, seien extra gekommen, weil wir vom letzten Konzert begeistert gewesen seien, also spiele er nun für uns Queens und Rock. Alle Köpfe drehten sich zu uns, wir lachten und korrigierten seine Aussage, wir segelten lediglich eine Atlantikrundtour.
















Sarah, Rene, Stefan und U., unsere nächste Crew, sind heute eingetroffen. U. und ich fuhren mit der Sesselbahn nach Monte und wanderten in den botanischen Garten. Wir waren begeistert von den tollen Blumen und Früchten und sammlten, was am Boden lag: Pradiesfrucht (eine geschmacklich wunderbare Frucht vom Phylodendron), Dragonfrut, Guaioba und Palmfrüchte. Alles war excellent und baumreif.
















Montag 9.12.2019

Wir liefen heute gegen 14.00h aus. Madeira ist wundervoll, aber heute hatten drei Kreuzfahrtschiffe angelegt, welche die Stadt mit zehntausend Kreuzfahrttouristen überflutet hatten, was uns den Abschied deutlich erleichterte. Die KreuzfahrerInnen trugen Schlabberhosen und Gilets mit zahlreichen aufgenähten Taschen. Es schien so, als müssten sie dauernd irgendwelche Gegenstände bei sich führen und in geeignete Taschen versorgen wie US Marines im Krieg. Ihre Kleider waren weiss und sandfarben. Die Frauen steckten in kurzen oder langen Pluderhosen und T-Shirts, worauf Miami oder Mauritius steht. Sie trugen Trekkingsandalen und umgehängte Kameras und haben dicke Bäuche, da sie sich dauernd an enormen Buffets sättigen und übersättigen können.

Früher haben Kreuzritter angeblich das Christentum in den nahen Osten gebracht und sind teilweise sagenhaft reich zurückgekehrt. Heute tragen KreuzfahrerInnen ihr Taschengeld in die Welt und vor allem der MSC Reederei zu (mit Sitz in der Schweiz aus Steuergründen) und kehren mit grossen Mengen an Fotos nach Hause oder legen diese in der Cloud ab. Da sie bereits ein Überangebot an Essen, Boutiquen, Coiffeurläden, Kinos und Bühnenshows an Bord haben, mögen sie an Land zum Leidwesen der einheimischen Bevölkerung nichts mehr konsumieren.

Aber sie überschwemmten den Mercato de Lavodores, welcher grösstenteils leergeräumt war, um den Touristen den Platz zu lassen und fotografierten die hier plötzlich in traditionelle Bauernkleider gesteckten VerkäuferInnen, welche versuchten ihnen tropische Früchte für den vierfachen Preis des Vortages anzubieten. Sie setzen sich dann in Cafes, welche in derselben Manier wie an Bord Drinks von englisch sprechenden KellnerInnen anboten.

Es gab auch die sportlichen KreuzfahrerInnen, welche in Gruppen von zwanzig bis vierzig Odlo bekleideten jüngeren Menschen mit ihren EBikes ganze Strassenzüge lahmlegten. Sie parkten ihre Fahrräder ebenfalls wie ich vor dem Mercato de Lavodores und überfluten ihn in grossen Gruppen, alle mit identischem Helm auf dem Kopf. Mit einer geeigneten Laserpistole könnten sie durchwegs in Startreck auftreten. Zumindest schien ihnen die Zeit zu fehlen, den Helm abzulegen und über ihre körpereng anliegenden Kunstoffkleider eine anständige Hose zu ziehen. Es war dann recht schwierig, einen Marktstand zu finden, welcher uns zu anständigen Preisen grössere Mengen an Früchten und Gemüse verkaufte für unsere Weiterreise.

Wir segeln im Passatlee von Madeira Kurs Südost. An Backbord tauchen die beiden Desertas aus den Wolken auf wie mystische Supertanker. Sie bescheren uns flaches Wasser bei zwanzig Knoten Nordostpassat.

Mittwoch, 11.12.2019

Wir sind den dritten Tag auf See und segeln mit zwanzig Knoten Wind und bis acht Knoten Fahrt mit zweimal gerefftem Gross und gereffter Genua 160 Grad Richtung Lanazarote. Bereits hat Stefan die Insel im Dunst gesichtet. Die See ist titanblau mit einem Silberstreifen, wenn die Sonne durch die Wolken bricht. Mittlerweile hat sogar Rene ein Stück Brot zum Frühstück gegessen. Er leidet an Übelkeit trotz Stugeron und Pflaster hinter dem Ohr. Aber er scheint guter Laune und geht fleissig mit Stefan Wache von zweiundzwanzig bis morgens um zwei Uhr und von zehn bis vierzehn Uhr. Ich und U. haben die Schoggiwache von sechs bis zehn und von achtzehn bis zweiundzwanzig Uhr. Trotzdem verschlafe ich mich regelmässig, da Bruno mich erst um halb sieben weckt. Nach der ersten ruppigen Nacht kann ich auch mit relativ viel Schiffsbewegung gut schlafen. Wir werden in der Koje tüchtig durchgeknetet vom stark rollenden Schiff. Wir machen Etmale von hundertdreissig Seemeilen.

Das Rezept für den Schwertfisch vom Markt:

Die Fischfilets, sie sind ca. fünfzehn Milimeter dick geschnitten, mariniere ich mit viel Zitronensaft und Salz mindestens zwei, besser 6 Stunden und lege sie dann mit Rosmarin bestreut in die geölte Gratinform. Das ganze mit voller Hitze ca. 10 Minuten backen, dann drehen und nochmals zehn Minuten backen mit etwas Weisswein übergossen. Dazu habe ich Broccoli und Kartoffeln im Dampfkochtopf gekocht.

Leider konnten Sarah und Rene nichts davon essen.

Mittwochabends 11.12.2019

Lanzarote

Es ist gegen 18.00h, die Sonne verfärbt sich glutrot, wir segeln mit acht bis neun Knoten rund ums Südkap von Lanzarote, den Punta Pechiguero. Vor uns geht der Vollmond auf über dem Punta Papagaio. Uns kommt ein Dreimaster mit gesetzten Gross, Brahms- und Marssegel entgegen, eine richtige Fotoshow. Bevor es ganz finster ist, gehen wir vor der Marina Rubicon vor Anker.
















Freitag 13.12.2019

Eigentlich bin ich nicht abergläubisch, also liefen wir am Freitag den Dreizehnten doch aus.

Vor vierzig Jahren sind wir auch von Teneriffa an einem Freitag den Dreizehnten ausgelaufen und haben einen Vorstagsbruch erlitten. Unser Schiff damals war ein vierunddreissig Meter Topsegelschoner und hatte drei Vorstage, so war das nicht lebensgefährlich. Wir liefen am selben Tag wieder ein und reparierten das Stag.

Gegen achtzehn Uhr lichteten wir den Anker und segeln nun mit acht Knoten Fahrt mit gereffter Genau und gerefftem Gross. Der Mond wirft Schatten übers Deck.

Lanzarote war toll. Am ersten Tag habe ich eine Biketour mit Ueli gemacht. Wir fuhren auf einen kleinen Vulkan über Kuppen mit kargen Lavabrocken verstreut in rötlicher verbrannter Erde und Ruderalbewuchs und dann an die Playas Papagaio, ein traumhaft schöner Ort mit idyllischen Stränden. Auf einer Tafel war zu lesen, die Spanier hätten an den Stränden der Papagaio eine „Stadt“ Rubicon gebaut. Sie seien dort gelandet und hätten dank einer Quelle Fuss fassen können und von dort aus die Insel erobert. Es sei sogar einmal ein Bischofssitz gewesen. Der Bischoff habe sich immerhin gewehrt, alle Männer umzubringen als Vergeltung einiger durch die Urbevölkerung getöteter Spanier. Heute sind nur noch drei Häuser vor Ort und eine nicht bischöfliche Strandbar.

Heute bikten Bruno und ich nach Femes und durch den Nationalpark des Ajos. In Femes kauften wir uns je ein Bild in einer Galerie. Der Galerist, Martin, war sehr nett und hatte Freude, dass wir überhaupt eintraten. Er hatte viel Kitsch aufgehängt und darunter vier Perlen. Wir wollten bereits gehen, als Bruno den Wieghardt entdeckte. Der Galerist bot uns die Bilder für je siebzig Euros an. Sie zeigten eine Ansicht der Papagaiogegend.

Auf Lanzarote regnet es fast nie. In die Anbauflächen wird Lavagranulat geschüttet, woran sich die Feuchtigkeit des Atlantikwindes kondensiert und sogar Kartoffeln wachsen lässt. Überall wo ein paar Lavabrocken aufgeschichtet sind, gedeihen Kakteen durch das Kondensat des Passats. Die Landwirte pflanzen Zwiebeln in roter und schwarzer Erde. Die Kulturen bleiben klein, munden aber würzig. Es wachsen beste Weine in Mulden, welche von Lavabrocken trichterförmig ummauert werden.

Nach Femes verliessen wir die Strasse und bikten auf einem Wanderweg. Teilweise mussten wir die Bikes schieben und tragen, aber die Wüstenlandschaft ist sehr reizvoll. Auf der Nordostseite der Insel fühlte man sich in die Sahara versetzt. Wir traversierten bewuchslose Lavakegel, Kuppen und Täler, welche bis ins Meer abfielen. Wir überquerten eine Scharte etwas unterhalb des zweithöchsten Berges der Insel und freundeten uns mit einer Ziegenherde mit der weltweit schönsten Aussicht an, ja Ziegen und uns gefällt das.

Nun segeln wir nach St. Cruz de Teneriffa, solange noch Wind weht. Ab Samstagmittag soll dieser abflauen und wir wollen nicht Motoren.

Samstag 14.12.2019

Mittlerweile ist es Samstagnachmittag. Die Küstenfunkstelle der Kanaren verbreitet die Nachricht, ein Flüchtlingsboot sei mit unbekannter Anzahl Personen unterwegs zwischen der afrikanischen Küste und den Kanaren. „Keep sharp lookout“ gegebenenfalls soll man sich mit der Küstenfunkstelle in Verbindung setzten. Wir erlebten bereits dasselbe im Mar de Alboran, wo drei Flüchtlingsschiffe über Pan Pan gemeldet worden waren. Was im Fall eines Treffens oder einer Meldung bei Sichtung an die Küstenfunkstelle passieren würde, ist uns unklar. Natürlich diskutierten wir den Fall. Stefan meinte, er hätte grösste Bedenken, zwanzig bis dreissig Personen an Bord zu nehmen, man wüsste ja nie, was da passieren kann. Ich entgegnete, dass ich von friedlichen Menschen ausgehen würde und eher das Einlaufen in einen Hafen problematisch werden könnte, da wir nirgends willkommen wären. Aber ich würde nie mehr gut schlafen können, wenn ich Flüchtlingen in einem fahruntüchtigen Schiff ausweichen würde. Irgendwie sind wir doch froh auf der Westseite der Küste von Lanzarote zu segeln und uns dem Problem nicht stellen zu müssen.

Das ist genau der Fall für die allermeisten europäischen Länder und die meisten EuropäerInnen. Sind wir nicht alle froh, erledigen diese unangenehme Arbeit die ItalienerInnen, die TürkInnen, die SpanierInnen die GriechInnen und „medicine san frontiers“ mit ihren Rettungsschiffen für uns. Zahlen wir nicht sehr gerne ein bisschen Steuergeld diesen Ländern, ein bisschen Spendengeld den RetterInnen, um uns nicht damit befassen zu müssen? Die Vorstellung, nachts auf See in einem Schlauchboot mit einem Aussenborder, welcher jederzeit aussteigen kann, erschreckt mich sehr, da ich die See mit all ihren Facetten kenne, auch Nachts.

Montag 16.12.2019

Teneriffa

St. Cruz ist nicht schön. Es gibt die Plaza Espania, welche von Herzog De Meuron gestaltet ist und das Auditorium von Calatrava, beide durchaus sehenswert.












Ganz toll ist die Altstadt von La Laguna. Als wir mit der Strassenbahn da hinauf gefahren sind, schlossen gerade die Schulen und die Strassen waren voller Kinder, tolle Statisten für unsere Fotos. Typisch kanarisch sind die Holztür- und Fensterrahmen und die Holzbalkone. Die Häuser sind mehrheitlich aus schwarzem Lavagestein gebaut und meistens verputzt und in verschiedenen weissen, roten, gelben und blauen Farbtönen gemalt.


















Wir unternahmen eine grosse Wanderung von Punta del Hilgado auf Meereshöhe nach Cruz del Carmen, auf 970 Meter über Meer. Der Weg führte steil durch Barrancos über Lavahügel mit einem tollen Kaktusbewuchs in die Höhe. Bruno und Rene kletterten den abenteuerlich angelegten und teilweise in Fels gehauenen Levadas nach und genossen spektakuläre Ausblicke über tiefe Abgründe.












Toll war der Abstieg nach Batan, wo einige standhafte Kanaren noch Wein, Kartoffeln und Gemüse auf kleinsten, nur zu Fuss erreichbaren Terrassen anbauen. Die Häuser kleben am steilen Basaltfelsen und sind teilweise als Höhlen in den Fels gehauen. Von Batan aus steigt der Weg wieder steil die Schlucht hinauf. Ungemein malerische Ausblicke öffneten sich nach jeder Wegbiegung. Hier war einmal ein Zentrum von Flachsverarbeitung, da der Barranco fast immer Wasser führt. Später stiegen wird durch Nebelwälder aus Loorbeer und drei bis vier Meter hohes Heidekraut. Wir wanderten bei strahlendem Sonnenlicht, welches die Moos- und Flechtenbedeckung der Bäume und des Bodens in intensivem Grün erstrahlen liess, dort wo die Sonne überhaupt durchscheinen konnte. Üblicherweise weht hier ein feuchtkalter Passatwind und lässt das Kondensat von den Ästen tropfen.

Am Mittwoch dann war Strandtag und Fischessen in San Andres, wie es der Reiseführer empfiehlt.














In St. Cruz stehen etliche Statuen kräftiger, nackter Männer mit abenteuerlichen Waffen. Es sind Guanchen, welche man plötzlich als Vorfahren entdeckt, die Urbevölkerung, welche sich zum Teil friedlich den Spaniern ergeben hätten. In Gomera habe sich ein Guanchenanführer standhaft gewehrt und ihm hätten sich sogar angesiedelte Spanier unterordnet. Ihm zu Ehren steht ein Denkmal. Gewisse Antropologen gehen davon aus, dass die Guanchen sich mit den Spaniern vermischt haben und weiterleben in der kanarischen Bevölkerung.

Bis heute sei nicht geklärt, woher die Guanchen, die Ureinwohner der Kanarischen Inseln stammen. Bei den damaligen spanischen Eroberungszügen seien zwei Drittel der Guanchen ermordet oder versklavt worden und mit der Missionierung verschwanden auch die Religion und Kultur der Guanchen. Als die Spanier die Kanaren zwischen 1402 und 1495 eroberten, trafen sie ihren eigenen Aufzeichnungen zufolge auf Menschen, die keine Ahnung von der Seefahrt hatten, Messer aus Stein benutzten und Kleider aus Tierfellen trugen. Man nimmt an, dass die Einwohnerzahl der Guanchen vor der spanischen Eroberung auf allen Inseln zwischen 50’000 und 70’000 Personen betrug.

In der Fantasie früherer Seefahrer, Dichter und Philosophen waren die Kanaren eng mit dem Mythos und der Suche nach dem sagenhaften Atlantis verbunden. Platon erzählte vom Untergang Atlantis‘ nach einem Erdbeben um 9000 vor Christus, welches nur die Bewohner der Berge, die Ureinwohner, überlebten („Atlantismythos“). Andere antike Quellen berichten von einem Bergvolk, das vom Atlasgebirge aus bei einem Tsunami 5000 vor Christus bis auf die Kanaren gespült worden sei und am Teide auf Teneriffa gesiedelt habe.

Bis heute ist es nicht gelungen, die Herkunft der Guanchen und den Zeitpunkt ihrer Besiedlung auf den Kanaren wissenschaftlich nachzuweisen. Es gibt viele Theorien und Spekulationen, welche die Vorstellungen der Etymologen und Archäologen beflügeln.

Muschelfunde in Skandinavien, England und Irland deuten auf eine riesige Völkerwanderung 5700 Jahre vor Christus hin. Nach der sogenannten portugiesischen „Muschelsammlertheorie“ werden die Muschelscherbenhaufen der Kanaren damit in Verbindung gebracht. Laut der „Amerikatheorie“ sollen die Kanarischen Inseln von Amerika aus besiedelt worden sein.

Bei den Bewohnern der Kanaren handelte es sich nicht um Seefahrer, sondern um Bauern und Viehzüchter. Zwischen den einzelnen Inseln gab es keinen regen Verkehr oder Austausch. So dass jede Insel für sich geblieben sei. Nach der „Atlantischen Westkulturtheorie“ sollen die Ukrainer vor Tausenden von Jahren mit Einbäumen aus Drachenholz im Mittelmeer und vor der westafrikanischen Küste zur See gefahren sein.

Für eine Besiedlung aus Europa spricht die Hellhäutigkeit der früheren Canarios.

Die Canarios selbst glauben daran, dass ihre Vorfahren aus Nordafrika stammen. Sie glauben, dass die Berber ab 500 vor Christus auf einfachen Schilfbooten die etwa fünfzig Seemeilen bis Fuerteventura überwunden hätten. Auf Lanzarote gebe es Berberruinen. Diese seien durch Trockenheit und die römische Besatzung aus der nordafrikanischen Küstenregion vertrieben worden und seien mit Ziegen, Hausrat und ihren Familien in Höhlen gezogen und hätten Terrassen mit einem ausgeklügelten Wassersystem für die Landwirtschaft angelegt. Diese Theorie wird durch etymologische Funde bekräftigt, die verwandte Begriffe in den nordafrikanischen Sprachen belegen. Schon die Bezeichnung „Guanchinet“ lässt sich von der Sprache der Berber ableiten. Ein Stamm der nordafrikanischen Berber nennt sich Ghomera. Ein Dorf in Marokko heißt Agulu. Ein Dorf auf der Kanareninsel Gomera heißt Agulo. Der höchste Berg Spaniens heißt Pico del Teide und Tigotan bedeutet Himmel in der Sprache der Berber.

Jede Insel der Kanaren hat ihre eigene Eroberungsgeschichte. Besonders schlimm sollen die Eroberungskriege auf La Gomera gewesen sein.

Ein Team aus spanischen und portugiesischen Wissenschaftlern fand in den Y-Chromosomen aus alten Zähnen genetische Ähnlichkeiten zwischen den Guanchen und den Bergbewohnern Nordafrikas. Heutzutage stammten 83 Prozent der Einwohner der Kanaren väterlicherseits von europäischen Einwanderern ab. Bei der weiblichen Linie liege der europäische Anteil nur bei fünfundfünfzig Prozent. Daraus lasse sich schließen, dass die Guanchen-Männer häufig ermordet und sich die Eroberer häufig Guanchen-Frauen genommen hätten. Dies scheint mir eine abenteuerliche Theorie zu sein, da die Festlegung des Geschlechts wenig mit genetischer Herkunft zu tun hat?

Die genetischen Untersuchungen legen nahe, dass die Besiedelung der Kanaren nicht vor dem ersten Jahrtausend vor Christus stattgefunden habe. Möglicherweise sei die Kultur am Anfang der Besiedlung der Inseln weiter entwickelt gewesen. Jedoch aufgrund der geringen Einwohnerzahl und abseits der Handelswege sei die Kultur konstant degeniert. Die Guanchen wohnten bis zur spanischen Eroberung in einer Art steinzeitlicher Kultur auf den Inseln. Kleidung und Schuhe wurden aus gegerbten Tierfellen gefertigt. Die Guanchen wohnten bevorzugt in Höhlen. Sie organisierten sich in Stämmen unter einem König. Auf Teneriffa nannte man den König Mencey und auf Gran Canaria Guanarteme.

Donnerstag 19.12.2019

Nach vier Tagen auf Teneriffa segelten wir nach Las Palmas.

Cran Canaria

Stefan ist in St Cruz de Teneriffe ausgestiegen, um Freunde auf Gomera zu besuchen. Las Palmas empfing uns sehr freundlich. Ich meldete mich über Funk an. Man wies uns an, wir sollten nochmals anrufen, sobald wir in der Marina drin seien, man kläre ab, ob wir Platz erhalten könnten. So trieben wir uns in der Marinaeinfahrt herum bis plötzlich zwei Männer im Schlauchboot von achtern uns an einen Platz einwiesen. Sie waren überaus freundlich, nahmen mich gleich mit zum Einklarieren, boten Pralinen an und brachten mich zurück zum Schiff, um alle fehlenden Pässe zu holen und erklärten, wir hätten Glück, da eine Warteliste existiere, wir aber gross seien und daher nicht auf diese Liste kämen. Auf Reede lagen allerdings gegen dreissig Jachten aller Grössen, nanu wir hatten einen Platz erhalten. José, der Mexikaner auf der Amel neben uns fuhr mich zurück an Bord und wunderte sich auch. Wir gewannen das Gefühl, die Boote würden abgecheckt, ob die Besatzung sympathisch und zahlungsfähig sei.

José erzählte, er nehme Crew mit. Nach drei Tagen beobachten, merkte ich, er ging mit all den SchiffsstopperInnen saufen und verteilte Plätze an Bord nach Sympathie. Nachdem er zwei Jungs wieder von Bord geschmissen hatte und stattdessen zwei jungen Mädchen die Plätze vergeben hatte, verstand ich sein Auswahlverfahren und erhielt Mitleid mit den Girls. Am Strand hausten gegen fünfzehn JachtstopperInnen und versuchten einen Platz an Bord einer Jacht nach der Karibik segelnd, zu erhalten. Ich konnte zum Glück jeweils ablehnen, da wir gar nicht nach der Karibik segeln werden. Dakar und die Kapverden scheint niemanden zu interessieren. Alle lieben den Mainstream.

Die Altstatt von Las Palmas ist sehr schön. Bruno und ich besuchten ein Tanztheater, allerdings schien es Männerliebe zu thematisieren und ich mag nicht unbedingt nackte Männer auf der Bühne. Ich versuchte im „Museo Canario“ mehr über die Guanchen zu erfahren. Allerdings zeigte das Museum zwar allerlei interessante Gegenstände der Guanchen aber die Erklärungen waren eher dürftig. Auch gemäss der Museumsdokumentation ist es nicht klar, woher die „Urbevölkerung“ der Kanaren gekommen sei. Seit der Entdeckung, dass man sich im Alter der südfranzösischen Höhlenmalereien gewaltig getäuscht habe, gehe die Theorie davon aus, dass die europäische Urbevölkerung eher nicht von Afrika stamme sondern vom Cro Magnus Menschen, welcher parallel und vor dem Neanderthaler gelebt habe. Daher wurde die Abstammung der Guanchen von Wikingern und anderen nördlichen Völkern verworfen und doch im Maghreb angesiedelt, welches ja offenbar von Südfrankreich aus besiedelt worden sei. Ortsnamen wie Gomera könnten vom Berberstamm Ghomerah herkommen. Sabino Berthelot verglich zahlreiche Ortsnamen mit Ortsbezeichnungen in Marokko. So nannte man z.b. auch Gerstenmehl „Ahoro“ sowohl auf den Kanaren wie auch in Marokko. Unklar ist, warum die Guanchen keine Seefahrt kannten, da anzunehmen ist, dass sie mit Schiffen die Inseln besiedelt hatten. Die Distanz von Afrika nach Fuerteventura beträgt bei Cap Juby lediglich fünfzig Seemeilen. Der Exodus afrikanischer Auswanderer hat heutzutage einen neuen Höhepunkt erlebt. Täglich kommen über Funk Pan Pan Meldungen der Küstenfunkstellen über treibende Flüchtlingsboote.

Im Salon der Inuit

In Las Palmas machten wir Crewwechsel. Michael und Yumi kauften lagerbare Lebensmittel für fast sieben Wochen und Früchte und Gemüse für zwei Wochen ein, während wir anderen das Schiff putzten. Die Inuit war wohl noch nie so voll gewesen. Sie hat in ihrem Bauch ja wunderbar viel Platz.

Wir diskutierten gemeinsam, was nach Afrika zu bringen sei. Die Diskussion erhielt eine zusätzliche Dimension, da Maité bereits in Dakar in einem Schulaustausch gewesen war. Sie erreichte den dortigen Schulleiter über Facebook. Er hiess uns willkommen. Er habe keine direkten Wünsche. Ich plädierte für Fussbälle, Michael hatte Lederrosetten gebastelt, Yumi schlug den Kauf eines Fotodruckers vor um Fotos verschenken zu können. Leider brachte Bruno keine Fussbälle und den Drucker fanden wir auch nicht. So haben wir einen einzigen Fussball und einen Volleyball mit, welche ich in Teneriffa auf dem Flohmarkt gekauft hatte. Michael äusserte sich, er möchte nicht die Clichees des europäischen Goldesels bedienen. Ich fand, wir würden keinesfalls darum herum kommen mit dieser afrikanischen Sicht auf Europa leben zu müssen. Auch wenn wir uns anders fühlten, wir geben für einen spanischen Cortado lediglich einen Euro aus im Gegensatz zu vier Euro fünfzig in der Schweiz. Dieser Euro entspricht aber dem Durchschnittseinkommen pro Tag von fünfzig Prozent der Senegalesen. Der Preis des Cortados in der Schweiz entspricht bereits einem Wochenlohn und mit dieser Alimentierung werden wir in Afrika an Land treten und die uns begegnenden Leute werden das wissen. Trotzdem ist es unser allgemeiner Wunsch, echte Begegnungen zu haben ausserhalb dieses Gefälles. Wenn der Schulleiter aus Dakar keine direkten Wünsche formuliert, ist das nichts anderes als sein Wunsch und Respekt, uns nicht als Geber und damit sich als Nehmer zu betrachten sondern auf echte Begegnungen zu setzen.

Wir freuen uns riesig, es war mein Wunsch, in Kontakt mit einer Schule zu kommen, hatte ich doch fünfzehn Jahre als Schulsozialarbeiter gearbeitet. So äusserte ich den Wunsch, den Dakarschulsozialarbeiter, die Schulsozialarbeiterin zu treffen, worauf alle in schallendes Gelächter ausbrachen, in der Annahme, das existiere ganz gewiss nicht in Dakar.

Nach wie vor unsicher waren wir darüber, ob wir doch ein Visa für Senegal benötigten, nachdem in einem Blog ein Schweizer berichtete, er hätte für illegales Einreisen 30’000 Euros Busse zahlen sollen. Nach fünf Monaten habe er das auf fünftausend Euros herunterhandeln können. Einige Websites geben an, Visas seien nötig. Die Senegalesische Botschaft in der Schweiz bestätigte uns, kein Visa zu benötigen. Die Botschaft in Las Palmas meinte, wir kriegten Visas in Dakar. Die Marina in Las Palmas empfahl uns Ausreisepapiere bei der Borderpolice zu holen. So radelte ich vor der Abfahrt in den Handelshafen und erhielt die Papiere. Der sehr freundliche Polizist machte Smal Talk mit mir, wünschte uns eine sichere Überfahrt und schien erfreut und bewundernd, dass wir uns in ein solches Abenteuer begeben.

Nächste Woche segeln wie von Las Palmas nach Dakar!

Finding Afrika

Willkommen an Bord

Dies ist ein Bericht über eine Seereise nach Westafrika mit der sechzehn Meter Segeljacht Inuit von Almeria über Gibraltar, Madeira, Kanaren, Dakar, Sloumriver, Gambiariver, Kapverden, Azoren und zurück ins Mittelmeer bis an den Zielhafen Port St. Louis in Südfrankreich. Ich habe in Gibraltar mit Tagebuch schreiben begonnen als gedankliche Auseinandersetzung mit unserem Ziel. Hier findest du weniger abenteuerliche Geschichten übers Segeln dafür umso mehr Beschreibungen, unsere Gedanken und Zitate aus der Literatur über Westafrika.

Wanderer es gibt keinen Weg – Alles geht und alles bleibt

aber das Unsere ist es, vorbeizugehen – vorbeizugehen und Wege zu schaffen,

Wege über das Meer

Wanderer, deine Spuren sind der Weg, und nichts mehr;

Wanderer es gibt keinen Weg, man schafft den Weg beim Gehen

Beim Gehen schafft man den Weg und beim Zurückwenden des Blickes

sieht man den Pfad, den man kaum wieder betreten wird.

Wanderer es gibt keinen Weg, sondern Spuren im Meer.

(Antonio Machado Ruiz 1874-1947)

Gibraltar-Porto Santo

Mittwoch, 20.11.2019

Alcaidesa/Gibraltar

76°97’N 05°23’W

Warum nach Afrika segeln? Alle wollen in die Karibik. Unter anderem die JachtstopperInnen, welche das Marinagelände belagern und nach einer Mitsegelgelegenheit fragen. Sie hausen unter einer Armeeblache und trotzen dem Regenwetter im Wäschehäuschen der Marina Alcaidesa. Aber mit Wanderrucksack, Rastazöpfen und Hosen an der Kniekehle wird das nichts. Entweder haben die Jachten Gäste, welche keine ungewaschenen Gratisgäste an Bord mögen oder sie haben eine professionelle Crew mit reichem Eigner, wie der Katamaran hinter uns.

Der Katamaran ist so breit wie wir lang sind, aber der Eigner schläft im Hotel. Die Diskussion mit ihm und seinem Skipper kreist ums Wetter. Sie zögern auszulaufen, da südlich der Kanaren viel Energie in der Wetterküche drin sei.

Die andere interessante Angstbörse ist die Dusche. Ein kleiner untersetzter Südafrikaner, Segler eines anderen Katamarans, zitterte nicht wegen dem stürmisch nassen Gibraltarwetter, sondern wegen eines Hurrikans, welcher auf die Kanaren zusteuere. Solche Botschaften können ganze Crews vor dem Auslaufen hindern. Ich habe dann seinen Hurrikan auf der Windyap tausend Seemeilen nordwestlich gefunden. Das Tiefdruckgebiet ist sich rasch am auffüllen.

Vor gut zwanzig Jahren habe ich schon einmal Gibraltar nach einem kurzen Tankstopp westwärts verlassen und mich in der selbigen Dusche mit deutschen Seglern unterhalten, welche seit zwei Monaten auf günstigen Ostwind gewartet hatten, um in den Atlantik zu segeln. Wir waren bereits am nächsten Tag raus im Atlantik und acht Tage später in Madeira.

Die Inuit: http://www.velaventura.ch/de/Unser-Segelschiff-1

Die Inuit, unsere Segeljacht ist sechzehn Meter lang, vier Meter dreissig breit und hat einen Meter neunzig Tiefgang. Sie ist eine Reinke 15, in Winterthur im Selbstbau vom Verein Kontaki gebaut worden und sehr komfortabel. Sie hat ein Swan Rodrigg mit 240m2 Segelfläche, zwei Nanni fünfzig PS Motoren und ist auch sonst sehr gut für Langfahrten ausgerüstet mit tausendvierhundert Liter Wasser, neunhundert Liter Dieseltanks, GPS und Seekartenplotter, Navtext, UKW Funk, Echolot, Autopilot und EPIRP. Sie bietet acht Kojen in Doppelkabinen, zwei WC’s mit Waschgelegenheit, eine eigene Pantry und einen Salon für acht Personen. Die Inuit gehört dem Verein Velaventura, welcher Segelreisen für behinderte Menschen, Jugendliche und Erwachsene in Ausbildung im Mittelmeeer anbietet. In Zusammenarbeit mit Procap und anderen Behinderteninstitutionen und dem akademischen Sportverein Zürich werden die Törns geplant und ausgeschrieben. Alle, Einzelpersonen oder Gruppen können sich selbstverständlich für Törns auch direkt über unsere Website anmelden: velaventura.ch. Im Frühling, Herbst und Winter segelt die Inuit bei Nachfrage auch Privattörns oder unternimmt längere Seereisen. So war diese Seereise bereits die dritte im Atlantik, welche im Seegebiet der kanarischen Inseln unternommen worden sind.














Gibraltar

Gibraltar ist ein sonderbarer Ort. Es ist rund um einen Felsen gebaut, die nördliche Säule des Herakles, am südlichsten Punkt Europas und wirkt durch und durch englisch. Alle sprechen englisch, alles ist englisch angeschrieben, es gibt sogar die roten englischen Telefonzellen, es gibt Doppelstockbusse, Pubs und Fisch und Chips. Und vor allem regnet es. Am hoch aufragenden Felsen kondensieren die feuchten West- oder Ostwinde, welche hier fast immer wehen und oft Regen bringen. Der jahrelange Streit mit Spanien über eine Rückgabe Gibraltars hatte dazu geführt, dass Spanien den Engländern das Wasser abstellte und die Grenze geschlossen gehalten hatte. Die Gibraltesen betonierten eine Steilflanke des Felsens und sammelten so genügend Wasser zur Versorgung der Enklave. Grenzpolizisten standen jahrelang am Grenzbaum der geöffneten Grenze, während die spanische Seite verlassen und geschlossen blieb. Heute kommen viele SpanierInnen nach Gibraltar zum arbeiten seit die Grenze wieder offen ist. Unerklärlich bleibt mir, warum jemand dort Urlaub macht, aber ein Teil des Umsatzes muss Gibraltar mit dem Tourismus machen. Es ist natürlich ein historischer Ort und ich vermute, die englischen Touristen fühlen sich hier wohl und sind stolz auf die aus allen Poren strömende glorreiche Vergangenheit Gibraltars. Da stehen noch Batterien, welche man besichtigen kann. Oben auf dem Felsen wohnt eine Horde Affen. Der Mythos erzählt, dass die Engländer in Gibraltar herrschen solange die Affen auf dem Felsen hausen. Churchill habe angeblich im zweiten Weltkrieg Affen hinbringen lassen, um dem Aberglauben gerecht zu werden.












Sonntag, 24.11.2019

35°15’N 06°42’W

Mittlerweile liegt Afrika, Rabat querab, die Sonne trocknet das von Gibraltar’s Regen feuchte Schiff. Leider mussten wir das Grosssegel bergen und motoren nun, da der Wind völlig eingeschlafen ist, nach einer windigen Passage durch die Strasse von Gibraltar. Wir haben bereits einen Kurswechsel für einen Kaffestopp in Casablanca veranlasst, da ein Kalmengürtel nördlich Casablanca die direkte Fahrt nach Madeira verhindert.

Warum nach Afrika segeln? Afrika ist der sagenumwobene südliche Kontinent, welcher nicht auf die Beine zu kommen scheint, zumindest aus unserer Perspektive. Bruno vertritt die These, Europa sei dafür verantwortlich, da wir Afrika als kolonialen Selbstbedienungsladen benutzt und seiner Gesellschaftsstrukturen, Reichtümern und Intelligenzia beraubt, sich selbst überlassen haben. Nicht nur das, auch zwinge man den afrikanischen Ländern unfaire Handelsbedingungen auf. M. macht sich bereichernde Despoten, korrupte Staatsmänner (keine Frauen), für das „Elend“ in Afrika verantwortlich. Die Politiker seien schuld.

Wie erhalten demokratische afrikanische Länder PolitikerInnen, welche sich für ihr Land engagieren?

Versuchen wir eine Annäherung an Afrika und segeln dahin.

Dienstag, 26.11.2019

Casablanca

Rolf, er denkt bereits im Rentnermodus, „da komme ich nie mehr hin“, möchte nach Casablanca rein, obwohl seit ein paar Stunden ein Nordwind mit 8 Knoten uns mit ausgebaumter Genua 4 Knoten Fahrt bescherte. Fühmorgens um 04.00h legten wir im Port du Plaisance an verrotteten Schwimmstegen an. Später erwiderte mir am Funk ein Hafenmeister, es gebe keinen Jachthafen mehr in Casablanca, wir müssten nach Mohammedia. Dort wo ein Sporthafen eingetragen ist, weist unser Seekartenplotter allerdings zu wenig Wassertiefe aus. Wir waren verwirrt, hatten wir doch eine grosszügige Hafenanlage für Sportboote in einer Millionenstadt erwartet. So liefen wir entlang eines dutzend sich entladender Frachtschiffen im Morgendunst wieder aus. Die Hafenanlagen sind riesig, wir erkannten kaum Arbeitende. Grosse Laufkatzen sortierten Container scheinbar automatisiert.

Ich lese Volker Seitz Afrika wird arm regiert (2019). Er prangert die Regierungen der meisten afrikanischen Länder an, einmal gewählt, sich und ihre Familien zu bereichern ohne sich fürs Land und dessen EinwohnerInnen zu kümmern. Er widerlegt Brunos These, die verbreitete tiefe Armut gründe im Erbe des Kolonialismus, den damals zugrunde gelegten und erlernten Ausbeutungsstrukturen, in den oftmals angeprangerten unfairen Verträge des Westens mit Afrika.

Zum Beispiel ist „Everthing but arms“ (alles ausser Waffen) ein EU Handelsprogramm aus dem Jahr 2001 für die am wenigsten entwickelten Länder für deren zollfreien Zugang zu den EU Märkten.

Die koloniale Vergangenheit kann nicht mehr als Entschuldigung für das Versagen in der Gegenwart herhalten. Sonst gäbe es nicht Länder wie Benin, Botswana, Mauritius, Mosambik und Ruanda, das wegen seiner Bildungs-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik zu den Topreformern zählt“ (V. Seitz, 2019, S. 47).

Da viele afrikanische Länder rohstoffreich sind, verleite dies die Regierung auf den Einnahmen dieser Rohstoffe auszuruhen ohne eine weiterverarbeitende Industrie aufzubauen, welche Arbeit und Löhne den Einheimischen verschafft. Erst wenn die Regierungen mit fairen Steuersystemen den Staatshaushalt finanzieren müssen, würden die AfrikanerInnen die sich bereichernde Oligarchie nicht mehr dulden. Zudem fliessen weit mehr als siebzig Milliarden Dollar an Hilfsgelder jährlich nach Afrika. Gemäss Seitz habe alleine die europäische Entwicklungshilfe 2016 fünfundsiebzig Milliarden Euro betragen. Es sei üblich zu zahlen, um Hilfe leisten zu dürfen, heisst im Klartext, die westlichen Hilfeleister fördern damit die Korruption! 2007 bezifferte die UNO dreizehn Milliarden Dollar an Fluchtkapital jährlich, welches aus afrikanischen Ländern abfliesst (vgl. V. Seitz 2019, S. 73).

Hier erhält Bruno recht, wenn er dies als Kopie westlichen Raubkapitalismus bezeichnet.

Der bekannte polnische Reiseschriftsteller Kapuscinski, “Afrikanisches Fieber“ 1999, beschreibt die familiäre Bindung als Pflicht, man teile mit der Familie, besten falls mit dem Clan die Ämter, die Staatseinnahmen und die unterschlagene Entwicklungshilfe.

Da z.B. Nigeria von über 200 „Stämmen“ bewohnt wird, schreibt Seitz und sich in der nachkolonialen Zeit wenig nationalstaatliche Identität entwickelt habe, sehen sich gewählte Regierungen ihrem Clan und nicht ihrem Land verantwortlich. Die Nationalstaaten sind ein koloniales Konstrukt. Es seien Scheindemokratien, um an weitere Hilfsgelder zu gelangen. Eine Kontrolle der Verwendung der teilweise direkt an die Staatsbudgets überwiesenen Hilfegelder finde nicht oder gefälscht statt.

Umgekehrt werden die Völker Afrikas immer wieder als Frohnaturen, hart arbeitend, verantwortungsvoll und ehrlich beschrieben, was unserem Bild des wenig interessierten untätigen Afrikaners, bzw. des am Bahnhof herumlungernden Schwarzen, entgegen steht.

So erzählte mir ein Freund der Familie, ein in der Schweiz lebender Ivorer, was seine Mutter in Abidjan gerade erlebt hatte: „Ein Sudanese habe sie kürzlich angerufen, er sei nun da mit den Kühen, in Jaquesville. Sie habe nachgefragt, sie wisse nichts über Kühe. Es habe sich herausgestellt, dass der Sudanese vor Jahrzenten von seiner Grossmutter Geld geliehen und sich davon Kühe gekauft hatte. Die Tradition sehe dann vor, dass er ab dem dritten Kalb die weiteren Tiere behalten dürfe. Mittlerweile sei die Herde, wohl im Steppenland von Burkina Faso und dem Norden der Cote d’Ivoire, stattlich angewachsen und der Sudanese beglich seine Rechnung mit der Rückgabe der Muttertiere mit den ersten beiden Kälbern.“

Was ist das für eine fantastische Geschichte!

Dienstag, 26.11.2019
















33°31’N 08°16’W

Wir motoren entlang der afrikanischen Westküste. Es ist 22.45h. Rolf geht Wache, Bruno ist in die Koje gegangen. Der Atlantik ist spiegelglatt. Von Gibraltar bis Casablanca und sechshundert Seemeilen bis nach Madeira reichend, erstreckt sich ein Flautenband. Wir versuchen ihm südlich davon zu entkommen, wo wir östliche Winde erwarten. Nördlich der Achse Gibraltar-Madeira wehen Westwinde. Die Zone wo die Kaltluftmassen auf die Warmluftmassen treffen, verschiebt sich gegen Süden. Ihr entlang entstehen oft Stürme. Allerdings rollen wir gerade zwischen tiefen Wellentälern und Wellenbergen so stark, dass ich sämtliches Geschirr mit leeren Eierkartons und Küchentüchern polstere. Auch wenig Wind würde uns bereits stabilisieren. Am Nachmittag segelten wir noch mit sechs Knoten Wind und machten gegen dreieinhalb Knoten Fahrt.

Bruno vertritt die These, Afrikas Oligarchie verhalte sich nicht anders als westliche Kapitalisten. Der einzige Unterschied sei, dass bei uns für die Arbeiterschaft etwas übrig bleibe, während Afrikas breite Bevölkerungsschichten nicht nur leer ausgehe, sondern durch die Ohnmacht gedemütigt werde. In vielen westafrikanischen Ländern bewegt sich das Existenzminimum bei 40 Franken Monatseinkommen und oft betrifft das über die Hälfte der Bevölkerung. In der Schweiz liegt das Existenzminimum bei 2259 Franken monatlich. Meine Malariaprophylaxe kostet über einem Franken täglich, was gerade dem Existenzminimum eines Westafrikaners entspricht und es vielen verunmöglicht, sich wirkungsvoll zu schützen.

Ich zahle seit zwanzig Jahren 360 Euros zur Finanzierung eines Lehrergehalts einer Schule in Äthiopien und lese bei V. Seitz (2019, S. 163) dass Uganda im Jahr 2011 740 Millionen für russische Kampfbomber korruptionsbedingt überteuert gekauft habe, was die 23’000 LehrerInnen Ugandas während fünfzehn Jahren ihren Monatslohn von 160 Dollar finanziert hätte. Nigerianische Würdenträger sollen seit der Unabhängigkeit 1960 500 Milliarden Dollar unterschlagen haben (V. Seitz, 2019, S. 107). Seitz macht die Führungselite der meisten afrikanischen Staaten für die Missverhältnisse verantwortlich, welche durch unsere Alimentationen über Hilfegelder und Einnahmen aus den Rohstoffressourcen sich schamlos bereichern. Die Hilfe lähme.

In unserer Borddiskussion gebe ich zu bedenken, dass ich fehlende Rechtsstaatlichkeit bzw. die fehlende unabhängige Justiz in vielen afrikanischen Ländern vermute, welche dem Gebaren Einhalt gebieten könnte. Vergleichbares passiert momentan in Ungarn, der Türkei und Polen und führt weg von demokratischen hin zu diktatorischen Staatsformen, welche zu oft Günstlingswirtschaft und Korruption zulässt und eine gesunde Marktwirtschaft untergräbt.

V. Seitz (2019, S. 125) zählt fünf Dinge auf als Pflicht einer Regierung und Anreiz für Transferleistungen und Investitionen:

1. Sie muss in Bildung investieren. 2. Sie muss dafür sorgen, dass die Rechtssprechung funktioniert und die Eigentumsrechte garantiert sind. 3. Sie muss für eine gesunde Infrastruktur sorgen. 4. Sie muss ein funktionierendes Gesundheitswesen schaffen. 5. Sie muss die stabile Versorgung mit Wasser und Elektrizität garantieren.“

Mittwoch, 27.11.19

Wir segeln nach einer Flautenperiode weg von Afrikas Küste gegen Madeira mit einem unerwarteten Nordwind und mit 5 Knoten Fahrt.

Das Rezept für das heutige Auberginenmousse:

Zwei ganze Auberginen 40 Minuten bei 180 Grad im Backofen backen, nachher schälen, mit etwas Salz, Pfeffer und einer halben ausgepressten Zitrone mit dem Stabmixer vermoussen.

Bruno hat ein excellentes Risotto hingezaubert. Ich habe eben meine Wache 18.00h bis 21.00h beendet, Rolf hat mich abgelöst und wird bis 24.00h Wache halten. Mike hat die Hundewache von 24.00h bis 03.00h, dann wird Bruno bis morgens um 06.00 Wache halten. Dank dem wir zu viert segeln, dauern die Wachen lediglich 3 Stunden, was gut erträglich ist. Noch hält der Wind. Oft flaut er um Mitternacht ab und kann gegen fünf Uhr morgens früh wieder stärker werden. Wir hatten leider eher wenig wirklich guten Wind und mussten beträchtliche Strecken motoren. Wir sind vier ältere Herren an Bord und haben bereits herausgefunden, dass die spanischen Cognacs hervorragend schmecken, bzw. der Veterano ist mindestens so gut wie der Magno, welcher aber mit 15 Euros fast doppelt so teuer ist.

Donnerstag, 28.11.2019

Wir haben den Kanarenstrom verlassen, welcher uns stetig mehr als einen halben Knoten südwärts geschoben hatte. Ein zuverlässiger Nordnordostwind bläst, welcher hier fast den ganzen Sommer und oft auch im Winter weht. Madeira ist noch 310 Seemeilen weit, d.h. es wäre in sechzig Stunden zu erreichen, wenn der Wind weiterhin mit zehn Knoten uns sechs Knoten segeln lässt. Die See ist grau, der Himmel teils bewölkt. Eine drei Meter hohe lange Dünung rollt aus Westen gegen uns an. Weit westwärts hat ein Sturm diese Dünung aufgebaut.

Nachts hat mich ein Fibrieren und dumpfes Dröhnen von der Antriebswelle her geweckt, deren Ursache uns nicht klar war. Der Ton war sehr lästig, wir starteten den Motor, was die Fibration unterbrach. Leider trat das Dröhnen mehrmals wieder auf. Wir unterkeilten die Antriebswelle mit Holz, was der Welle die Schwingung nahm. Mit einem der selbstgebauten Spibäume baumten wir die Genua aus, was sie wunderbar beruhigte bei raumem Wind.















Volker Seitz sieht die Lösung für Afrika zu banal, wenn er nur die herrschende Nomenklatura als verursachendes Übel benennt. Es ist zwar so, dass wir Schweizer traumhafte Zustände geniessen mit gut ausgebauten Sozialleistungen, es muss niemand in Slums leiden. Allerdings geht auch in Westeuropa die Schere zwischen Armen und Reichen kräftig auseinander und es ist keine Gegensteuer in Sicht. Sind der Abgasskandal von VW und der restlichen Automobilindustrie oder der Glyphosatskandal von Monsanto nicht vergleichbar mit den Korruptionsskandalen Afrikas? Ist unsere spekulative Finanzindustrie, welche unter anderem die Pensionskassenersparnisse ganzer Bevölkerungen abschöpfen, den Gesamtverlust riskieren und ungemeinen Reichtum für Einzelne schaffen nicht vergleichbar korrupt? Setzen nicht unsere Manager und unsere Regierungsverantwortlichen die Umwelt, die natürlichen Ressourcen und unsere Gesundheit für die Vermögensakkumulation Einzelner leichtfertig aufs Spiel? Warum werden kaum ehrliche, fürs Volk sich engagierende Regierungen gewählt? Korrumpiert Macht fast alle in sehr kurzer Zeit? Ist es eine Mentalitätsangelegenheit? Gibt es eine afrikanische Mentalität? Lassen sich afrikanische Staatschefs schneller korrumpieren, oder sind unsere Checks und Balances entsprechend effektiver?

Was ist Mentalität? Gemäss Duden ist es eine Geistes- und Gemütsart; eine besondere Art des Denkens.

Ist es die Einstellung des Menschen zu seiner Umwelt, die Art und Weise wie er das Geschehen analysiert, welche Bedeutungen er ihm beimisst und für sich Handlungsanweisungen ableitet? Der Mensch hat sich die dafür verwendeten Denkkonzepte von den Eltern, von Gleichaltrigen und anderen Erziehungspersonen erworben und in der Schule und Ausbildung angeeignet. Es ist sicherlich keine genetisch angelegte Denkweise, das wäre in Bezug auf Menschen anderer „Kulturen“ die rassistische Auslegung von Mentalität. Mentalität ist nahe am Kulturbegriff, Kultur ist soweit vergleichbar, aber für eine ganze Menschengruppe, ein zielgerichtetes, tradiertes Handeln und hat weniger mit Erziehung und mehr mit Bildung, Überliefertem und der Vorstellung, wie etwas zu sein hat, zu tun. Nach Duden ist Kultur die Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung.

Ich erinnere mich an ein Beispiel eines Mentalitätsunterschiedes zweier Familien aus Sri Lanka, welche im Streit sich an mich wandten als ich noch an der Schule arbeitete. Sie beschuldigten den Sohn der einen Familie, er lasse absichtlich seinen Ball in ihren Garten fallen, um ihn dort holen zu kommen, was sie und ihre Tochter, eine Schulkameradin des Sohnes störe. Sie konnten mir das effektive Problem nicht nennen, welche zu ihrem Ärger führte. Ich vermutete, der Knabe wollte etwas von der Tochter der anderen Familie und suchte über den Ball Kontakt, Ärger, Unterhaltung oder anderes. Weiter vermutete ich, dass die andere Familie ihre Tochter schützen wollte und dieser Mitschüler für sie nicht genehm erschien. Vielleicht fühlte sich die Tochter von ihm auch wirklich belästigt und sie spannte die Eltern ein, um ihn von sich fern zu halten. Als ich meine Vermutungen andeutungsweise naiv fragend verifizieren wollte und Lösungsvorschläge aller einzog, gerieten die Familien immer mehr in Rage. Man muss sich das Schauspiel vorstellen, alles wurde übersetzt mangels Deutschkenntnissen der Eltern. Ich beobachtete auch amüsiertes Lächeln der beiden SchülerInnen, welche natürlich alle Sprechenden verstanden, also mich und die Eltern. Irgendwann standen die Väter auf und gestikulierten mit Händen unter Anfeuerung der Ehefrauen, so dass ich über kurz oder lang ein Handgemenge erwartete. Ich erhob mich ebenfalls, war ein Kopf grösser und verschaffte mir laut Gehör. Ich erklärte beiden Familien in Zukunft habe der Sohn ein Durchgangsverbot vor dem Garten der anderen Familie und im Weiteren werde ich mit beiden SchülerInnen den Streit beilegen. Ich gebot der einen Familie jetzt das Sitzungszimmer zu verlassen und wegzufahren, dass die andere Familie zehn Minuten später ebenfalls nach Hause könne, um eine „Schlägerei“ zu verhindern. Ich verbot ihnen für zwei Wochen weitere Diskussionen über dieses Thema, alle Beschwerden sollen an mich gehen. Interessanterweise lobte mich die srilankische Übersetzerin für die engagierte Lösung, so müsse mit ihren Landsleuten umgegangen werden und nicht vermittelnd, lavierend, wie wir SchweizerInnen uns das angewohnt hätten. Nach einer gewissen Zeit fragte ich bei den Familien nach, ob sie sich noch belästigt fühlten. Alle betonten, wie glücklich sie über diese Lösung seien. Sie hätten nur eine Frage, ob der Wert ihres Hauses nun sinke mit dem Durchgangsverbot des Schülers?

Sämtliche westeuropäischen Eltern hätten mich in der gleichen Angelegenheit entgeistert angesehen und beschimpft, welche unangemessenen Kompetenzen ich mir da erlaube. Allerdings hätten sie wohl meine Nachforschungen über einen allfälligen Flirt der Beiden sehr wohl verstanden, hätten darüber mit mir gelacht oder klar ihren Unwillen darüber geäussert.

Afrikas Armut kann weder eine Kultur- noch eine Mentalitätsangelegenheit einiger Mächtigen sein. Ist es denkbar, dass Regierungschefs einiger afrikanischer Länder skrupellos die Staatskassen plündern, sich ihrer Verpflichtung dem eigenen Volk nicht bewusst sind, um wie Dagobert Duck im Geldsegen zu baden? Dass sie alle Vorwürfe dazu als rassistisch abtun, um sich ihnen nicht aussetzen zu müssen, wie Seitz beschreibt? Hat die Kolonisation bis in die sechziger Jahre nicht doch eine Vorlage für vergleichbares skrupelloses ausbeuterisches Handeln geliefert?

Wer erhebt sich bei uns gegen die Spekulanten der Finanzkrise?

Wie gelingt der Aufbau eines korruptionsfreien Staatsapparates zum Wohle der Bevölkerung?

Mit einer rein technisch-rationalen Analyse und Sicht auf das Geschehen erhalten wir keine Handlungsanweisungen, sondern verharren im Wunschdenken und Forderungen wie z.B. Seitz’s sechs Punkte Plan ohne Idee, wie so ein Plan realisiert werden könnte oder was verhindert, dass er Wirklichkeit wird. Auch wenn psychologische Konzepte ob der Komplexität von Staatsentwicklungen vermessen erscheinen, lohnt sich experimentell psychologisch konzeptionell zu denken. In Entwicklungspsychologischem Sinn würde Afrika in der jungen Erwachsenenphase verortet, gerade erst mündig geworden nach einer Phase als Sammler Jäger und Pflanzer und einer dreihundertjährigen Phase der Ausbeutung durch arabische und europäische Sklavenhändler und hundert Jahren Kolonisation. Europa befand sich vor der französischen Revolution in Zeiten des verschwendungssüchtigen Sonnenkönigs Louis XVI in einer ähnlichen Situation. Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit waren die Rufe zum Aufbruch, was natürlich vor allem als Handlungsethik für die Obrigkeit hätte gelten sollen.

Der Sklavenhandel und die Kolonialzeit hat viele gewachsene Strukturen und Traditionen Afrikas geschleift. Auch wenn Sklavenhandel bereits vor den grossen Sklaventransporten nach Süd- und Nordamerika in Afrika weit verbreitet gewesen war, wie im Altertum im Europa, so nahm sie ein ungeheures Ausmass zwischen dem siebzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert an und verunmöglichte eine gesellschaftliche Weiterentwicklung, ja warf jegliche Entwicklung zurück. Noch heute werden 200’000 Kindersklaven in Afrika gemäss der UNO vermutet. 2008 ist Niger der Duldung von Menschenhandel und Sklaverei schuldig gesprochen worden. Adidiatou Mani Koraou ist mit zwölf Jahren für 370 Euros an ihren „Ehemann“ verkauft worden. Als sie 10 Jahre später erfuhr, dass Skalverei in Niger illegal sei, verklagte sie mit Hilfe der Organisationen Timifira und Antis Slavery International den Staat und erhielt Recht (V. Seitz, 2019, S. 159).

Freud macht aus psychoanalytischer Sicht eine Unterversorgung in der Kleinkindphase als Ursache von Geiz und Verschwendungssucht verantwortlich. Was ist die Ursache der Verschwendung der Regierungen einiger afrikanischer Staaten. (z.B. V. Seitz, 2019, S.152)

Als das kanadische Bergbauunternehmen First Quantum seine Steuern von 60 Millionen US-Dollar für das geförderte Kupfer in der demokratischen Republik Kongo 2009 bezahlen wollte, wurde der Firma bedeutet vier Millionen dem Direktor der Steuerbehörde zu übergeben, sechs Millionen an den Staat zu zahlen – und den Rest zu behalten.“

Was bewegt Regierungsverantwortliche zu solchen Handlungen? Ihre Verschwendungssucht erscheint als Desinteresse, Grössenwahn und Verantwortungslosigkeit, ähnlich pubertierender Jugendlicher, welche mit dem Ferrari des Vaters ohne Fahrbewilligung ihr Leben und das anderer aufs Spiel setzen, oder den zwei JachtstopperInnen, welche freiwillig in Gibraltar unter eine Blache hausen wie Flüchtlinge aus Afrika.

Sarr, der bekannte senegalesische Philosoph beschreibt in seinem Buch „Afrotopia“ 2019) Afrikanische Völker, welche in Zeiten der Trockenperioden grosse Essfeste veranstalten und geradezu verschwenderisch mit Nahrung umgehen, obwohl die mageren Tage erst folgen werden. Kapuscinki schreibt in „Meine Reisen mit Herodot“ (S.48, 2005) Reiche sparen, Arme seien oft gerade zu verschwendungssüchtig, solange sie noch etwas haben.

Mittlerweile weiss die Hirnforschung, dass Jugendliche teilweise einfach nicht zurechnungsfähig sind, da sich ihr Hirn neu ordnet. Sie benötigen klare Richtlinien, in welchen sie sich bewegen dürfen und müssen bei Übertretung Konsequenzen spüren bis sie eigenverantwortlich entscheidungsfähig werden. Damit sind wir wieder beim Anliegen von Volker Seitz, die westeuropäischen Staaten mögen Verantwortung übernehmen und die Kooperation mit despotischen Staatsmännern einstellen. Allerdings erscheint hier die Gefahr, dass ganze Bevölkerungen sich nicht wehren können, sie hungern oder verhungern wie in Nordkorea nach westlichen Handelsbeschränkungen.

Freitag, 29.11.2019

Der Atlanik ist grafitgrau, Madeira ist noch immer 190 Seemeilen entfernt nach einer fast windstillen Nacht. Bruno schaffte in dreieinhalb Stunden acht Seemeilen, ich elf. Gestern haben wir fast den ganzen Tag am Schiff gebastelt. Die Fibrationen mit begleitendem Lärm entstanden fast bei allen Geschwindigkeiten erneut, so dass wir einen Holzklotz unter die Welle klemmten. Das unterbrach zwar die Fibration der Welle aber heizte diese auf, so dass ich eine Beschädigung der Gummimanschette der Wellenabdichtung befürchtete. So schraubte ich ein Stück Nylon eines Schneidbrettes auf den Holzklotz, welches nun entsprechend zugefeilt die Welle defibiriert.


Mike meint, wir seien ganz einfach nicht in der Lage und der Position, nicht einmal mit unserem Kaufverhalten, irgendetwas verändern zu können. Die/der Einzelne würde durchaus etwas verändern, wenn es erfolgsversprechend wäre und Vorteile ersichtlich würden. Ich finde, dies ist eine billige Ausrede, welche genau die falsche Annahme politischer Kreise der Schweiz beschreibt, welche keine Vorschriften wollen, sondern die Eigenverantwortung einfordern. Ich gebe zu bedenken, dass im Bereich des Umweltschutzes der Eigenvorteil gegeben wäre, da es schlichtweg ums eigene oder das Überleben der Nachfahren gehe. Aber auch hier sind keine Fortschritte messbar. Wir wissen seit mindestens dreissig Jahren um die Klimaerwärmung, aber der Luft- und Strassenverkehr nimmt zu. Ich hisse die Flagge der Klimaschutzinitiative an der Backbordsaling.

Mike sagt, er habe keine Ahnung von Kochen. Ich biete ihm einen Kochkurs an Bord für den lukrativen Aufpreis von 200.- pro Woche an, was er dankend ablehnt. Kochbücher sind voller Unsinn. Beispielsweise steht in jedem Kochbuch, Brotteig sei eine halbe Stunde zu kneten und eine Stunde gehen zu lassen.

Ich knete kaum, sondern gebe ca. 5 Gramm Hefe oder Sauerteig in Wasser und füge Vollkornmehl zu einem dünnen Brei zusammen und rühre das ganze 2 Minuten und lasse es ca. 4 Stunden stehen. Dann rühre ich Ruchmehl und etwas Salz dazu, bis es teigig wird und es mit der Gabel immer noch knetbar ist und fülle damit eine Backform mit Backtrennpapier ausgelegt und lasse es mindestens weitere 2 – 6 Stunden stehen und backe es dann bei 180 Grad 60 Minuten. Alle sind begeistert vom Brot. Die Mengenverhältnisse sind völlig unwichtig, sie richten sich eher nach der guten Verarbeitbarkeit des Teiges, einzig die Salzbeigabe muss einigermassen stimmen, zwei bis drei flachgestrichene Kaffeelöffel je Kilo Mehl. Wenn das Vollkornmehl über Stunden als Brei sich vollsaugen kann, verliert das fertige Brot seine unliebsame Krümeligkeit beim Schneiden. Vom Teig behalte ich etwa hundert Gramm zurück als Vorteig für das Brot am nächsten Tag. Im Kühlschrank hält der Vorteig auch problemlos eine Woche. Nach etlichen Broten wird der Vorteig etwas sauer und erzeugt ein Sauerteigbrot. Die Gärung durch Hefen oder Sauerteig erzeugt CO2 und damit die „Luftigkeit“, das Aufgehen des Brotteiges. Allerdings unterscheidet sich die Hefegärung von der Sauerteiggärung. Erstere wird durch Hefebakterien, letztere durch Milsäurebakterien erzeugt. Brot einer reinen Milchsäuregärung ist viel bekömmlicher als das einer Hefegärung, was mich etliche MitseglerInnen bestätigt hatten.

All das habe ich nie in einem Kochbuch gelesen, obwohl das die wesentlichen Informationen wären anstelle der peniblen Mengenverhältnisse. In einer Fernseh-Sendung habe ich gehört, dass das Brot lange reifen muss, um bekömmlich zu sein und die meisten industriellen Bäckereien dies nicht mehr beachteten.

Es gibt weitere unsinnige Ratschläge in Kochbüchern, z.B. die Butter sei schaumig zu schlagen für Kuchenzubereitung oder der Backofen sei vor zu heizen. Ich habe noch nie schaumige Butter gesehen, die geschlagenen Bläschen zerfallen immer sofort wieder. Wer an Bord Gas sparen will, heizt nicht vor. Mein Apfelcake erfreut sich stets grosser Beliebtheit:

50 gr. Butter schmelzen, 50 Gr. Zucker, die Schale einer Zitrone und den Saft einer halben Zitrone und 4 Eigelb beifügen und rühren. 150 gr. Weissmehl mit etwas Backpulver vermengen, das Eiweiss der 4 Eier schlagen und unter die Masse schichtweise mit dem Mehl ziehen. Um eine feine Kruste zu erhalten, das ist der entscheidende Punkt, welchen ich noch nie in einem Kochbuch gelesen habe, schmiere man das Backtrennpapier dick mit Butter ein und bestreue es mit Zucker. Man fülle die Teigmasse nun in die Form und lege halbierte, entkernte, eingeschnittene Äpfel darauf und bestreue das wieder grosszügig mit Zucker und backe alles bei 180 Grad und vierzig Minuten. Noch warm aus dem Ofen presse ich nun die andere Hälfte der Zitrone als Zitronensaft über den Cake und nehme es sofort aus der Form, um die Kruste knusprig zu halten.

Das habe ich auch schon bei Windstärke 7 gemacht und nennt sich dann Sturmcake.

Samstag, 30.11.2019

Wir mussten die ganze Nacht motoren, erst um fünf Uhr morgens kaum Wind auf. Bruno und Rolf setzten die Segel. Um neun Uhr erschien dann eine Schule Delfine, welche zu unserer Unterhaltung ums Schiff herum spielten. Wir sind weiter unterwegs nach Afrika über Madeira und die Kanaren.


Ich möchte das Denken einiger afrikanischer Menschen zu verstehen versuchen und nehme mir Chinua Achebe vor. Seine Bücher sind Standardliteratur in vielen afrikanischen Ländern. Er ist als Sohn eines christlichen Priesters in Nigeria aufgewachsen und genoss eine ordentliche Volksschulbildung anhand englischer Schulbücher, was in den vierziger Jahre üblich gewesen sei. Er beschreibt ein Schlüsselerlebnis aus der Schulzeit: Ein ehemaliger Lehrer sei eines Tages ins Schulzimmer gekommen und hätte die Kreidedarstellungen von England mit Flüssen und Städten seines Lehrers an der Tafel weggeputzt und Nigeria und ihre Wohngegend aufgezeichnet. Niemand habe afrikanische Geographie gelehrt.

Er habe englische Standardliteratur zu lesen erhalten und sich wie üblich mit den Protagonisten identifiziert bis er Joseph Conrads Herz der Finsternis gelesen habe. Er habe entdeckt, dass er seiner Herkunft entsprechend in diesem Buch eine ganz andere Rolle zugeteilt erhalten würde: die einer der unwürdigen Kreaturen, die am Flussufer auf und ab springen und Grimassen schneiden. Achebe fand heraus, dass Geschichten nicht immer harmlos seien, sondern, einmal aufgeschrieben, ordneten sie Menschen bestimmten Kategorien zu. Auf diese Weise fand Achebe sich in der Gruppe der ungebildeten, unkultivierten Eingeborenen wieder, denen im Weltgeschehen die Rolle der Kolonisierung der Besitzlosen und Enteigneten zugedacht war (Vgl. E. Achebe 2009, S. 118).

Ich vermute, es gibt nicht einfach herkunftsbezogene Mentalitätsunterschiede, sondern es kommt auf den Kontext an, in welchem sich die Mentalität entwickelt; to mean it, den Dingen eine Bedeutung verleihen und eine Meinung darüber entwickeln.

Achebe absolvierte ein College und eine Universitätsausbildung in Ibadan in Medizin, Naturwissenschaften, englische Literatur, Geographie und Geschichte. Seine Erzählungen sind Erinnerungsfragmente aus seiner Kindheit, was sich die Menschen erzählt haben. Sie sind allerdings auch Geschichtskonstruktionen eines Intellektuellen. Er studierte an nigerianischen Universitäten inhaltlich und konzeptionell westeuropäisch ausgerichtete Studiengänge. Alle Professoren afrikanischer Universitäten hatten damals in den Herkunftsländer ihrer Kolonisatoren studiert.

In seinem Roman „Alles zerfällt“ beschreibt er die vorkoloniale Zeit der Igbo Kultur, eine hoch ausdifferenzierte Alltagsregelung mit Orakel, Hohepriester, Erntefesten aber auch Menschenopfer. Er versteht es wie wenige Andere diesen Übergang der vorkolonialen Zeit in die koloniale und nachkoloniale Zeit zu beschreiben, wie die Igbo eine grossartige Anpassungs- und Integrationsleistung sowohl der politischen Verwaltungsmodalitäten wie auch der christlichen Religion mit ihrer Religion vollzogen. Die Igbo galten als nicht regierbar. Achebe zeigt am Beispiel der Ankunft eines Missionares in Abame die Folgen der völlig verschiedenen „Mentalitätsverständnisse“, die Unterschiede wie Vorkommnisse und Zusammenhänge gedeutet und konstruiert werden:

Drei Monde zuvor war an einem Eke-Markttag eine kleine Schar von Flüchtlingen aus Abame nach Umuofia gekommen und hatte berichtet, dass in der vorvergangenen Pflanzeit ein hellhäutiger Mann auf einem eisernen Pferd in ihr Dorf gekommen war. Er schien freundlich und winkte ihnen zu, einige berührten ihn sogar. Doch die Ältesten befragten das Orakel, das ihnen voraussagte, der Fremde werde ihren Clan zerstören und Verwüstung anrichten, und dass weitere weisse Männer unterwegs seien, um das Land auszukundschaften. Also töteten sie den weissen Mann und banden sein Pferd an den heiligen Kapokbaum, dass es nicht davon laufen konnte, um die Freunde des Mannes zu benachrichtigen. Einige Zeit geschah nichts, bis eines Tages weisse Männer das eiserne Pferd am Kapokbaum entdeckten und nach Tagen, als ein grosser Markttag stattfand, zurückkamen mit fünf Weissen und eine grosse Anzahl anderer Männer das Dorf umstellten und alle töteten bis auf die Alten und Kranken, welche zu Hause geblieben waren.“ (Achebe, 1958, S. 155)

Die Engländer aus ihrem Verständnis konnten der Ermordung eines Missionars nicht tatenlos zusehen, sondern befehligten eine völlig unangebrachte Vergeltung, um ein für allemal ersichtlich zu machen, wer hier das Sagen habe. Achebe beschrieb diese Vorgänge ebenfalls aus der Sicht der Engländer, welche nun nicht mehr verstanden, warum die Igbo keine Leistungen für sie mehr erbrachten und sich ihren Anordnungen entzogen.

Entziehen sich afrikanische Völker dem Diktat des Kapitalismus, der zunehmend die Welt erobert und die Menschen in eine wohlhabende und eine unwürdig verarmte, geteilte und gestresste Gesellschaft zwingt?

Achebe zeigt am Beispiel des Igbo Hohenpriester auf, wie dieser seinen Sohn an eine Missionsschule schickte mit dem Einsehen, dass er über den Sohn mehr Verständnis für das Eindringen einer unaufhaltbaren christlichen „Kultur“ erlangen könnte, um sich darauf einstellen zu können.

Interessant wird Achebes Beschreibung der Kolonialsituation. Rita Wöbcke, 2015, S. 55) schreibt:

Diese Situation gibt exemplarische die Kolonialsituation wieder: Der District Comissioner hat als ranghöchster Kolonialbeamter fast absolute Macht in seinem District, es gibt keine wirkliche Kommunikation zwischen den Kolonialherren und den Kolonisierten, jede Seite nimmt entsprechend den eigenen Einsichten und Vorstellungen Einfluss auf das Geschehen. Über die Wirksamkeit und Berechtigung des jeweiligen Verhaltens gibt es keine von beiden Seiten anerkannten Massstäbe, keine von beiden Seiten anerkannte politische Moral, denn die Machtverhältnisse sind klar definiert: Die englische Kolonialmacht ist überlegen und handelt entsprechend ihren eigenen Grundsätzen, die Bewohner von Igbo-Land sind unterlegen, sind sich ihrer Unterlegenheit aber nicht ausreichend bewusst, um ihr Handeln entsprechend auszurichten, und sie handeln entsprechend ihrer eigenen Selbsteinschätzung so, wie sie es immer taten, was zu Katastrophen führen kann.“

R. Wöbcke, 2015, S. 57, zitiert: in der Pfeil Gottes S. 40) „30 Jahre später läuft das Kriegsgeschehen nicht unangefochten nach den Vorgaben des Orakels ab und fordert neun Tote. Am vierten Tag schickt Captain Winterbottom seine Soldaten und der Krieg ist beendet. Die Bewohner von Opkeri und Umuaro lehnen sich gegen das Eingreifen der Europäer nicht auf.“

Das erinnert mich wieder an die Reaktion der Sri Lanka, Eltern welche meine Vorgaben, wie mit dem gegenseitigen Ärger umzugehen sei, dankbar annahmen und entsprechend sich daran hielten.

Sind nun die unangebrachten politischen und finanziellen Auswüchse afrikanischer Machthaber ganz einfach ein Handeln entsprechend ihrer eigenen Selbsteinschätzung fern unserer Entscheidungsgrundlagen und Handeln, ja zu unserer Empörung gereichend. Warum verhalten sich die afrikanischen Völker relativ friedlich und erheben sich nicht gegen die masslose Verschwendungssucht ihrer Politiker?

Achebe beschreibt die Igbo, als hätten sie lediglich die Dorfstruktur gekannt, einen religiösen und mehrere „politische“ Dorf- oder Clanchefs gehabt und hätten ein Orakel als Entscheidungshilfe gehabt, aber gewisserweise das Orakel auch moderat deuten können. Allerdings als das Orakel befand, den mittlerweile als Sohn anerkannten und lieb gewonnen Ikemefuna zu töten, zögerte Okwonko nicht, Ikemefuna mit der Machete nieder zu strecken. (vgl. Achebe, 1958, S. 78/79).

Nach wie vor sieht Volker Seitz (2019) im Irr- und Aberglauben, im Fetischismus ein Hindernis für eine gesunde ökonomische Entwicklung. Die einzelne Afrikanerin, der Afrikaner sieht sich eventuell nicht als Kameruner, Nigerianer oder Senegalese sondern als Hussa, Igbo oder Massai und hat gar nicht den Anspruch, „seine Parlamentarier“ sollten den Nationalstaat voranbringen. Nur dann, wenn ein Clan- und Familienmitglied Parlamentarier wird, soll geteilt werden und was als Gewinn abfällt, bzw. was die Regierung für Lizenzen, an Steuern und Bestechungsgelder einnimmt, wird aufgeteilt und verzehrt, wie die Früchte eines Baumes, ausgegeben für westliche Konsumgüter wie Autos und andere Statussymbole. Den Aufbau einer Volksökonomie, einer nationalen Wirtschaft, die Verwendung der Einnahmen dafür ist gar nicht im Fokus der Regierungen. Es gibt zum Glück einige löbliche Ausnahmen wie zum Beispiel Mocambique, Togo, Botswana und Ruanda.

Die afrikanischen Staaten existieren nur auf dem Papier. So getraut sich zum Beispiel kaum jemand aus dem Süden der Cote d’ Ivoire in den Norden zu reisen. Dort lebt ein anderes Volk von Viehbesitzern, dort sind die Schieberrouten für Migranten in den Norden nach Europa, dort ist es gefährlich, ein ungesichertes Territorium mit eigenen Gesetzen. Viele Afrikanerinnen und Afrikaner leben in zum Teil sich widersprechenden Wertsystemen, welche die Komplexität steigern und wenig Handlungsorientierung schaffen.

Es ist mittlerweile 19.00h. M. will wissen, wann wir auf UTC umstellen, er würde gerne diese Wache übernehmen, eine Stunde mehr segeln und dafür zusätzliche Meilen machen. Die See ist metallblau mit einem Schimmer Gold und Violett von der untergehenden Sonne. R. steuert bei acht Knoten Wind und vier Knoten Fahrt wie auf Schienen, fast ohne Bewegung im Schiff durch die ruhige gekräuselte See. Der Himmel ist blank geputzt, einzig einige Wolkenbänder am Horizont zieren das Bild. Bruno bruzelt irgendetwas Essbares, Feines. Porto Santo, wir kommen!

Achtung, nächste Woche segeln wir von Porto Santo über Madeira nach den Kanaren!