Porto Santo – Gran Canaria

Dienstag, 3.12.2019

Porto Santo

Am 1.12.2019 um neun Uhr hatten wir Landfall gemacht und sind am Mittag in Porto Santo eingelaufen. Kurz davor hatte der Wind kräftig aufgefrischt und wir hatten ein Reff ins Gross gesteckt, die Genua geborgen und die Fock gesetzt. Schlussendlich hatten wir hoch am Wind segeln müssen. Bruno war nachts zu viel abgelaufen aus Freude, endlich mal 7 Knoten zu segeln. Einige Regenböen brachten nordwestliche Gegenwinde. Aber wir hatten es bis 2 Seemeilen vor die Hafeneinfahrt zu segeln geschafft, hatten dann alle Segel geborgen und uns im grossen Hafenbecken von Porto Santo vor Anker gelegt.

Tags darauf montierten wir unsere Fahrräder und pedalten gegen Abend in die Ortschaft hinein nach einem Bad im Ozean und einer Dusche mit Tankwasser. Baleira ist ein schmucker verträumter Ort mit vielen architektonisch schön gebauten neuen Häusern. In den letzten Jahren muss der Tourismus Geld gebracht haben oder einige Investoren hoffen darauf. Der wunderschöne Strand ist sieben Kilometer lang und mehr als die Hälfte davon noch unverbaut, mit einer Düne davor, worauf Agaven, Palmen und einige Kaktus ähnliche Ruderalpflanzen wachsen, was der Landschaft einen eigenen Reiz gibt. Am nächsten Tag machte ich eine tolle Radtour rund um die Insel und stieg auf die höchsten Berge auf 514 Meter hoch. Im Aufstieg durchwanderte ich ein verträumtes Kiefernwäldchen inmitten hellgrünem Kleebestand, ein märchenhafter Anblick. Ich sammlte ein Kilo Fichtenröhrlinge, völlig erstaunlich, da die Insel meist sehr trocken und karg wirkt. Oben auf dem Pico Castell musste ich laut lachen. Auf dem kleinen Gipfelplateau, wo ich bestenfalls ein Gipfelkreuz oder eine kleine Hütte erwartet hatte, ist ein Gärtchen angelegt. Ringsum ist alles liebevoll terrassiert mit Steinmäuerchen aufwendig gestaltet und mit Kiefern, Blumenstauden und Kakteen bepflanzt. Ganz zuoberst beginnen die Levadas, die Bewässerungsleitungen, welche weiter unten ein grosses Wasserreservoir speisen. Nach einigem Herumgucken tauchte plötzlich Bruno auf, welcher nach einem Platten am Velo die Radtour abgebrochen hatte. Die Aussicht war atemberaubend, da die Sonne vorbeiziehende Wolken mit Regenböen durchbrach und den Ozean silbern aufleuchten liess.




















Abends assen wir ein Pilzbrät mit Nudeln. Nachts musste ich zweimal aufs Klo mit Dünnpfiff, die Pilze waren vielleicht doch nicht ganz koscher?

Nun sind wir wieder unterwegs nach Madeira mit sieben Knoten Fahrt und geniessen Segeln vom Feinsten.

Mittwoch 4.12.2019

32°43N 16°42W

Wir ankern mitten in einem Vulkankrater in der Enseada da Abra unter steilen Vulkanabhängen der Ponta de Sao Lourenco, gegen Südosten begrenzt durch die Kulisse der Ilha Deserta Grande und Ilha Bugio mit ihren wilden Kraterrändern senkrecht aus dem Meer herausragend. Immer wieder fallen Böen über den Kraterrand über uns her und lassen die Inuit wild schaukeln, aber der Anker hält und wir jassen den ganzen Abend.

Samstag 7.12.2019

Madeira

Funchal hatte sich beleuchtet. Tausende Lichterketten schlängelten sich an Bäumen, über Geländer und den Strassen entlang weit den Hügel hinauf. Funchal hat 110’000 EinwohnerInnen und ist schmuck und reich, wie es scheint. Die Marina ist nicht ganz billig, sie nahm einundachzig Euros für eine Nacht. Aber wir genossen es, unkompliziert an und von Bord gehen zu können.

Die Crew von Almeria bis Madeira















Die MedeiranerInnen hatten einen lustigen Weihnachtsmarkt aufgebaut mit Food- und Ponchoständen. Poncho sei ein Getränk, die Fischer haben es offenbar erfunden, um sich warm zu halten. Wir tranken gegen Mitternacht nach einem überwältigenden Konzert in der English Church den Poncho, ein Fruchtsaft aus Maracuja oder Tangerine vermischt mit Madeira Rum. Je später in der Nacht, desto mehr Rum scheint drin zu sein. Die Portugiesen standen dicht gedrängt auf dem breiten Gehsteig und palaverten. Einige trugen abenteuerliche Kappen mit einem Stängel obendrauf, was sie wie eine Frucht mit Keimblättern und Stiel aussehen liess. Offenbar bedeute eine gestreckter Stängel, ich suche und ein gerollter, ich bin schon vergeben. Andere trugen Wollkappen mit hochgeklapptem Ohrenschutz wie die Gitaneengel. Da viele an den Ständen wohl Bauern waren, sahen sie etwas bäuerisch aus, was Mike dazu verleitete, sie als „beschränkt“ anzusehen. Mit viel Schlagseite gingen wir schlafen. Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Yellowbus an die Nordseite der Insel. Man zeigte uns eine Lavahöhle und allerlei andere Sehenswürdigkeiten, aber das Highlight war wieder das Konzert im Jazzhouse, wo Robin Hurd Musik machte. Wir wurden von einem beleibten Kellner bedient, welcher dann plötzlich am Mikrofon stand und wunderbare Frank Sinatrasongs sang. Später kam der russische Violinist vom Vorabend und legte nach. Er geigte äusserst virituos, mitreissend, wunderbar und wechselte dann auf Rock. Er verkündete, wir, eine Segelcrew , welche um die Welt segle, seien extra gekommen, weil wir vom letzten Konzert begeistert gewesen seien, also spiele er nun für uns Queens und Rock. Alle Köpfe drehten sich zu uns, wir lachten und korrigierten seine Aussage, wir segelten lediglich eine Atlantikrundtour.
















Sarah, Rene, Stefan und U., unsere nächste Crew, sind heute eingetroffen. U. und ich fuhren mit der Sesselbahn nach Monte und wanderten in den botanischen Garten. Wir waren begeistert von den tollen Blumen und Früchten und sammlten, was am Boden lag: Pradiesfrucht (eine geschmacklich wunderbare Frucht vom Phylodendron), Dragonfrut, Guaioba und Palmfrüchte. Alles war excellent und baumreif.
















Montag 9.12.2019

Wir liefen heute gegen 14.00h aus. Madeira ist wundervoll, aber heute hatten drei Kreuzfahrtschiffe angelegt, welche die Stadt mit zehntausend Kreuzfahrttouristen überflutet hatten, was uns den Abschied deutlich erleichterte. Die KreuzfahrerInnen trugen Schlabberhosen und Gilets mit zahlreichen aufgenähten Taschen. Es schien so, als müssten sie dauernd irgendwelche Gegenstände bei sich führen und in geeignete Taschen versorgen wie US Marines im Krieg. Ihre Kleider waren weiss und sandfarben. Die Frauen steckten in kurzen oder langen Pluderhosen und T-Shirts, worauf Miami oder Mauritius steht. Sie trugen Trekkingsandalen und umgehängte Kameras und haben dicke Bäuche, da sie sich dauernd an enormen Buffets sättigen und übersättigen können.

Früher haben Kreuzritter angeblich das Christentum in den nahen Osten gebracht und sind teilweise sagenhaft reich zurückgekehrt. Heute tragen KreuzfahrerInnen ihr Taschengeld in die Welt und vor allem der MSC Reederei zu (mit Sitz in der Schweiz aus Steuergründen) und kehren mit grossen Mengen an Fotos nach Hause oder legen diese in der Cloud ab. Da sie bereits ein Überangebot an Essen, Boutiquen, Coiffeurläden, Kinos und Bühnenshows an Bord haben, mögen sie an Land zum Leidwesen der einheimischen Bevölkerung nichts mehr konsumieren.

Aber sie überschwemmten den Mercato de Lavodores, welcher grösstenteils leergeräumt war, um den Touristen den Platz zu lassen und fotografierten die hier plötzlich in traditionelle Bauernkleider gesteckten VerkäuferInnen, welche versuchten ihnen tropische Früchte für den vierfachen Preis des Vortages anzubieten. Sie setzen sich dann in Cafes, welche in derselben Manier wie an Bord Drinks von englisch sprechenden KellnerInnen anboten.

Es gab auch die sportlichen KreuzfahrerInnen, welche in Gruppen von zwanzig bis vierzig Odlo bekleideten jüngeren Menschen mit ihren EBikes ganze Strassenzüge lahmlegten. Sie parkten ihre Fahrräder ebenfalls wie ich vor dem Mercato de Lavodores und überfluten ihn in grossen Gruppen, alle mit identischem Helm auf dem Kopf. Mit einer geeigneten Laserpistole könnten sie durchwegs in Startreck auftreten. Zumindest schien ihnen die Zeit zu fehlen, den Helm abzulegen und über ihre körpereng anliegenden Kunstoffkleider eine anständige Hose zu ziehen. Es war dann recht schwierig, einen Marktstand zu finden, welcher uns zu anständigen Preisen grössere Mengen an Früchten und Gemüse verkaufte für unsere Weiterreise.

Wir segeln im Passatlee von Madeira Kurs Südost. An Backbord tauchen die beiden Desertas aus den Wolken auf wie mystische Supertanker. Sie bescheren uns flaches Wasser bei zwanzig Knoten Nordostpassat.

Mittwoch, 11.12.2019

Wir sind den dritten Tag auf See und segeln mit zwanzig Knoten Wind und bis acht Knoten Fahrt mit zweimal gerefftem Gross und gereffter Genua 160 Grad Richtung Lanazarote. Bereits hat Stefan die Insel im Dunst gesichtet. Die See ist titanblau mit einem Silberstreifen, wenn die Sonne durch die Wolken bricht. Mittlerweile hat sogar Rene ein Stück Brot zum Frühstück gegessen. Er leidet an Übelkeit trotz Stugeron und Pflaster hinter dem Ohr. Aber er scheint guter Laune und geht fleissig mit Stefan Wache von zweiundzwanzig bis morgens um zwei Uhr und von zehn bis vierzehn Uhr. Ich und U. haben die Schoggiwache von sechs bis zehn und von achtzehn bis zweiundzwanzig Uhr. Trotzdem verschlafe ich mich regelmässig, da Bruno mich erst um halb sieben weckt. Nach der ersten ruppigen Nacht kann ich auch mit relativ viel Schiffsbewegung gut schlafen. Wir werden in der Koje tüchtig durchgeknetet vom stark rollenden Schiff. Wir machen Etmale von hundertdreissig Seemeilen.

Das Rezept für den Schwertfisch vom Markt:

Die Fischfilets, sie sind ca. fünfzehn Milimeter dick geschnitten, mariniere ich mit viel Zitronensaft und Salz mindestens zwei, besser 6 Stunden und lege sie dann mit Rosmarin bestreut in die geölte Gratinform. Das ganze mit voller Hitze ca. 10 Minuten backen, dann drehen und nochmals zehn Minuten backen mit etwas Weisswein übergossen. Dazu habe ich Broccoli und Kartoffeln im Dampfkochtopf gekocht.

Leider konnten Sarah und Rene nichts davon essen.

Mittwochabends 11.12.2019

Lanzarote

Es ist gegen 18.00h, die Sonne verfärbt sich glutrot, wir segeln mit acht bis neun Knoten rund ums Südkap von Lanzarote, den Punta Pechiguero. Vor uns geht der Vollmond auf über dem Punta Papagaio. Uns kommt ein Dreimaster mit gesetzten Gross, Brahms- und Marssegel entgegen, eine richtige Fotoshow. Bevor es ganz finster ist, gehen wir vor der Marina Rubicon vor Anker.
















Freitag 13.12.2019

Eigentlich bin ich nicht abergläubisch, also liefen wir am Freitag den Dreizehnten doch aus.

Vor vierzig Jahren sind wir auch von Teneriffa an einem Freitag den Dreizehnten ausgelaufen und haben einen Vorstagsbruch erlitten. Unser Schiff damals war ein vierunddreissig Meter Topsegelschoner und hatte drei Vorstage, so war das nicht lebensgefährlich. Wir liefen am selben Tag wieder ein und reparierten das Stag.

Gegen achtzehn Uhr lichteten wir den Anker und segeln nun mit acht Knoten Fahrt mit gereffter Genau und gerefftem Gross. Der Mond wirft Schatten übers Deck.

Lanzarote war toll. Am ersten Tag habe ich eine Biketour mit Ueli gemacht. Wir fuhren auf einen kleinen Vulkan über Kuppen mit kargen Lavabrocken verstreut in rötlicher verbrannter Erde und Ruderalbewuchs und dann an die Playas Papagaio, ein traumhaft schöner Ort mit idyllischen Stränden. Auf einer Tafel war zu lesen, die Spanier hätten an den Stränden der Papagaio eine „Stadt“ Rubicon gebaut. Sie seien dort gelandet und hätten dank einer Quelle Fuss fassen können und von dort aus die Insel erobert. Es sei sogar einmal ein Bischofssitz gewesen. Der Bischoff habe sich immerhin gewehrt, alle Männer umzubringen als Vergeltung einiger durch die Urbevölkerung getöteter Spanier. Heute sind nur noch drei Häuser vor Ort und eine nicht bischöfliche Strandbar.

Heute bikten Bruno und ich nach Femes und durch den Nationalpark des Ajos. In Femes kauften wir uns je ein Bild in einer Galerie. Der Galerist, Martin, war sehr nett und hatte Freude, dass wir überhaupt eintraten. Er hatte viel Kitsch aufgehängt und darunter vier Perlen. Wir wollten bereits gehen, als Bruno den Wieghardt entdeckte. Der Galerist bot uns die Bilder für je siebzig Euros an. Sie zeigten eine Ansicht der Papagaiogegend.

Auf Lanzarote regnet es fast nie. In die Anbauflächen wird Lavagranulat geschüttet, woran sich die Feuchtigkeit des Atlantikwindes kondensiert und sogar Kartoffeln wachsen lässt. Überall wo ein paar Lavabrocken aufgeschichtet sind, gedeihen Kakteen durch das Kondensat des Passats. Die Landwirte pflanzen Zwiebeln in roter und schwarzer Erde. Die Kulturen bleiben klein, munden aber würzig. Es wachsen beste Weine in Mulden, welche von Lavabrocken trichterförmig ummauert werden.

Nach Femes verliessen wir die Strasse und bikten auf einem Wanderweg. Teilweise mussten wir die Bikes schieben und tragen, aber die Wüstenlandschaft ist sehr reizvoll. Auf der Nordostseite der Insel fühlte man sich in die Sahara versetzt. Wir traversierten bewuchslose Lavakegel, Kuppen und Täler, welche bis ins Meer abfielen. Wir überquerten eine Scharte etwas unterhalb des zweithöchsten Berges der Insel und freundeten uns mit einer Ziegenherde mit der weltweit schönsten Aussicht an, ja Ziegen und uns gefällt das.

Nun segeln wir nach St. Cruz de Teneriffa, solange noch Wind weht. Ab Samstagmittag soll dieser abflauen und wir wollen nicht Motoren.

Samstag 14.12.2019

Mittlerweile ist es Samstagnachmittag. Die Küstenfunkstelle der Kanaren verbreitet die Nachricht, ein Flüchtlingsboot sei mit unbekannter Anzahl Personen unterwegs zwischen der afrikanischen Küste und den Kanaren. „Keep sharp lookout“ gegebenenfalls soll man sich mit der Küstenfunkstelle in Verbindung setzten. Wir erlebten bereits dasselbe im Mar de Alboran, wo drei Flüchtlingsschiffe über Pan Pan gemeldet worden waren. Was im Fall eines Treffens oder einer Meldung bei Sichtung an die Küstenfunkstelle passieren würde, ist uns unklar. Natürlich diskutierten wir den Fall. Stefan meinte, er hätte grösste Bedenken, zwanzig bis dreissig Personen an Bord zu nehmen, man wüsste ja nie, was da passieren kann. Ich entgegnete, dass ich von friedlichen Menschen ausgehen würde und eher das Einlaufen in einen Hafen problematisch werden könnte, da wir nirgends willkommen wären. Aber ich würde nie mehr gut schlafen können, wenn ich Flüchtlingen in einem fahruntüchtigen Schiff ausweichen würde. Irgendwie sind wir doch froh auf der Westseite der Küste von Lanzarote zu segeln und uns dem Problem nicht stellen zu müssen.

Das ist genau der Fall für die allermeisten europäischen Länder und die meisten EuropäerInnen. Sind wir nicht alle froh, erledigen diese unangenehme Arbeit die ItalienerInnen, die TürkInnen, die SpanierInnen die GriechInnen und „medicine san frontiers“ mit ihren Rettungsschiffen für uns. Zahlen wir nicht sehr gerne ein bisschen Steuergeld diesen Ländern, ein bisschen Spendengeld den RetterInnen, um uns nicht damit befassen zu müssen? Die Vorstellung, nachts auf See in einem Schlauchboot mit einem Aussenborder, welcher jederzeit aussteigen kann, erschreckt mich sehr, da ich die See mit all ihren Facetten kenne, auch Nachts.

Montag 16.12.2019

Teneriffa

St. Cruz ist nicht schön. Es gibt die Plaza Espania, welche von Herzog De Meuron gestaltet ist und das Auditorium von Calatrava, beide durchaus sehenswert.












Ganz toll ist die Altstadt von La Laguna. Als wir mit der Strassenbahn da hinauf gefahren sind, schlossen gerade die Schulen und die Strassen waren voller Kinder, tolle Statisten für unsere Fotos. Typisch kanarisch sind die Holztür- und Fensterrahmen und die Holzbalkone. Die Häuser sind mehrheitlich aus schwarzem Lavagestein gebaut und meistens verputzt und in verschiedenen weissen, roten, gelben und blauen Farbtönen gemalt.


















Wir unternahmen eine grosse Wanderung von Punta del Hilgado auf Meereshöhe nach Cruz del Carmen, auf 970 Meter über Meer. Der Weg führte steil durch Barrancos über Lavahügel mit einem tollen Kaktusbewuchs in die Höhe. Bruno und Rene kletterten den abenteuerlich angelegten und teilweise in Fels gehauenen Levadas nach und genossen spektakuläre Ausblicke über tiefe Abgründe.












Toll war der Abstieg nach Batan, wo einige standhafte Kanaren noch Wein, Kartoffeln und Gemüse auf kleinsten, nur zu Fuss erreichbaren Terrassen anbauen. Die Häuser kleben am steilen Basaltfelsen und sind teilweise als Höhlen in den Fels gehauen. Von Batan aus steigt der Weg wieder steil die Schlucht hinauf. Ungemein malerische Ausblicke öffneten sich nach jeder Wegbiegung. Hier war einmal ein Zentrum von Flachsverarbeitung, da der Barranco fast immer Wasser führt. Später stiegen wird durch Nebelwälder aus Loorbeer und drei bis vier Meter hohes Heidekraut. Wir wanderten bei strahlendem Sonnenlicht, welches die Moos- und Flechtenbedeckung der Bäume und des Bodens in intensivem Grün erstrahlen liess, dort wo die Sonne überhaupt durchscheinen konnte. Üblicherweise weht hier ein feuchtkalter Passatwind und lässt das Kondensat von den Ästen tropfen.

Am Mittwoch dann war Strandtag und Fischessen in San Andres, wie es der Reiseführer empfiehlt.














In St. Cruz stehen etliche Statuen kräftiger, nackter Männer mit abenteuerlichen Waffen. Es sind Guanchen, welche man plötzlich als Vorfahren entdeckt, die Urbevölkerung, welche sich zum Teil friedlich den Spaniern ergeben hätten. In Gomera habe sich ein Guanchenanführer standhaft gewehrt und ihm hätten sich sogar angesiedelte Spanier unterordnet. Ihm zu Ehren steht ein Denkmal. Gewisse Antropologen gehen davon aus, dass die Guanchen sich mit den Spaniern vermischt haben und weiterleben in der kanarischen Bevölkerung.

Bis heute sei nicht geklärt, woher die Guanchen, die Ureinwohner der Kanarischen Inseln stammen. Bei den damaligen spanischen Eroberungszügen seien zwei Drittel der Guanchen ermordet oder versklavt worden und mit der Missionierung verschwanden auch die Religion und Kultur der Guanchen. Als die Spanier die Kanaren zwischen 1402 und 1495 eroberten, trafen sie ihren eigenen Aufzeichnungen zufolge auf Menschen, die keine Ahnung von der Seefahrt hatten, Messer aus Stein benutzten und Kleider aus Tierfellen trugen. Man nimmt an, dass die Einwohnerzahl der Guanchen vor der spanischen Eroberung auf allen Inseln zwischen 50’000 und 70’000 Personen betrug.

In der Fantasie früherer Seefahrer, Dichter und Philosophen waren die Kanaren eng mit dem Mythos und der Suche nach dem sagenhaften Atlantis verbunden. Platon erzählte vom Untergang Atlantis‘ nach einem Erdbeben um 9000 vor Christus, welches nur die Bewohner der Berge, die Ureinwohner, überlebten („Atlantismythos“). Andere antike Quellen berichten von einem Bergvolk, das vom Atlasgebirge aus bei einem Tsunami 5000 vor Christus bis auf die Kanaren gespült worden sei und am Teide auf Teneriffa gesiedelt habe.

Bis heute ist es nicht gelungen, die Herkunft der Guanchen und den Zeitpunkt ihrer Besiedlung auf den Kanaren wissenschaftlich nachzuweisen. Es gibt viele Theorien und Spekulationen, welche die Vorstellungen der Etymologen und Archäologen beflügeln.

Muschelfunde in Skandinavien, England und Irland deuten auf eine riesige Völkerwanderung 5700 Jahre vor Christus hin. Nach der sogenannten portugiesischen „Muschelsammlertheorie“ werden die Muschelscherbenhaufen der Kanaren damit in Verbindung gebracht. Laut der „Amerikatheorie“ sollen die Kanarischen Inseln von Amerika aus besiedelt worden sein.

Bei den Bewohnern der Kanaren handelte es sich nicht um Seefahrer, sondern um Bauern und Viehzüchter. Zwischen den einzelnen Inseln gab es keinen regen Verkehr oder Austausch. So dass jede Insel für sich geblieben sei. Nach der „Atlantischen Westkulturtheorie“ sollen die Ukrainer vor Tausenden von Jahren mit Einbäumen aus Drachenholz im Mittelmeer und vor der westafrikanischen Küste zur See gefahren sein.

Für eine Besiedlung aus Europa spricht die Hellhäutigkeit der früheren Canarios.

Die Canarios selbst glauben daran, dass ihre Vorfahren aus Nordafrika stammen. Sie glauben, dass die Berber ab 500 vor Christus auf einfachen Schilfbooten die etwa fünfzig Seemeilen bis Fuerteventura überwunden hätten. Auf Lanzarote gebe es Berberruinen. Diese seien durch Trockenheit und die römische Besatzung aus der nordafrikanischen Küstenregion vertrieben worden und seien mit Ziegen, Hausrat und ihren Familien in Höhlen gezogen und hätten Terrassen mit einem ausgeklügelten Wassersystem für die Landwirtschaft angelegt. Diese Theorie wird durch etymologische Funde bekräftigt, die verwandte Begriffe in den nordafrikanischen Sprachen belegen. Schon die Bezeichnung „Guanchinet“ lässt sich von der Sprache der Berber ableiten. Ein Stamm der nordafrikanischen Berber nennt sich Ghomera. Ein Dorf in Marokko heißt Agulu. Ein Dorf auf der Kanareninsel Gomera heißt Agulo. Der höchste Berg Spaniens heißt Pico del Teide und Tigotan bedeutet Himmel in der Sprache der Berber.

Jede Insel der Kanaren hat ihre eigene Eroberungsgeschichte. Besonders schlimm sollen die Eroberungskriege auf La Gomera gewesen sein.

Ein Team aus spanischen und portugiesischen Wissenschaftlern fand in den Y-Chromosomen aus alten Zähnen genetische Ähnlichkeiten zwischen den Guanchen und den Bergbewohnern Nordafrikas. Heutzutage stammten 83 Prozent der Einwohner der Kanaren väterlicherseits von europäischen Einwanderern ab. Bei der weiblichen Linie liege der europäische Anteil nur bei fünfundfünfzig Prozent. Daraus lasse sich schließen, dass die Guanchen-Männer häufig ermordet und sich die Eroberer häufig Guanchen-Frauen genommen hätten. Dies scheint mir eine abenteuerliche Theorie zu sein, da die Festlegung des Geschlechts wenig mit genetischer Herkunft zu tun hat?

Die genetischen Untersuchungen legen nahe, dass die Besiedelung der Kanaren nicht vor dem ersten Jahrtausend vor Christus stattgefunden habe. Möglicherweise sei die Kultur am Anfang der Besiedlung der Inseln weiter entwickelt gewesen. Jedoch aufgrund der geringen Einwohnerzahl und abseits der Handelswege sei die Kultur konstant degeniert. Die Guanchen wohnten bis zur spanischen Eroberung in einer Art steinzeitlicher Kultur auf den Inseln. Kleidung und Schuhe wurden aus gegerbten Tierfellen gefertigt. Die Guanchen wohnten bevorzugt in Höhlen. Sie organisierten sich in Stämmen unter einem König. Auf Teneriffa nannte man den König Mencey und auf Gran Canaria Guanarteme.

Donnerstag 19.12.2019

Nach vier Tagen auf Teneriffa segelten wir nach Las Palmas.

Cran Canaria

Stefan ist in St Cruz de Teneriffe ausgestiegen, um Freunde auf Gomera zu besuchen. Las Palmas empfing uns sehr freundlich. Ich meldete mich über Funk an. Man wies uns an, wir sollten nochmals anrufen, sobald wir in der Marina drin seien, man kläre ab, ob wir Platz erhalten könnten. So trieben wir uns in der Marinaeinfahrt herum bis plötzlich zwei Männer im Schlauchboot von achtern uns an einen Platz einwiesen. Sie waren überaus freundlich, nahmen mich gleich mit zum Einklarieren, boten Pralinen an und brachten mich zurück zum Schiff, um alle fehlenden Pässe zu holen und erklärten, wir hätten Glück, da eine Warteliste existiere, wir aber gross seien und daher nicht auf diese Liste kämen. Auf Reede lagen allerdings gegen dreissig Jachten aller Grössen, nanu wir hatten einen Platz erhalten. José, der Mexikaner auf der Amel neben uns fuhr mich zurück an Bord und wunderte sich auch. Wir gewannen das Gefühl, die Boote würden abgecheckt, ob die Besatzung sympathisch und zahlungsfähig sei.

José erzählte, er nehme Crew mit. Nach drei Tagen beobachten, merkte ich, er ging mit all den SchiffsstopperInnen saufen und verteilte Plätze an Bord nach Sympathie. Nachdem er zwei Jungs wieder von Bord geschmissen hatte und stattdessen zwei jungen Mädchen die Plätze vergeben hatte, verstand ich sein Auswahlverfahren und erhielt Mitleid mit den Girls. Am Strand hausten gegen fünfzehn JachtstopperInnen und versuchten einen Platz an Bord einer Jacht nach der Karibik segelnd, zu erhalten. Ich konnte zum Glück jeweils ablehnen, da wir gar nicht nach der Karibik segeln werden. Dakar und die Kapverden scheint niemanden zu interessieren. Alle lieben den Mainstream.

Die Altstatt von Las Palmas ist sehr schön. Bruno und ich besuchten ein Tanztheater, allerdings schien es Männerliebe zu thematisieren und ich mag nicht unbedingt nackte Männer auf der Bühne. Ich versuchte im „Museo Canario“ mehr über die Guanchen zu erfahren. Allerdings zeigte das Museum zwar allerlei interessante Gegenstände der Guanchen aber die Erklärungen waren eher dürftig. Auch gemäss der Museumsdokumentation ist es nicht klar, woher die „Urbevölkerung“ der Kanaren gekommen sei. Seit der Entdeckung, dass man sich im Alter der südfranzösischen Höhlenmalereien gewaltig getäuscht habe, gehe die Theorie davon aus, dass die europäische Urbevölkerung eher nicht von Afrika stamme sondern vom Cro Magnus Menschen, welcher parallel und vor dem Neanderthaler gelebt habe. Daher wurde die Abstammung der Guanchen von Wikingern und anderen nördlichen Völkern verworfen und doch im Maghreb angesiedelt, welches ja offenbar von Südfrankreich aus besiedelt worden sei. Ortsnamen wie Gomera könnten vom Berberstamm Ghomerah herkommen. Sabino Berthelot verglich zahlreiche Ortsnamen mit Ortsbezeichnungen in Marokko. So nannte man z.b. auch Gerstenmehl „Ahoro“ sowohl auf den Kanaren wie auch in Marokko. Unklar ist, warum die Guanchen keine Seefahrt kannten, da anzunehmen ist, dass sie mit Schiffen die Inseln besiedelt hatten. Die Distanz von Afrika nach Fuerteventura beträgt bei Cap Juby lediglich fünfzig Seemeilen. Der Exodus afrikanischer Auswanderer hat heutzutage einen neuen Höhepunkt erlebt. Täglich kommen über Funk Pan Pan Meldungen der Küstenfunkstellen über treibende Flüchtlingsboote.

Im Salon der Inuit

In Las Palmas machten wir Crewwechsel. Michael und Yumi kauften lagerbare Lebensmittel für fast sieben Wochen und Früchte und Gemüse für zwei Wochen ein, während wir anderen das Schiff putzten. Die Inuit war wohl noch nie so voll gewesen. Sie hat in ihrem Bauch ja wunderbar viel Platz.

Wir diskutierten gemeinsam, was nach Afrika zu bringen sei. Die Diskussion erhielt eine zusätzliche Dimension, da Maité bereits in Dakar in einem Schulaustausch gewesen war. Sie erreichte den dortigen Schulleiter über Facebook. Er hiess uns willkommen. Er habe keine direkten Wünsche. Ich plädierte für Fussbälle, Michael hatte Lederrosetten gebastelt, Yumi schlug den Kauf eines Fotodruckers vor um Fotos verschenken zu können. Leider brachte Bruno keine Fussbälle und den Drucker fanden wir auch nicht. So haben wir einen einzigen Fussball und einen Volleyball mit, welche ich in Teneriffa auf dem Flohmarkt gekauft hatte. Michael äusserte sich, er möchte nicht die Clichees des europäischen Goldesels bedienen. Ich fand, wir würden keinesfalls darum herum kommen mit dieser afrikanischen Sicht auf Europa leben zu müssen. Auch wenn wir uns anders fühlten, wir geben für einen spanischen Cortado lediglich einen Euro aus im Gegensatz zu vier Euro fünfzig in der Schweiz. Dieser Euro entspricht aber dem Durchschnittseinkommen pro Tag von fünfzig Prozent der Senegalesen. Der Preis des Cortados in der Schweiz entspricht bereits einem Wochenlohn und mit dieser Alimentierung werden wir in Afrika an Land treten und die uns begegnenden Leute werden das wissen. Trotzdem ist es unser allgemeiner Wunsch, echte Begegnungen zu haben ausserhalb dieses Gefälles. Wenn der Schulleiter aus Dakar keine direkten Wünsche formuliert, ist das nichts anderes als sein Wunsch und Respekt, uns nicht als Geber und damit sich als Nehmer zu betrachten sondern auf echte Begegnungen zu setzen.

Wir freuen uns riesig, es war mein Wunsch, in Kontakt mit einer Schule zu kommen, hatte ich doch fünfzehn Jahre als Schulsozialarbeiter gearbeitet. So äusserte ich den Wunsch, den Dakarschulsozialarbeiter, die Schulsozialarbeiterin zu treffen, worauf alle in schallendes Gelächter ausbrachen, in der Annahme, das existiere ganz gewiss nicht in Dakar.

Nach wie vor unsicher waren wir darüber, ob wir doch ein Visa für Senegal benötigten, nachdem in einem Blog ein Schweizer berichtete, er hätte für illegales Einreisen 30’000 Euros Busse zahlen sollen. Nach fünf Monaten habe er das auf fünftausend Euros herunterhandeln können. Einige Websites geben an, Visas seien nötig. Die Senegalesische Botschaft in der Schweiz bestätigte uns, kein Visa zu benötigen. Die Botschaft in Las Palmas meinte, wir kriegten Visas in Dakar. Die Marina in Las Palmas empfahl uns Ausreisepapiere bei der Borderpolice zu holen. So radelte ich vor der Abfahrt in den Handelshafen und erhielt die Papiere. Der sehr freundliche Polizist machte Smal Talk mit mir, wünschte uns eine sichere Überfahrt und schien erfreut und bewundernd, dass wir uns in ein solches Abenteuer begeben.

Nächste Woche segeln wie von Las Palmas nach Dakar!

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