Finding Afrika

Willkommen an Bord

Dies ist ein Bericht über eine Seereise nach Westafrika mit der sechzehn Meter Segeljacht Inuit von Almeria über Gibraltar, Madeira, Kanaren, Dakar, Sloumriver, Gambiariver, Kapverden, Azoren und zurück ins Mittelmeer bis an den Zielhafen Port St. Louis in Südfrankreich. Ich habe in Gibraltar mit Tagebuch schreiben begonnen als gedankliche Auseinandersetzung mit unserem Ziel. Hier findest du weniger abenteuerliche Geschichten übers Segeln dafür umso mehr Beschreibungen, unsere Gedanken und Zitate aus der Literatur über Westafrika.

Wanderer es gibt keinen Weg – Alles geht und alles bleibt

aber das Unsere ist es, vorbeizugehen – vorbeizugehen und Wege zu schaffen,

Wege über das Meer

Wanderer, deine Spuren sind der Weg, und nichts mehr;

Wanderer es gibt keinen Weg, man schafft den Weg beim Gehen

Beim Gehen schafft man den Weg und beim Zurückwenden des Blickes

sieht man den Pfad, den man kaum wieder betreten wird.

Wanderer es gibt keinen Weg, sondern Spuren im Meer.

(Antonio Machado Ruiz 1874-1947)

Gibraltar-Porto Santo

Mittwoch, 20.11.2019

Alcaidesa/Gibraltar

76°97’N 05°23’W

Warum nach Afrika segeln? Alle wollen in die Karibik. Unter anderem die JachtstopperInnen, welche das Marinagelände belagern und nach einer Mitsegelgelegenheit fragen. Sie hausen unter einer Armeeblache und trotzen dem Regenwetter im Wäschehäuschen der Marina Alcaidesa. Aber mit Wanderrucksack, Rastazöpfen und Hosen an der Kniekehle wird das nichts. Entweder haben die Jachten Gäste, welche keine ungewaschenen Gratisgäste an Bord mögen oder sie haben eine professionelle Crew mit reichem Eigner, wie der Katamaran hinter uns.

Der Katamaran ist so breit wie wir lang sind, aber der Eigner schläft im Hotel. Die Diskussion mit ihm und seinem Skipper kreist ums Wetter. Sie zögern auszulaufen, da südlich der Kanaren viel Energie in der Wetterküche drin sei.

Die andere interessante Angstbörse ist die Dusche. Ein kleiner untersetzter Südafrikaner, Segler eines anderen Katamarans, zitterte nicht wegen dem stürmisch nassen Gibraltarwetter, sondern wegen eines Hurrikans, welcher auf die Kanaren zusteuere. Solche Botschaften können ganze Crews vor dem Auslaufen hindern. Ich habe dann seinen Hurrikan auf der Windyap tausend Seemeilen nordwestlich gefunden. Das Tiefdruckgebiet ist sich rasch am auffüllen.

Vor gut zwanzig Jahren habe ich schon einmal Gibraltar nach einem kurzen Tankstopp westwärts verlassen und mich in der selbigen Dusche mit deutschen Seglern unterhalten, welche seit zwei Monaten auf günstigen Ostwind gewartet hatten, um in den Atlantik zu segeln. Wir waren bereits am nächsten Tag raus im Atlantik und acht Tage später in Madeira.

Die Inuit: http://www.velaventura.ch/de/Unser-Segelschiff-1

Die Inuit, unsere Segeljacht ist sechzehn Meter lang, vier Meter dreissig breit und hat einen Meter neunzig Tiefgang. Sie ist eine Reinke 15, in Winterthur im Selbstbau vom Verein Kontaki gebaut worden und sehr komfortabel. Sie hat ein Swan Rodrigg mit 240m2 Segelfläche, zwei Nanni fünfzig PS Motoren und ist auch sonst sehr gut für Langfahrten ausgerüstet mit tausendvierhundert Liter Wasser, neunhundert Liter Dieseltanks, GPS und Seekartenplotter, Navtext, UKW Funk, Echolot, Autopilot und EPIRP. Sie bietet acht Kojen in Doppelkabinen, zwei WC’s mit Waschgelegenheit, eine eigene Pantry und einen Salon für acht Personen. Die Inuit gehört dem Verein Velaventura, welcher Segelreisen für behinderte Menschen, Jugendliche und Erwachsene in Ausbildung im Mittelmeeer anbietet. In Zusammenarbeit mit Procap und anderen Behinderteninstitutionen und dem akademischen Sportverein Zürich werden die Törns geplant und ausgeschrieben. Alle, Einzelpersonen oder Gruppen können sich selbstverständlich für Törns auch direkt über unsere Website anmelden: velaventura.ch. Im Frühling, Herbst und Winter segelt die Inuit bei Nachfrage auch Privattörns oder unternimmt längere Seereisen. So war diese Seereise bereits die dritte im Atlantik, welche im Seegebiet der kanarischen Inseln unternommen worden sind.














Gibraltar

Gibraltar ist ein sonderbarer Ort. Es ist rund um einen Felsen gebaut, die nördliche Säule des Herakles, am südlichsten Punkt Europas und wirkt durch und durch englisch. Alle sprechen englisch, alles ist englisch angeschrieben, es gibt sogar die roten englischen Telefonzellen, es gibt Doppelstockbusse, Pubs und Fisch und Chips. Und vor allem regnet es. Am hoch aufragenden Felsen kondensieren die feuchten West- oder Ostwinde, welche hier fast immer wehen und oft Regen bringen. Der jahrelange Streit mit Spanien über eine Rückgabe Gibraltars hatte dazu geführt, dass Spanien den Engländern das Wasser abstellte und die Grenze geschlossen gehalten hatte. Die Gibraltesen betonierten eine Steilflanke des Felsens und sammelten so genügend Wasser zur Versorgung der Enklave. Grenzpolizisten standen jahrelang am Grenzbaum der geöffneten Grenze, während die spanische Seite verlassen und geschlossen blieb. Heute kommen viele SpanierInnen nach Gibraltar zum arbeiten seit die Grenze wieder offen ist. Unerklärlich bleibt mir, warum jemand dort Urlaub macht, aber ein Teil des Umsatzes muss Gibraltar mit dem Tourismus machen. Es ist natürlich ein historischer Ort und ich vermute, die englischen Touristen fühlen sich hier wohl und sind stolz auf die aus allen Poren strömende glorreiche Vergangenheit Gibraltars. Da stehen noch Batterien, welche man besichtigen kann. Oben auf dem Felsen wohnt eine Horde Affen. Der Mythos erzählt, dass die Engländer in Gibraltar herrschen solange die Affen auf dem Felsen hausen. Churchill habe angeblich im zweiten Weltkrieg Affen hinbringen lassen, um dem Aberglauben gerecht zu werden.












Sonntag, 24.11.2019

35°15’N 06°42’W

Mittlerweile liegt Afrika, Rabat querab, die Sonne trocknet das von Gibraltar’s Regen feuchte Schiff. Leider mussten wir das Grosssegel bergen und motoren nun, da der Wind völlig eingeschlafen ist, nach einer windigen Passage durch die Strasse von Gibraltar. Wir haben bereits einen Kurswechsel für einen Kaffestopp in Casablanca veranlasst, da ein Kalmengürtel nördlich Casablanca die direkte Fahrt nach Madeira verhindert.

Warum nach Afrika segeln? Afrika ist der sagenumwobene südliche Kontinent, welcher nicht auf die Beine zu kommen scheint, zumindest aus unserer Perspektive. Bruno vertritt die These, Europa sei dafür verantwortlich, da wir Afrika als kolonialen Selbstbedienungsladen benutzt und seiner Gesellschaftsstrukturen, Reichtümern und Intelligenzia beraubt, sich selbst überlassen haben. Nicht nur das, auch zwinge man den afrikanischen Ländern unfaire Handelsbedingungen auf. M. macht sich bereichernde Despoten, korrupte Staatsmänner (keine Frauen), für das „Elend“ in Afrika verantwortlich. Die Politiker seien schuld.

Wie erhalten demokratische afrikanische Länder PolitikerInnen, welche sich für ihr Land engagieren?

Versuchen wir eine Annäherung an Afrika und segeln dahin.

Dienstag, 26.11.2019

Casablanca

Rolf, er denkt bereits im Rentnermodus, „da komme ich nie mehr hin“, möchte nach Casablanca rein, obwohl seit ein paar Stunden ein Nordwind mit 8 Knoten uns mit ausgebaumter Genua 4 Knoten Fahrt bescherte. Fühmorgens um 04.00h legten wir im Port du Plaisance an verrotteten Schwimmstegen an. Später erwiderte mir am Funk ein Hafenmeister, es gebe keinen Jachthafen mehr in Casablanca, wir müssten nach Mohammedia. Dort wo ein Sporthafen eingetragen ist, weist unser Seekartenplotter allerdings zu wenig Wassertiefe aus. Wir waren verwirrt, hatten wir doch eine grosszügige Hafenanlage für Sportboote in einer Millionenstadt erwartet. So liefen wir entlang eines dutzend sich entladender Frachtschiffen im Morgendunst wieder aus. Die Hafenanlagen sind riesig, wir erkannten kaum Arbeitende. Grosse Laufkatzen sortierten Container scheinbar automatisiert.

Ich lese Volker Seitz Afrika wird arm regiert (2019). Er prangert die Regierungen der meisten afrikanischen Länder an, einmal gewählt, sich und ihre Familien zu bereichern ohne sich fürs Land und dessen EinwohnerInnen zu kümmern. Er widerlegt Brunos These, die verbreitete tiefe Armut gründe im Erbe des Kolonialismus, den damals zugrunde gelegten und erlernten Ausbeutungsstrukturen, in den oftmals angeprangerten unfairen Verträge des Westens mit Afrika.

Zum Beispiel ist „Everthing but arms“ (alles ausser Waffen) ein EU Handelsprogramm aus dem Jahr 2001 für die am wenigsten entwickelten Länder für deren zollfreien Zugang zu den EU Märkten.

Die koloniale Vergangenheit kann nicht mehr als Entschuldigung für das Versagen in der Gegenwart herhalten. Sonst gäbe es nicht Länder wie Benin, Botswana, Mauritius, Mosambik und Ruanda, das wegen seiner Bildungs-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik zu den Topreformern zählt“ (V. Seitz, 2019, S. 47).

Da viele afrikanische Länder rohstoffreich sind, verleite dies die Regierung auf den Einnahmen dieser Rohstoffe auszuruhen ohne eine weiterverarbeitende Industrie aufzubauen, welche Arbeit und Löhne den Einheimischen verschafft. Erst wenn die Regierungen mit fairen Steuersystemen den Staatshaushalt finanzieren müssen, würden die AfrikanerInnen die sich bereichernde Oligarchie nicht mehr dulden. Zudem fliessen weit mehr als siebzig Milliarden Dollar an Hilfsgelder jährlich nach Afrika. Gemäss Seitz habe alleine die europäische Entwicklungshilfe 2016 fünfundsiebzig Milliarden Euro betragen. Es sei üblich zu zahlen, um Hilfe leisten zu dürfen, heisst im Klartext, die westlichen Hilfeleister fördern damit die Korruption! 2007 bezifferte die UNO dreizehn Milliarden Dollar an Fluchtkapital jährlich, welches aus afrikanischen Ländern abfliesst (vgl. V. Seitz 2019, S. 73).

Hier erhält Bruno recht, wenn er dies als Kopie westlichen Raubkapitalismus bezeichnet.

Der bekannte polnische Reiseschriftsteller Kapuscinski, “Afrikanisches Fieber“ 1999, beschreibt die familiäre Bindung als Pflicht, man teile mit der Familie, besten falls mit dem Clan die Ämter, die Staatseinnahmen und die unterschlagene Entwicklungshilfe.

Da z.B. Nigeria von über 200 „Stämmen“ bewohnt wird, schreibt Seitz und sich in der nachkolonialen Zeit wenig nationalstaatliche Identität entwickelt habe, sehen sich gewählte Regierungen ihrem Clan und nicht ihrem Land verantwortlich. Die Nationalstaaten sind ein koloniales Konstrukt. Es seien Scheindemokratien, um an weitere Hilfsgelder zu gelangen. Eine Kontrolle der Verwendung der teilweise direkt an die Staatsbudgets überwiesenen Hilfegelder finde nicht oder gefälscht statt.

Umgekehrt werden die Völker Afrikas immer wieder als Frohnaturen, hart arbeitend, verantwortungsvoll und ehrlich beschrieben, was unserem Bild des wenig interessierten untätigen Afrikaners, bzw. des am Bahnhof herumlungernden Schwarzen, entgegen steht.

So erzählte mir ein Freund der Familie, ein in der Schweiz lebender Ivorer, was seine Mutter in Abidjan gerade erlebt hatte: „Ein Sudanese habe sie kürzlich angerufen, er sei nun da mit den Kühen, in Jaquesville. Sie habe nachgefragt, sie wisse nichts über Kühe. Es habe sich herausgestellt, dass der Sudanese vor Jahrzenten von seiner Grossmutter Geld geliehen und sich davon Kühe gekauft hatte. Die Tradition sehe dann vor, dass er ab dem dritten Kalb die weiteren Tiere behalten dürfe. Mittlerweile sei die Herde, wohl im Steppenland von Burkina Faso und dem Norden der Cote d’Ivoire, stattlich angewachsen und der Sudanese beglich seine Rechnung mit der Rückgabe der Muttertiere mit den ersten beiden Kälbern.“

Was ist das für eine fantastische Geschichte!

Dienstag, 26.11.2019
















33°31’N 08°16’W

Wir motoren entlang der afrikanischen Westküste. Es ist 22.45h. Rolf geht Wache, Bruno ist in die Koje gegangen. Der Atlantik ist spiegelglatt. Von Gibraltar bis Casablanca und sechshundert Seemeilen bis nach Madeira reichend, erstreckt sich ein Flautenband. Wir versuchen ihm südlich davon zu entkommen, wo wir östliche Winde erwarten. Nördlich der Achse Gibraltar-Madeira wehen Westwinde. Die Zone wo die Kaltluftmassen auf die Warmluftmassen treffen, verschiebt sich gegen Süden. Ihr entlang entstehen oft Stürme. Allerdings rollen wir gerade zwischen tiefen Wellentälern und Wellenbergen so stark, dass ich sämtliches Geschirr mit leeren Eierkartons und Küchentüchern polstere. Auch wenig Wind würde uns bereits stabilisieren. Am Nachmittag segelten wir noch mit sechs Knoten Wind und machten gegen dreieinhalb Knoten Fahrt.

Bruno vertritt die These, Afrikas Oligarchie verhalte sich nicht anders als westliche Kapitalisten. Der einzige Unterschied sei, dass bei uns für die Arbeiterschaft etwas übrig bleibe, während Afrikas breite Bevölkerungsschichten nicht nur leer ausgehe, sondern durch die Ohnmacht gedemütigt werde. In vielen westafrikanischen Ländern bewegt sich das Existenzminimum bei 40 Franken Monatseinkommen und oft betrifft das über die Hälfte der Bevölkerung. In der Schweiz liegt das Existenzminimum bei 2259 Franken monatlich. Meine Malariaprophylaxe kostet über einem Franken täglich, was gerade dem Existenzminimum eines Westafrikaners entspricht und es vielen verunmöglicht, sich wirkungsvoll zu schützen.

Ich zahle seit zwanzig Jahren 360 Euros zur Finanzierung eines Lehrergehalts einer Schule in Äthiopien und lese bei V. Seitz (2019, S. 163) dass Uganda im Jahr 2011 740 Millionen für russische Kampfbomber korruptionsbedingt überteuert gekauft habe, was die 23’000 LehrerInnen Ugandas während fünfzehn Jahren ihren Monatslohn von 160 Dollar finanziert hätte. Nigerianische Würdenträger sollen seit der Unabhängigkeit 1960 500 Milliarden Dollar unterschlagen haben (V. Seitz, 2019, S. 107). Seitz macht die Führungselite der meisten afrikanischen Staaten für die Missverhältnisse verantwortlich, welche durch unsere Alimentationen über Hilfegelder und Einnahmen aus den Rohstoffressourcen sich schamlos bereichern. Die Hilfe lähme.

In unserer Borddiskussion gebe ich zu bedenken, dass ich fehlende Rechtsstaatlichkeit bzw. die fehlende unabhängige Justiz in vielen afrikanischen Ländern vermute, welche dem Gebaren Einhalt gebieten könnte. Vergleichbares passiert momentan in Ungarn, der Türkei und Polen und führt weg von demokratischen hin zu diktatorischen Staatsformen, welche zu oft Günstlingswirtschaft und Korruption zulässt und eine gesunde Marktwirtschaft untergräbt.

V. Seitz (2019, S. 125) zählt fünf Dinge auf als Pflicht einer Regierung und Anreiz für Transferleistungen und Investitionen:

1. Sie muss in Bildung investieren. 2. Sie muss dafür sorgen, dass die Rechtssprechung funktioniert und die Eigentumsrechte garantiert sind. 3. Sie muss für eine gesunde Infrastruktur sorgen. 4. Sie muss ein funktionierendes Gesundheitswesen schaffen. 5. Sie muss die stabile Versorgung mit Wasser und Elektrizität garantieren.“

Mittwoch, 27.11.19

Wir segeln nach einer Flautenperiode weg von Afrikas Küste gegen Madeira mit einem unerwarteten Nordwind und mit 5 Knoten Fahrt.

Das Rezept für das heutige Auberginenmousse:

Zwei ganze Auberginen 40 Minuten bei 180 Grad im Backofen backen, nachher schälen, mit etwas Salz, Pfeffer und einer halben ausgepressten Zitrone mit dem Stabmixer vermoussen.

Bruno hat ein excellentes Risotto hingezaubert. Ich habe eben meine Wache 18.00h bis 21.00h beendet, Rolf hat mich abgelöst und wird bis 24.00h Wache halten. Mike hat die Hundewache von 24.00h bis 03.00h, dann wird Bruno bis morgens um 06.00 Wache halten. Dank dem wir zu viert segeln, dauern die Wachen lediglich 3 Stunden, was gut erträglich ist. Noch hält der Wind. Oft flaut er um Mitternacht ab und kann gegen fünf Uhr morgens früh wieder stärker werden. Wir hatten leider eher wenig wirklich guten Wind und mussten beträchtliche Strecken motoren. Wir sind vier ältere Herren an Bord und haben bereits herausgefunden, dass die spanischen Cognacs hervorragend schmecken, bzw. der Veterano ist mindestens so gut wie der Magno, welcher aber mit 15 Euros fast doppelt so teuer ist.

Donnerstag, 28.11.2019

Wir haben den Kanarenstrom verlassen, welcher uns stetig mehr als einen halben Knoten südwärts geschoben hatte. Ein zuverlässiger Nordnordostwind bläst, welcher hier fast den ganzen Sommer und oft auch im Winter weht. Madeira ist noch 310 Seemeilen weit, d.h. es wäre in sechzig Stunden zu erreichen, wenn der Wind weiterhin mit zehn Knoten uns sechs Knoten segeln lässt. Die See ist grau, der Himmel teils bewölkt. Eine drei Meter hohe lange Dünung rollt aus Westen gegen uns an. Weit westwärts hat ein Sturm diese Dünung aufgebaut.

Nachts hat mich ein Fibrieren und dumpfes Dröhnen von der Antriebswelle her geweckt, deren Ursache uns nicht klar war. Der Ton war sehr lästig, wir starteten den Motor, was die Fibration unterbrach. Leider trat das Dröhnen mehrmals wieder auf. Wir unterkeilten die Antriebswelle mit Holz, was der Welle die Schwingung nahm. Mit einem der selbstgebauten Spibäume baumten wir die Genua aus, was sie wunderbar beruhigte bei raumem Wind.















Volker Seitz sieht die Lösung für Afrika zu banal, wenn er nur die herrschende Nomenklatura als verursachendes Übel benennt. Es ist zwar so, dass wir Schweizer traumhafte Zustände geniessen mit gut ausgebauten Sozialleistungen, es muss niemand in Slums leiden. Allerdings geht auch in Westeuropa die Schere zwischen Armen und Reichen kräftig auseinander und es ist keine Gegensteuer in Sicht. Sind der Abgasskandal von VW und der restlichen Automobilindustrie oder der Glyphosatskandal von Monsanto nicht vergleichbar mit den Korruptionsskandalen Afrikas? Ist unsere spekulative Finanzindustrie, welche unter anderem die Pensionskassenersparnisse ganzer Bevölkerungen abschöpfen, den Gesamtverlust riskieren und ungemeinen Reichtum für Einzelne schaffen nicht vergleichbar korrupt? Setzen nicht unsere Manager und unsere Regierungsverantwortlichen die Umwelt, die natürlichen Ressourcen und unsere Gesundheit für die Vermögensakkumulation Einzelner leichtfertig aufs Spiel? Warum werden kaum ehrliche, fürs Volk sich engagierende Regierungen gewählt? Korrumpiert Macht fast alle in sehr kurzer Zeit? Ist es eine Mentalitätsangelegenheit? Gibt es eine afrikanische Mentalität? Lassen sich afrikanische Staatschefs schneller korrumpieren, oder sind unsere Checks und Balances entsprechend effektiver?

Was ist Mentalität? Gemäss Duden ist es eine Geistes- und Gemütsart; eine besondere Art des Denkens.

Ist es die Einstellung des Menschen zu seiner Umwelt, die Art und Weise wie er das Geschehen analysiert, welche Bedeutungen er ihm beimisst und für sich Handlungsanweisungen ableitet? Der Mensch hat sich die dafür verwendeten Denkkonzepte von den Eltern, von Gleichaltrigen und anderen Erziehungspersonen erworben und in der Schule und Ausbildung angeeignet. Es ist sicherlich keine genetisch angelegte Denkweise, das wäre in Bezug auf Menschen anderer „Kulturen“ die rassistische Auslegung von Mentalität. Mentalität ist nahe am Kulturbegriff, Kultur ist soweit vergleichbar, aber für eine ganze Menschengruppe, ein zielgerichtetes, tradiertes Handeln und hat weniger mit Erziehung und mehr mit Bildung, Überliefertem und der Vorstellung, wie etwas zu sein hat, zu tun. Nach Duden ist Kultur die Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung.

Ich erinnere mich an ein Beispiel eines Mentalitätsunterschiedes zweier Familien aus Sri Lanka, welche im Streit sich an mich wandten als ich noch an der Schule arbeitete. Sie beschuldigten den Sohn der einen Familie, er lasse absichtlich seinen Ball in ihren Garten fallen, um ihn dort holen zu kommen, was sie und ihre Tochter, eine Schulkameradin des Sohnes störe. Sie konnten mir das effektive Problem nicht nennen, welche zu ihrem Ärger führte. Ich vermutete, der Knabe wollte etwas von der Tochter der anderen Familie und suchte über den Ball Kontakt, Ärger, Unterhaltung oder anderes. Weiter vermutete ich, dass die andere Familie ihre Tochter schützen wollte und dieser Mitschüler für sie nicht genehm erschien. Vielleicht fühlte sich die Tochter von ihm auch wirklich belästigt und sie spannte die Eltern ein, um ihn von sich fern zu halten. Als ich meine Vermutungen andeutungsweise naiv fragend verifizieren wollte und Lösungsvorschläge aller einzog, gerieten die Familien immer mehr in Rage. Man muss sich das Schauspiel vorstellen, alles wurde übersetzt mangels Deutschkenntnissen der Eltern. Ich beobachtete auch amüsiertes Lächeln der beiden SchülerInnen, welche natürlich alle Sprechenden verstanden, also mich und die Eltern. Irgendwann standen die Väter auf und gestikulierten mit Händen unter Anfeuerung der Ehefrauen, so dass ich über kurz oder lang ein Handgemenge erwartete. Ich erhob mich ebenfalls, war ein Kopf grösser und verschaffte mir laut Gehör. Ich erklärte beiden Familien in Zukunft habe der Sohn ein Durchgangsverbot vor dem Garten der anderen Familie und im Weiteren werde ich mit beiden SchülerInnen den Streit beilegen. Ich gebot der einen Familie jetzt das Sitzungszimmer zu verlassen und wegzufahren, dass die andere Familie zehn Minuten später ebenfalls nach Hause könne, um eine „Schlägerei“ zu verhindern. Ich verbot ihnen für zwei Wochen weitere Diskussionen über dieses Thema, alle Beschwerden sollen an mich gehen. Interessanterweise lobte mich die srilankische Übersetzerin für die engagierte Lösung, so müsse mit ihren Landsleuten umgegangen werden und nicht vermittelnd, lavierend, wie wir SchweizerInnen uns das angewohnt hätten. Nach einer gewissen Zeit fragte ich bei den Familien nach, ob sie sich noch belästigt fühlten. Alle betonten, wie glücklich sie über diese Lösung seien. Sie hätten nur eine Frage, ob der Wert ihres Hauses nun sinke mit dem Durchgangsverbot des Schülers?

Sämtliche westeuropäischen Eltern hätten mich in der gleichen Angelegenheit entgeistert angesehen und beschimpft, welche unangemessenen Kompetenzen ich mir da erlaube. Allerdings hätten sie wohl meine Nachforschungen über einen allfälligen Flirt der Beiden sehr wohl verstanden, hätten darüber mit mir gelacht oder klar ihren Unwillen darüber geäussert.

Afrikas Armut kann weder eine Kultur- noch eine Mentalitätsangelegenheit einiger Mächtigen sein. Ist es denkbar, dass Regierungschefs einiger afrikanischer Länder skrupellos die Staatskassen plündern, sich ihrer Verpflichtung dem eigenen Volk nicht bewusst sind, um wie Dagobert Duck im Geldsegen zu baden? Dass sie alle Vorwürfe dazu als rassistisch abtun, um sich ihnen nicht aussetzen zu müssen, wie Seitz beschreibt? Hat die Kolonisation bis in die sechziger Jahre nicht doch eine Vorlage für vergleichbares skrupelloses ausbeuterisches Handeln geliefert?

Wer erhebt sich bei uns gegen die Spekulanten der Finanzkrise?

Wie gelingt der Aufbau eines korruptionsfreien Staatsapparates zum Wohle der Bevölkerung?

Mit einer rein technisch-rationalen Analyse und Sicht auf das Geschehen erhalten wir keine Handlungsanweisungen, sondern verharren im Wunschdenken und Forderungen wie z.B. Seitz’s sechs Punkte Plan ohne Idee, wie so ein Plan realisiert werden könnte oder was verhindert, dass er Wirklichkeit wird. Auch wenn psychologische Konzepte ob der Komplexität von Staatsentwicklungen vermessen erscheinen, lohnt sich experimentell psychologisch konzeptionell zu denken. In Entwicklungspsychologischem Sinn würde Afrika in der jungen Erwachsenenphase verortet, gerade erst mündig geworden nach einer Phase als Sammler Jäger und Pflanzer und einer dreihundertjährigen Phase der Ausbeutung durch arabische und europäische Sklavenhändler und hundert Jahren Kolonisation. Europa befand sich vor der französischen Revolution in Zeiten des verschwendungssüchtigen Sonnenkönigs Louis XVI in einer ähnlichen Situation. Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit waren die Rufe zum Aufbruch, was natürlich vor allem als Handlungsethik für die Obrigkeit hätte gelten sollen.

Der Sklavenhandel und die Kolonialzeit hat viele gewachsene Strukturen und Traditionen Afrikas geschleift. Auch wenn Sklavenhandel bereits vor den grossen Sklaventransporten nach Süd- und Nordamerika in Afrika weit verbreitet gewesen war, wie im Altertum im Europa, so nahm sie ein ungeheures Ausmass zwischen dem siebzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert an und verunmöglichte eine gesellschaftliche Weiterentwicklung, ja warf jegliche Entwicklung zurück. Noch heute werden 200’000 Kindersklaven in Afrika gemäss der UNO vermutet. 2008 ist Niger der Duldung von Menschenhandel und Sklaverei schuldig gesprochen worden. Adidiatou Mani Koraou ist mit zwölf Jahren für 370 Euros an ihren „Ehemann“ verkauft worden. Als sie 10 Jahre später erfuhr, dass Skalverei in Niger illegal sei, verklagte sie mit Hilfe der Organisationen Timifira und Antis Slavery International den Staat und erhielt Recht (V. Seitz, 2019, S. 159).

Freud macht aus psychoanalytischer Sicht eine Unterversorgung in der Kleinkindphase als Ursache von Geiz und Verschwendungssucht verantwortlich. Was ist die Ursache der Verschwendung der Regierungen einiger afrikanischer Staaten. (z.B. V. Seitz, 2019, S.152)

Als das kanadische Bergbauunternehmen First Quantum seine Steuern von 60 Millionen US-Dollar für das geförderte Kupfer in der demokratischen Republik Kongo 2009 bezahlen wollte, wurde der Firma bedeutet vier Millionen dem Direktor der Steuerbehörde zu übergeben, sechs Millionen an den Staat zu zahlen – und den Rest zu behalten.“

Was bewegt Regierungsverantwortliche zu solchen Handlungen? Ihre Verschwendungssucht erscheint als Desinteresse, Grössenwahn und Verantwortungslosigkeit, ähnlich pubertierender Jugendlicher, welche mit dem Ferrari des Vaters ohne Fahrbewilligung ihr Leben und das anderer aufs Spiel setzen, oder den zwei JachtstopperInnen, welche freiwillig in Gibraltar unter eine Blache hausen wie Flüchtlinge aus Afrika.

Sarr, der bekannte senegalesische Philosoph beschreibt in seinem Buch „Afrotopia“ 2019) Afrikanische Völker, welche in Zeiten der Trockenperioden grosse Essfeste veranstalten und geradezu verschwenderisch mit Nahrung umgehen, obwohl die mageren Tage erst folgen werden. Kapuscinki schreibt in „Meine Reisen mit Herodot“ (S.48, 2005) Reiche sparen, Arme seien oft gerade zu verschwendungssüchtig, solange sie noch etwas haben.

Mittlerweile weiss die Hirnforschung, dass Jugendliche teilweise einfach nicht zurechnungsfähig sind, da sich ihr Hirn neu ordnet. Sie benötigen klare Richtlinien, in welchen sie sich bewegen dürfen und müssen bei Übertretung Konsequenzen spüren bis sie eigenverantwortlich entscheidungsfähig werden. Damit sind wir wieder beim Anliegen von Volker Seitz, die westeuropäischen Staaten mögen Verantwortung übernehmen und die Kooperation mit despotischen Staatsmännern einstellen. Allerdings erscheint hier die Gefahr, dass ganze Bevölkerungen sich nicht wehren können, sie hungern oder verhungern wie in Nordkorea nach westlichen Handelsbeschränkungen.

Freitag, 29.11.2019

Der Atlanik ist grafitgrau, Madeira ist noch immer 190 Seemeilen entfernt nach einer fast windstillen Nacht. Bruno schaffte in dreieinhalb Stunden acht Seemeilen, ich elf. Gestern haben wir fast den ganzen Tag am Schiff gebastelt. Die Fibrationen mit begleitendem Lärm entstanden fast bei allen Geschwindigkeiten erneut, so dass wir einen Holzklotz unter die Welle klemmten. Das unterbrach zwar die Fibration der Welle aber heizte diese auf, so dass ich eine Beschädigung der Gummimanschette der Wellenabdichtung befürchtete. So schraubte ich ein Stück Nylon eines Schneidbrettes auf den Holzklotz, welches nun entsprechend zugefeilt die Welle defibiriert.


Mike meint, wir seien ganz einfach nicht in der Lage und der Position, nicht einmal mit unserem Kaufverhalten, irgendetwas verändern zu können. Die/der Einzelne würde durchaus etwas verändern, wenn es erfolgsversprechend wäre und Vorteile ersichtlich würden. Ich finde, dies ist eine billige Ausrede, welche genau die falsche Annahme politischer Kreise der Schweiz beschreibt, welche keine Vorschriften wollen, sondern die Eigenverantwortung einfordern. Ich gebe zu bedenken, dass im Bereich des Umweltschutzes der Eigenvorteil gegeben wäre, da es schlichtweg ums eigene oder das Überleben der Nachfahren gehe. Aber auch hier sind keine Fortschritte messbar. Wir wissen seit mindestens dreissig Jahren um die Klimaerwärmung, aber der Luft- und Strassenverkehr nimmt zu. Ich hisse die Flagge der Klimaschutzinitiative an der Backbordsaling.

Mike sagt, er habe keine Ahnung von Kochen. Ich biete ihm einen Kochkurs an Bord für den lukrativen Aufpreis von 200.- pro Woche an, was er dankend ablehnt. Kochbücher sind voller Unsinn. Beispielsweise steht in jedem Kochbuch, Brotteig sei eine halbe Stunde zu kneten und eine Stunde gehen zu lassen.

Ich knete kaum, sondern gebe ca. 5 Gramm Hefe oder Sauerteig in Wasser und füge Vollkornmehl zu einem dünnen Brei zusammen und rühre das ganze 2 Minuten und lasse es ca. 4 Stunden stehen. Dann rühre ich Ruchmehl und etwas Salz dazu, bis es teigig wird und es mit der Gabel immer noch knetbar ist und fülle damit eine Backform mit Backtrennpapier ausgelegt und lasse es mindestens weitere 2 – 6 Stunden stehen und backe es dann bei 180 Grad 60 Minuten. Alle sind begeistert vom Brot. Die Mengenverhältnisse sind völlig unwichtig, sie richten sich eher nach der guten Verarbeitbarkeit des Teiges, einzig die Salzbeigabe muss einigermassen stimmen, zwei bis drei flachgestrichene Kaffeelöffel je Kilo Mehl. Wenn das Vollkornmehl über Stunden als Brei sich vollsaugen kann, verliert das fertige Brot seine unliebsame Krümeligkeit beim Schneiden. Vom Teig behalte ich etwa hundert Gramm zurück als Vorteig für das Brot am nächsten Tag. Im Kühlschrank hält der Vorteig auch problemlos eine Woche. Nach etlichen Broten wird der Vorteig etwas sauer und erzeugt ein Sauerteigbrot. Die Gärung durch Hefen oder Sauerteig erzeugt CO2 und damit die „Luftigkeit“, das Aufgehen des Brotteiges. Allerdings unterscheidet sich die Hefegärung von der Sauerteiggärung. Erstere wird durch Hefebakterien, letztere durch Milsäurebakterien erzeugt. Brot einer reinen Milchsäuregärung ist viel bekömmlicher als das einer Hefegärung, was mich etliche MitseglerInnen bestätigt hatten.

All das habe ich nie in einem Kochbuch gelesen, obwohl das die wesentlichen Informationen wären anstelle der peniblen Mengenverhältnisse. In einer Fernseh-Sendung habe ich gehört, dass das Brot lange reifen muss, um bekömmlich zu sein und die meisten industriellen Bäckereien dies nicht mehr beachteten.

Es gibt weitere unsinnige Ratschläge in Kochbüchern, z.B. die Butter sei schaumig zu schlagen für Kuchenzubereitung oder der Backofen sei vor zu heizen. Ich habe noch nie schaumige Butter gesehen, die geschlagenen Bläschen zerfallen immer sofort wieder. Wer an Bord Gas sparen will, heizt nicht vor. Mein Apfelcake erfreut sich stets grosser Beliebtheit:

50 gr. Butter schmelzen, 50 Gr. Zucker, die Schale einer Zitrone und den Saft einer halben Zitrone und 4 Eigelb beifügen und rühren. 150 gr. Weissmehl mit etwas Backpulver vermengen, das Eiweiss der 4 Eier schlagen und unter die Masse schichtweise mit dem Mehl ziehen. Um eine feine Kruste zu erhalten, das ist der entscheidende Punkt, welchen ich noch nie in einem Kochbuch gelesen habe, schmiere man das Backtrennpapier dick mit Butter ein und bestreue es mit Zucker. Man fülle die Teigmasse nun in die Form und lege halbierte, entkernte, eingeschnittene Äpfel darauf und bestreue das wieder grosszügig mit Zucker und backe alles bei 180 Grad und vierzig Minuten. Noch warm aus dem Ofen presse ich nun die andere Hälfte der Zitrone als Zitronensaft über den Cake und nehme es sofort aus der Form, um die Kruste knusprig zu halten.

Das habe ich auch schon bei Windstärke 7 gemacht und nennt sich dann Sturmcake.

Samstag, 30.11.2019

Wir mussten die ganze Nacht motoren, erst um fünf Uhr morgens kaum Wind auf. Bruno und Rolf setzten die Segel. Um neun Uhr erschien dann eine Schule Delfine, welche zu unserer Unterhaltung ums Schiff herum spielten. Wir sind weiter unterwegs nach Afrika über Madeira und die Kanaren.


Ich möchte das Denken einiger afrikanischer Menschen zu verstehen versuchen und nehme mir Chinua Achebe vor. Seine Bücher sind Standardliteratur in vielen afrikanischen Ländern. Er ist als Sohn eines christlichen Priesters in Nigeria aufgewachsen und genoss eine ordentliche Volksschulbildung anhand englischer Schulbücher, was in den vierziger Jahre üblich gewesen sei. Er beschreibt ein Schlüsselerlebnis aus der Schulzeit: Ein ehemaliger Lehrer sei eines Tages ins Schulzimmer gekommen und hätte die Kreidedarstellungen von England mit Flüssen und Städten seines Lehrers an der Tafel weggeputzt und Nigeria und ihre Wohngegend aufgezeichnet. Niemand habe afrikanische Geographie gelehrt.

Er habe englische Standardliteratur zu lesen erhalten und sich wie üblich mit den Protagonisten identifiziert bis er Joseph Conrads Herz der Finsternis gelesen habe. Er habe entdeckt, dass er seiner Herkunft entsprechend in diesem Buch eine ganz andere Rolle zugeteilt erhalten würde: die einer der unwürdigen Kreaturen, die am Flussufer auf und ab springen und Grimassen schneiden. Achebe fand heraus, dass Geschichten nicht immer harmlos seien, sondern, einmal aufgeschrieben, ordneten sie Menschen bestimmten Kategorien zu. Auf diese Weise fand Achebe sich in der Gruppe der ungebildeten, unkultivierten Eingeborenen wieder, denen im Weltgeschehen die Rolle der Kolonisierung der Besitzlosen und Enteigneten zugedacht war (Vgl. E. Achebe 2009, S. 118).

Ich vermute, es gibt nicht einfach herkunftsbezogene Mentalitätsunterschiede, sondern es kommt auf den Kontext an, in welchem sich die Mentalität entwickelt; to mean it, den Dingen eine Bedeutung verleihen und eine Meinung darüber entwickeln.

Achebe absolvierte ein College und eine Universitätsausbildung in Ibadan in Medizin, Naturwissenschaften, englische Literatur, Geographie und Geschichte. Seine Erzählungen sind Erinnerungsfragmente aus seiner Kindheit, was sich die Menschen erzählt haben. Sie sind allerdings auch Geschichtskonstruktionen eines Intellektuellen. Er studierte an nigerianischen Universitäten inhaltlich und konzeptionell westeuropäisch ausgerichtete Studiengänge. Alle Professoren afrikanischer Universitäten hatten damals in den Herkunftsländer ihrer Kolonisatoren studiert.

In seinem Roman „Alles zerfällt“ beschreibt er die vorkoloniale Zeit der Igbo Kultur, eine hoch ausdifferenzierte Alltagsregelung mit Orakel, Hohepriester, Erntefesten aber auch Menschenopfer. Er versteht es wie wenige Andere diesen Übergang der vorkolonialen Zeit in die koloniale und nachkoloniale Zeit zu beschreiben, wie die Igbo eine grossartige Anpassungs- und Integrationsleistung sowohl der politischen Verwaltungsmodalitäten wie auch der christlichen Religion mit ihrer Religion vollzogen. Die Igbo galten als nicht regierbar. Achebe zeigt am Beispiel der Ankunft eines Missionares in Abame die Folgen der völlig verschiedenen „Mentalitätsverständnisse“, die Unterschiede wie Vorkommnisse und Zusammenhänge gedeutet und konstruiert werden:

Drei Monde zuvor war an einem Eke-Markttag eine kleine Schar von Flüchtlingen aus Abame nach Umuofia gekommen und hatte berichtet, dass in der vorvergangenen Pflanzeit ein hellhäutiger Mann auf einem eisernen Pferd in ihr Dorf gekommen war. Er schien freundlich und winkte ihnen zu, einige berührten ihn sogar. Doch die Ältesten befragten das Orakel, das ihnen voraussagte, der Fremde werde ihren Clan zerstören und Verwüstung anrichten, und dass weitere weisse Männer unterwegs seien, um das Land auszukundschaften. Also töteten sie den weissen Mann und banden sein Pferd an den heiligen Kapokbaum, dass es nicht davon laufen konnte, um die Freunde des Mannes zu benachrichtigen. Einige Zeit geschah nichts, bis eines Tages weisse Männer das eiserne Pferd am Kapokbaum entdeckten und nach Tagen, als ein grosser Markttag stattfand, zurückkamen mit fünf Weissen und eine grosse Anzahl anderer Männer das Dorf umstellten und alle töteten bis auf die Alten und Kranken, welche zu Hause geblieben waren.“ (Achebe, 1958, S. 155)

Die Engländer aus ihrem Verständnis konnten der Ermordung eines Missionars nicht tatenlos zusehen, sondern befehligten eine völlig unangebrachte Vergeltung, um ein für allemal ersichtlich zu machen, wer hier das Sagen habe. Achebe beschrieb diese Vorgänge ebenfalls aus der Sicht der Engländer, welche nun nicht mehr verstanden, warum die Igbo keine Leistungen für sie mehr erbrachten und sich ihren Anordnungen entzogen.

Entziehen sich afrikanische Völker dem Diktat des Kapitalismus, der zunehmend die Welt erobert und die Menschen in eine wohlhabende und eine unwürdig verarmte, geteilte und gestresste Gesellschaft zwingt?

Achebe zeigt am Beispiel des Igbo Hohenpriester auf, wie dieser seinen Sohn an eine Missionsschule schickte mit dem Einsehen, dass er über den Sohn mehr Verständnis für das Eindringen einer unaufhaltbaren christlichen „Kultur“ erlangen könnte, um sich darauf einstellen zu können.

Interessant wird Achebes Beschreibung der Kolonialsituation. Rita Wöbcke, 2015, S. 55) schreibt:

Diese Situation gibt exemplarische die Kolonialsituation wieder: Der District Comissioner hat als ranghöchster Kolonialbeamter fast absolute Macht in seinem District, es gibt keine wirkliche Kommunikation zwischen den Kolonialherren und den Kolonisierten, jede Seite nimmt entsprechend den eigenen Einsichten und Vorstellungen Einfluss auf das Geschehen. Über die Wirksamkeit und Berechtigung des jeweiligen Verhaltens gibt es keine von beiden Seiten anerkannten Massstäbe, keine von beiden Seiten anerkannte politische Moral, denn die Machtverhältnisse sind klar definiert: Die englische Kolonialmacht ist überlegen und handelt entsprechend ihren eigenen Grundsätzen, die Bewohner von Igbo-Land sind unterlegen, sind sich ihrer Unterlegenheit aber nicht ausreichend bewusst, um ihr Handeln entsprechend auszurichten, und sie handeln entsprechend ihrer eigenen Selbsteinschätzung so, wie sie es immer taten, was zu Katastrophen führen kann.“

R. Wöbcke, 2015, S. 57, zitiert: in der Pfeil Gottes S. 40) „30 Jahre später läuft das Kriegsgeschehen nicht unangefochten nach den Vorgaben des Orakels ab und fordert neun Tote. Am vierten Tag schickt Captain Winterbottom seine Soldaten und der Krieg ist beendet. Die Bewohner von Opkeri und Umuaro lehnen sich gegen das Eingreifen der Europäer nicht auf.“

Das erinnert mich wieder an die Reaktion der Sri Lanka, Eltern welche meine Vorgaben, wie mit dem gegenseitigen Ärger umzugehen sei, dankbar annahmen und entsprechend sich daran hielten.

Sind nun die unangebrachten politischen und finanziellen Auswüchse afrikanischer Machthaber ganz einfach ein Handeln entsprechend ihrer eigenen Selbsteinschätzung fern unserer Entscheidungsgrundlagen und Handeln, ja zu unserer Empörung gereichend. Warum verhalten sich die afrikanischen Völker relativ friedlich und erheben sich nicht gegen die masslose Verschwendungssucht ihrer Politiker?

Achebe beschreibt die Igbo, als hätten sie lediglich die Dorfstruktur gekannt, einen religiösen und mehrere „politische“ Dorf- oder Clanchefs gehabt und hätten ein Orakel als Entscheidungshilfe gehabt, aber gewisserweise das Orakel auch moderat deuten können. Allerdings als das Orakel befand, den mittlerweile als Sohn anerkannten und lieb gewonnen Ikemefuna zu töten, zögerte Okwonko nicht, Ikemefuna mit der Machete nieder zu strecken. (vgl. Achebe, 1958, S. 78/79).

Nach wie vor sieht Volker Seitz (2019) im Irr- und Aberglauben, im Fetischismus ein Hindernis für eine gesunde ökonomische Entwicklung. Die einzelne Afrikanerin, der Afrikaner sieht sich eventuell nicht als Kameruner, Nigerianer oder Senegalese sondern als Hussa, Igbo oder Massai und hat gar nicht den Anspruch, „seine Parlamentarier“ sollten den Nationalstaat voranbringen. Nur dann, wenn ein Clan- und Familienmitglied Parlamentarier wird, soll geteilt werden und was als Gewinn abfällt, bzw. was die Regierung für Lizenzen, an Steuern und Bestechungsgelder einnimmt, wird aufgeteilt und verzehrt, wie die Früchte eines Baumes, ausgegeben für westliche Konsumgüter wie Autos und andere Statussymbole. Den Aufbau einer Volksökonomie, einer nationalen Wirtschaft, die Verwendung der Einnahmen dafür ist gar nicht im Fokus der Regierungen. Es gibt zum Glück einige löbliche Ausnahmen wie zum Beispiel Mocambique, Togo, Botswana und Ruanda.

Die afrikanischen Staaten existieren nur auf dem Papier. So getraut sich zum Beispiel kaum jemand aus dem Süden der Cote d’ Ivoire in den Norden zu reisen. Dort lebt ein anderes Volk von Viehbesitzern, dort sind die Schieberrouten für Migranten in den Norden nach Europa, dort ist es gefährlich, ein ungesichertes Territorium mit eigenen Gesetzen. Viele Afrikanerinnen und Afrikaner leben in zum Teil sich widersprechenden Wertsystemen, welche die Komplexität steigern und wenig Handlungsorientierung schaffen.

Es ist mittlerweile 19.00h. M. will wissen, wann wir auf UTC umstellen, er würde gerne diese Wache übernehmen, eine Stunde mehr segeln und dafür zusätzliche Meilen machen. Die See ist metallblau mit einem Schimmer Gold und Violett von der untergehenden Sonne. R. steuert bei acht Knoten Wind und vier Knoten Fahrt wie auf Schienen, fast ohne Bewegung im Schiff durch die ruhige gekräuselte See. Der Himmel ist blank geputzt, einzig einige Wolkenbänder am Horizont zieren das Bild. Bruno bruzelt irgendetwas Essbares, Feines. Porto Santo, wir kommen!

Achtung, nächste Woche segeln wir von Porto Santo über Madeira nach den Kanaren!

Ein Kommentar zu “Finding Afrika

  1. …bin unterwegs nach langenthal, freue mich sehr heute abend in den bericht einzutauchen. meine fotos & meinen namen kannst du gerne im blog verwenden. grüsse bruno

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: