Las Palmas – Dakar

Weihnachten 25.12.2019

28°04’N 16°54’W

Wir segeln bereits fünfzig Meilen südlich von Teneriffa Richtung Dakar. Wir haben den Passat erwischt, eine kleine Brücke zwischen Gran Canaria und Gomera, welche uns mit fünf bis sechs Knoten Fahrt südlich trägt. Micha und Maité sind auf Wache, Bruno und Simon sitzen mit mir am Kajütentisch nach einem excellenten Weihnachtsmenue, gekocht auf See bei zwanzig Knoten Wind:

2 Kg Rindsbraten mit Salz eingerieben und dem Saft einer ganzen Zitrone während zwölf oder mehr Stunden mariniert. Dann stecke ich jeweils zehn Knoblauchzehen ins Fleisch durch kleine Einschnitte. Den Braten lege ich in eine Gratinform, schichte gevierteilte Zwiebeln, Rüebli und Broccoli dazu und übergiesse es mit ungefähr einem Deziliter Oel. Dann schiebe ich das in den Backofen je nach Zeit, welche noch zur Verfügung steht lasse ich es zwei bis sechs Stunden garen. Zu Beginn backe ich bei grösster Hitze anstelle des Anbratens und wende den Braten nach ca. 15 Minuten und reduziere nach einer weiteren viertel Stunde die Temparatur auf ca. 160 Grad für zwei weitere Stunden oder auf 100 Grad für fünf weitere Stunden. Um genügend Saft zu erhalten, giesse ich fünf Deziliter Weisswein in die Form nach dem Anbraten. Dazu habe ich Salzkartoffeln mit zehn Prozent Meerwasser im Kochwasser serviert.

Bitte koche nie Spaghetti in reinem Meerwasser, sie werden versalzen und absolut ungeniessbar.

Fast alle waren hellauf begeistert vom Weihnachtsmenue, was mich ungemein freute. Leider leidet Maité noch immer an Übelkeit, trotz Pflaster, Brille und Stugeron.

Wir diskutieren den Wikipediabeitrag, dass vierzig Prozent der Frauen und lediglich zwanzig Prozent der Männer Guanchengen in sich tragen, angeblich weil die Männer jeweils umgebracht worden seien. Ich finde das absurd. Wenn eine Frau hundert Prozent Guancha ist und der Mann hundert Prozent Spanier müssten die Kinder, ob Mädchen oder Junge je die Hälfte Gaunchen- und Spaniergen in sich tragen und diese auch weitergeben. Die obige Erklärung erscheint mir unlogisch, warum das Guanchengen bei Frauen bevorzugt nachgewiesen werden könne?

Donnerstag, 26.12.2019

Der Wind hatte nachts zugenommen und bläst nun mit zwanzig Knoten. Wir banden zwei Reffs, holten die Genua ein und setzten die Fock. Es war stockdunkel und diesig mit der hohen Luftfeuchtigkeit. Weiterhin segelten wir mit sechs Knoten auf Kurs hundertneunzig Grad. Heute morgen haben wir alles ausgerefft und die Genua gesetzt und segeln jetzt stetige fünf bis sechs Knoten. Die Sonne scheint, Bruno hat die Fischleine draussen, wir werden ein Etmal von gegen hundertdreissig Meilen machen.

Die Geschichte der Kanarischen Inseln gehört zur Geschichte Afrikas. Die Eroberung erfolgte listenreich und brutal. José Luis Concepcion (2018, Die Guanchen, ihr Überleben und ihre Nachkommen) beschreibt, dass 1402 ein normannischer Baron Juan de Bethencourt im Sold der spanischen Krone auf Lanzarote gelandet sei. Er habe bereits Guanchen als Übersetzer dabei, welche bei Raubzügen davor gefangen genommen worden seien. Die Guanchen seien ihnen friedlich begegnet und hätten ihnen Respekt entgegen gebracht. Der König Guadarfias habe Bethencourt sogar seine Leute zur Verfügung gestellt, um eine Festung zu bauen.

Während Bethencourt nach Spanien zurücksegelte, um Nachschub zu holen, habe ein Bertin de Berneval einen Aufstand angezettelt und habe bereits Guanchen als Sklaven nach Spanien gebracht. Die Guanchen ihrerseits wehrten sich. Der Guanchenkönig allerdings sei von eigenen Leuten verraten und durch die Spanier gefangen gesetzt worden. Er habe sich dann befreien können und habe den Verräter Atchen verbrennen lassen. Schliesslich habe er sich aber den Spaniern ergeben müssen, sei getauft und mit seinem Volk versklavt worden. In gewissen Schlachten seien bis 600 spanische Soldaten getötet worden. Stets haben in diesen Schlachten auch Guanchen gegen Guanchen anderer Stämme gekämpft. Auf Gomera wehrte sich der König Hautacuperche am längsten gegen die Eroberungen der Spanier von 1402 bis 1496. Sie konnten die Invasoren lange Zeit abwehren.

Diese Geschichte erscheint mir exemplarisch, wie wir Europäer den anderen Völkern begegnet sind, wie wir sie ausgebeutet und vernichtet haben.

Da weit im Westen sich eher eine Nordwindbrücke aufbauen sollte, sind wir rund um die Südspitze von Teneriffa nach Gomera gesegelt. Bei San Miguel haben wir mit zwei drei Knoten Fahrt und glattem Wasser gedümpelt, als wir Blasfontänen gesehen haben. Der Wal musste riesig gewesen sein, Simon hat ihn für zwei Tiere gehalten. Nach seiner Rückenflosse müsste es ein Finnwal gewesen sein. Etwas später zwischen Teneriffa und Gomera haben wir auch Grindwale gesehen. Dies Seegebiet ist bekannt für eine grössere Walpopulation, offenbar gebe es sogar Orcas. Erstaunlicherweise entgegen der Vorhersage der Windyapp haben wir die ganze Strecke nach Gomera segeln können.

Auch Gomeras Marinepersonal ist erstaunlich nett gewesen. Obwohl wir keine Reservierung gehabt hatten, liessen sie uns an der Wartepier die Nacht verbringen. Wir machten einen Bummel im netten Ort. Nach dem Apero an Land habe ich ein Risotto zubereitet:

Zwei Zwiebeln im Oel anbraten mit zwei Tassen Risottoreis. Mit zwei Dezliter Weisswein ablöschen und heisse Bouillon dazu giessen. Auf sehr kleinem Feuer immer etwas heisse Bouillon nachgiessen und dann Pilze dazugeben. Ich hatte riesige Ohrenpilze zur Verfügung, zur Not tun es Champions, am besten finde ich Steinpilze. Kurz vor Schluss kommen Safranfäden rein. Ich lasse Butter und Rahm ganz weg. Ich nehme den Topf vom Feuer und gebe nochmals einen Schuss Weisswein und Schale und Saft einer halben Zitrone dazu. Es eignet sich sich auch Artischockenherzen oder grüne Bohnen beizumischen für ein Riosotto verde oder roten Chicoree für ein Risotto rosso, das schmeckt alles wunderbar.

Meine Rezepte sind allesamt in meinem Kopf, sie sind wohl irgendwann über ein Kochbuch in meinem Hirn hängen geblieben und verändert worden.

Um elf sind wir am Tisch ruhig geworden. Yumi ist sitzend eingeschlafen, eins nach dem andern wanderten wir in die Koje am Vorweihnachtsabend. Wir waren sehr müde nach unserem ersten Nachttörn mit der neuen Crew.

An Weihnachten um vierzehn Uhr sind wir wieder ausgelaufen. Um die Hafenmole herum hat uns bereits eine steife Brise aus Nord empfangen. Wir haben alles gesetzt, stellten die Motoren ab und segelten aus dem Stand acht Knoten. Schon bald haben wir zwei Reffs gesteckt und die Fock an Stelle der Genua gesetzt, es ist ein rasanter spassiger Start gewesen, endlich Dakar voraus.

Vor mir neigt sich die Sonne langsam gegen den Horizont, die See ist golden-silbrig, die Luft wolkenfrei gelbgold-blau. Es muss bereits Saharastaub in der Luft liegen. Wir haben die Genua, die Fock und das Gross oben und gleiten auf dem dünnen Silberfaden der Wasseroberfläche zwischen der gold-gelben Himmelsglocke und dem unter der Silberfolie der Wasseroberfläche liegenden Atlantik gegen Süden, das ist unübertreffbar. Die Inuit liegt wunderbar auf der Steuerbordkante, sich leicht gegen Westen neigend und pflügt pfeilschnell durch die Wellen. Später am Abend nimmt die See eine violett-titanblaue Färbung an nach dem Sonnenuntergang. Der Passat weht gleichförmig mit acht bis zwölf Knoten. Plötzlich überfällt uns die Nacht, ich dränge mich auf zu steuern, da es so schön ist. Ich bin der Kapitän. Mit sechs Crewmitgliedern sind immer zwei in einer Wache eingeteilt und ich gehe keine Wache. Dafür koche ich, was alle etwas entlasten soll, vor allem die Seekranken. Ich merke auch während dem Kochen, wenn jemand falsch steuert oder der Wind auffrischt. Diese Kombination ist recht praktisch, werden doch die anderen vom Kochen entlastet.

Ich lese wieder Achebe. Achebe versucht Lebensentwürfe in seinen Romanen zu entwickeln, er schreibt nicht einfach zur Unterhaltung. Er betonte auch immer, afrikanische Literatur sei nicht abgehobene „l’art pour l’art“ (Kunst um der Kunst willen) sondern verstehe sich als in der Gesellschaft verankert. Es müsste entsprechend für HistorikerInnen, SoziologInnen oder EthnologInnen relativ einfach sein, Entwicklungen afrikanischer Länder über die Literatur zu verstehen und zu deuten. Wer sonst könnte eine bessere Analyse bieten als afrikanische AutorInnen. Allerdings gibt es wenige AutorInnen und einige schreiben, was sie vermuten was die Post-Kolonisatoren lesen möchten, was gelesen und in Druck gehen könnte.

Rita Wöbke (Chinua Achebe 2015, S. 129) macht eine Ausführung über die Igbo Gesellschaft, welche ich zum Verständnis von Afrikanischen Gesellschaften interessant finde:

In der Igbo-Gesellschaft gibt es zwei Klassen von Menschen, die nwandiala, die Söhne der Erde, die Herren, und die osu bzw. oru, die Fremden, die den Götter geweihten, die Sklaven. Ein oru kann seine Freiheit kaufen, ein osu ist immer ein osu, das gilt für alle seine Kinder und Kindeskinder. Als Sklaven können sie wie Haushaltgegenstände gekauft und verkauft werden. Die Teilung der Gesellschaft in Herren und Sklaven geschah vor mehreren hundert Jahren, als einige Menschen den Göttern geweiht wurden. Das führt zu einer systematischen Diskriminierung der Geweihten. Aus den Geweihten wurden Sklaven, die fern von den andern leben mussten, damit sie den Rest der Gesellschaft nicht kontanimieren konnten. Sie haben weniger Rechte und es wird ihnen kaum die Gelegenheit gegeben, reich und erfolgreich zu werden. Sie können keine Führungspositionen einnehmen, keine traditionellen Titel erwerben. Nähere Kontakte zu ihnen oder gar Ehen mit ihnen sind den anderen verboten.

1956 wurde in Eastern Nigeria das osu und oru Kastensystem für rechtswidrig erklärt. Diskriminierungen wurden durch Androhung von Strafen verboten. Zuwiderhandlungen werden jedoch oft nicht verfolgt.“

Sklaverei war entsprechend eine Realität, welche nicht nur mit europäischer Kolonisation einherging sondern etwas gesellschaftlich Verankertes war, wie auch bei uns die Leibeigenschaft vor nicht all zu langer Zeit Realität gewesen ist.

Afrika zu verstehen wird nicht möglich sein, denn Afrika gibt es nur auf der Landkarte als Kontinent. Rita Wöbke (Chinua Achebe 2015, S. 152-154) schreibt allein über Nigerias Sprachen und Ethnien:

Von den 175,5 Millionen Nigerianern sind ca. 21% Yoruba, die im Südwesten leben; ca 30% sind Haussa-Fulani und leben im Norden, ca 20% sind Igbo und leben im Südosten des Landes. Hinzu kommen zwischen 400-500 weitere Ethnien mit ihren eigenen Sprachen und Kulturen.“

Sie erwähnt die Gefahr gewisser Literatur wie „ Ashanti Folk Tales“ oder „Lieder und Gedichte der Suaheli in Ostafrika“ oder „Contes populaire d’Afrique“:

Sie verbreiten bei Europäern neues Wissen oder bestätigen bereits vorhandenes Wissen: In Afrika sitzen Menschen bei Mondschein um das Feuer und erzählen sich Märchen über die Schildkröte und den Hasen – sicher nicht ganz falsch zu der Zeit, aber sicher auch kein befriedigendes Wissen über die zahlreichen Kulturen eines Kontinentes auf einer Fläche von über dreissig Millionen km2.“

Wird es uns gelingen, ehrliche offene Bekanntschaften zu machen oder wird eine Hierarchie weiss-schwarz konstruiert werden? Als Tourist und mit einer Jacht ankommend, werden wir voraussichtlich bereits eine Hierarchie reich-arm provozieren.

Freitag, 27.12.2019

23°10’N 17°41’W

Der Passat hat etwas abgeflaut, wir machen noch vier Knoten Fahrt. Nouadhibou ist siebzig Meilen querab. Die Landnähe ist merkbar an Vögeln, welche angeflogen kommen. Am Vormittag machten wir noch sechs Knoten Fahrt und die Antriebswelle begann plötzlich wieder unangenehm zu singen. Ich baute ein zweites Wellenböckli mit einem Nylonlager aus dem Schneidebrett. Plötzlich während ich im Maschinenraum eingezwängt lag und das Lager montierte, heulte die Welle laut auf und liess das ganze Schiff erzittern, als ob jemand der Inuit Leben eingehaucht hätte. Ich realisierte, dass dies nun die Backbordwelle war und bastelte darauf auch ein Wellenböckli, nun haben wir wieder Ruhe.

Wir sehen fast täglich Wale und Delfine. Leider sieht man all zu oft nur die Blasfontänen und ab und zu eine Rückenflosse, dann scheint es, sie tauchten ab und kämen länger nicht mehr hoch. Blauwale beispielsweise können über eine Stunde tauchen, wenn sie in tausend Meter tiefem Wasser nach Riesenkraken jagen. Delfine begleiten uns oft auch nachts, was ein fantastisches Schauspiel ergibt, da in diesem Seeraum viel Plankton im Wasser treibt und dies fluoriszierend die Konturen der „spielenden“ Delfine nachzeichnet. Die Nächte sind traumhaft schön, der Horizont verschwimmt oft mit der dunklen Himmelsglocke, welche sich nur durch die Sternendekoration unterscheidet. Wir decken jeweils die Navigationsinstrumente ab, um nicht durch Licht gestört zu werden und steuern nach Sternbildern. Das ist auch viel einfacher, da die Schiffsbewegungen sofort erkannt werden durch das Auswandern eines Sternbildes im Gegensatz zum Kompass, welcher viel träger reagiert.

Samstag, 28.12.2019

21°38’N 18°12’W

Gegen Mittag flaute der Wind ab. Kurz zuvor fingen wir den ersten Thun. Nach dem Segelbergen und Bad im Atlantik buk ich den Thun, er war köstlich, auch wenn er uns etwas leid tat. Gegen siebzehn Uhr setzten wir wieder Segel und treiben nun mit drei Knoten der afrikanischen Küste entlang. Bruno hat die Geschirrhalter in der Küche umgebaut und gepolstert, zur Vermeidung des Klapperns nachts.

Sonntag, 29.12.2019

Der Passat hat etwas zugelegt auf zehn Knoten und kommt wieder östlicher, was uns wieder zwanzig Meilen pro Wachen segeln lässt. Michael nähte heute das Sonnensegel fertig, welches uns ein treibender Ankerlieger im Sommer zerrissen hatte. Es wird Zeit sich über den Senegal kundig zu machen, Bruno liest bereits den Führer.

Falaffel Nuakchott: Michael wünschte sich heute ein „Palmsteak“ zum Nachtessen, abgeleitet vom Palstek. Also kochte ich zwei Randen zusammen mit je einer Tasse Reis und Linsen, zwei Zwiebeln und sechs Knoblauchzehen, einer Auberginen und drei Paprikas im Bouillon. Das Gemüse wird klein gewürfelt. Dann mischte ich Tomatenmark, noch mehr Knoblauch, ein Glas Oliven, zwei Päckli kleingeschnittene Baumnüsse und ein Päckli Mandeln dazu, wendete Klumpen dieser Pappe in geschlagenem Ei und dann im Paniermehl mit geröstetem Sesam vermischt und briet das im Oel. Serviert mit Salat, Zwiebelringen, Cornichon, Ketchup und Currysauce mundete das besser als jeder Fleischburger, gemäss Michaels Meinung. Allerdings reichte dieses Rezept für zwei Menues für sieben Personen, also wer es ausprobiert, muss die Mengen kürzen.

Nuakchot ist die Hauptstatt Mauretaniens, auf dessen Breite wir gerade segeln.

30.12.2019

Heute morgen um sieben Uhr haben wir einen Standort von 19 Grad 23 Minuten und 28 Sekunden nördlicher Breite und 19 Grad 23 Minuten 54 Sekunden westlicher Länge. Einen vergleichbaren Standort hatte ich wohl noch nie.

Der Passat hat uns wieder. Er bläst mit vierzehn Knoten aus Ost, wir mussten die Genua einrollen und setzten die Fock. Bruno zog mich den Mast hoch zum Filmen. Yumi liess sich ebenfalls hochziehen, um Fotos zu machen. Die Sicht war fantastisch und wir machten etliche tolle Aufnahmen. Seit über zwölf Stunden laufen wir nun zwischen fünf bis sieben Knoten Fahrt. Ich liess bereits Kurs wechseln auf hundertfünfundvierzig Grad, um Dakar direkt anzulaufen. Gestern vermutete ich, zu nahe an der Küste zu sein und hiess die Wachen 200 Grad Richtung Kap Verden zu steuern. Tatsächlich frischte der Wind nach hundert Meilen Distanz zur Küste auf und wir fühlen uns wie Raser. Mittlerweile steuern alle recht gut, trotzdem passierten am morgen früh zwei Patenthalsen. Ich musste raus und wir schifteten den Grossbaum und luvten an. Es ist am schwierigsten, direkt vor dem Wind zu steuern.

Senegal kommt, ich lese Fatou Diome (Der Bauch des Ozeans, 2004, S.46) und komme mit ihr in die Moderne Afrikas:

Die Sippe vergisst oft ihre Pflichten, aber nie ihre Rechte. Ich stand unter ihrem Gesetz. Ich mühte mich ab, um zu beweisen, dass mein Weg, der ihnen völlig fremd war, zu etwas führte. „Erfolg“ ist meine einzige Chance, den Zweck zu erfüllen, den bei uns jedes Kind hat: soziale Sicherheit für die Familie. Diese Unterhaltspflicht ist für alle, die im Ausland leben die schwerste Bürde. Doch da nichts über die Liebe und Anerkennung derer geht, die wir verlassen haben, wird jede ihrer Laune uns zum Befehl“.

Unser ivorischer Freund O. hat mir Fatou Diome geschenkt zur Abreise mit den Worten: „Genau so ist es, sie schreibt super.“

Er selber ist ein Seiltänzer zwischen afrikanischer Herkunftsprägung und dem Erleben der hastigen, unpoetischen, westlichen, entzauberten Welt.

Descartes mechanistisches Weltbild durchdringt mehr und mehr nicht nur unseren Alltag, sondern auch unser Denken und Handeln.

O. ist mit sechzehn Jahren in die Schweiz gekommen. Er suchte eine Beratungsstelle auf mit der Bitte, er möchte mehr tun als auf seinen Asylentscheid warten, er möchte in der Schweiz studieren. Meine Frau machte mit ihm zusammen das Gesuch ans Gymnasium und vernetzte ihn mit dem Jugendhaus. Als er dann, bereits im Gymnasium in Aarau, in ein kleines Dorf Vielmergen versetzt wurde und morgens um fünf Uhr auf den Bus musste, um um sieben Uhr dreissig in der Schule zu sein, liessen wir ihn bei uns wohnen. Es kann nur blanker Neid und der latente „unbewusste“ Rassismus eines unbedeutenden Angestellten sein, der es nicht ertragen konnte, dass ein Schwarzer Asylsuchender am Gymi in Aarau Erfolg haben könnte, welcher zu solchen Absurden Entscheiden führten. O. reiste dann jeden Freitag, am Gymi schwänzend, nach Vielmergen, um um siebzehn Uhr dort sein kärgliches Taschengeld in Empfang zu nehmen und bemühte sich auch irgend welche Putzämtli zu erledigen, um nicht in ein schlechtes Licht zu geraten im rigide geführten Asylheim. Nach einem weiteren Gesuch konnte er ein paar Monate später wieder in Aarau wohnen. Nach einem Jahr Gymnasium mit wunderbar unterstützenden Lehrpersonen sprach er fliessend Deutsch und Englisch nebst seiner Muttersprache Französich, lernte Spanisch und Italienisch. Er schloss das Gymnasium mit Bestnote ab, erhielt eine Anstellung bei der Bank, wo er meistens nachts und an Wochenenden arbeiten konnte und nahm sein Jurastudium auf. Momentan schreibt er seine Doktorarbeit. Er leistete enorm viel und besitzt genügend Intelligenz und Ehrgeiz, um seinen Weg zu gehen auch trotz rigider Schikanen der Schweizer Asylbehörden.

Fatou Diome, sie lebt in Strassburg und Niodior, beschreibt die Anforderungen an afrikanische Migranten in Europa, die Ansprüche der Herkunftsfamilie und des Ankunftslandes. Von Aufnahmeland kann ja nicht gesprochen werden, tauchen doch über fünfzig Prozent in den Untergrund, arbeiten schwarz und werden allzu oft zurück geschickt, wo sie mangels Erfolg und fehlendem Reichtum fortan mit Schimpf und Schande leben müssen.

Nach wie vor beschäftigt mich die Frage, wie kann sich Afrika ökonomisch weiter entwickeln, um der boomenden Nachwuchsgeneration andere Perspektiven zu bieten als die „Flucht“, die Migration nach Europa.

Fatou Diome (S. 85) beschreibt den fremdversetzten Lehrer Ndétar in ihrem Dorf, welcher im eigenen Land Senegal keine Heimat findet:

Doch allmählich begriff er, dass der Palaverbaum ein Parlament ist und der Stammbaum ein Personalausweis.“

Die Bindung an den „Stammbaum“, das Clan- und Familiendenken und die informellen, oft engen Strukturen, wo das Gesetz der Anciennität bestimmend ist, sind sehr bewahrend aber nicht weiterführend. Das Fernsehen hat im Fischerdorf Nodior am Sloumriver Einzug gehalten mit einem „betuchten, erfolgreichen“ Rückkehrer aus Frankreich und berieselt nun die Einwohner der Insel mit den Verheissungen des Westens, des reichen Nordens, deren sich einige nicht entziehen können. Niodior ist in der Mündung des Saloumrivers in Senegal, da wollen wir hin.

Dienstag, 31.12.2019

17°40’N 18°59’W

Um zwei Uhr morgens ging ich auf Brunos Einladung hin Wache. Er bedauerte, dass ich um die einsamen Nachtstunden am Steuer mit zügiger Fahrt mit erwachtem Passat komme. Es war stockdunkel, über die zu hellen Armaturen legten wir ein Stück Parkett und steuerten, nun nicht mehr geblendet, nach Sternen. Achteraus zogen wir eine fantastische Leuchtspur aus Plankton. Simon ging auf meine Empfehlung hin ohne Licht aufs Klo, wo beim Spülen das Plankton wie Perlenketten die Schüssel verziert. Der Wind hatte weiter zugelegt, Bruno reffte mit Micha zusammen um sechs Uhr morgens.

Es ist nun nicht mehr einfach, ins Bett zu gehen. Wir segeln auf Steuerbordbug und ich hangle mich jeweils über mein Kojenbrett auf die Matraze. Dann ziehe ich ein Schiebebrett vor die Kojenbrettvertiefung, welche wir in Gibraltar auf dem Baumarkt für alle Kojen extra besorgt hatten. Dann klemme ich ein grosses Kissen zwischen das Schiebebrett und meinen Rücken und kuschle mich in den Schlaf. Ab und zu erwache ich durch einem lauten Knall gleich neben meinem Kopf, wenn die See platt gegen die Bordwand sich bricht. Es fühlt sich dann an, als ob aus grosser Höhe eine Tonne Wasser auf die entsprechenden ein bis zwei Quadratmeter Alublech klatschen würde.

Die Inuit taucht nun mit dem Bug bei zunehmender Wellenhöhe mit dumpfem Stampfen in Wellentäler und hebt sich ruckartig in die Höhe, um gleich wieder sich fallen zu lassen. Das nennt sich Stampfen, was bei Maité und Yumi sofort die Neigung zu Brechreiz soweit erhöht, dass sie nur noch ungern unter Deck gehen. Der Gang aufs WC muss zur Qual geworden sein, da selbst ich nur noch unter grösseren Anstrengungen, mich an den Seitenwänden festklammernd, mich auf die Kloschüssel zwängen kann, um zu versuchen, ohne Podusche mein Geschäft zu verrichten. Um vier Uhr früh heute allerdings spülte eine überkommende See über Deck und duschte durch die Lüftungsluken eindringend mich auf dem Klo sitzend.

Die Kombüsenarbeit dauert nun doppelt so lange, da man mit Füssen am Kühlschrank absperrend für jede Arbeit die Schiffsbewegung einbeziehen muss. Die Krängung wird dann unakzeptabel, wenn das Wasser im Brünneli nicht mehr abläuft, da es über dem Meeresspiegel zu liegen kommt, oder wenn die italienische Expressomaschine durch die kardanische Lagerung des Herdes die Bordwand berührt. Wenn das soweit kommt, ziehe ich jeweils meine Oelzeugjacke und Schwimmweste über und schlage vor, ein Reff einzubinden, sofern die Wachen dies nicht eh bereits realisierten.

Es ist zwanzig Uhr Silvesternacht, Bruno und Michael sind bereits schlafen gegangen nach guten Wünsche für den Rutsch. Yumi liegt seekrank im Salon, Simon daneben und liest im Reader, Micha und Maité sind auf Wache und steuern gradlinig auf Dakar zu. Wir sind sieben Tage auf See, morgen werden wir Landfall machen und hoffentlich tags in Dakar einlaufen, bzw. uns vor Anker legen. Wir laufen gerade noch mit fünfeinhalb Knoten Fahrt und müssen weitere hundertneun Meilen segeln, das wären dann doch noch zwanzig Stunden.

Mittwoch, 1.1.2020 Mitternacht

15°43’N 18°01’W

Das neue Jahr beginnt, Simon und Yumi sind auf Wache. Im Hinblick auf die noch immer unruhige Fahrt und der Restcrew in der Koje verzichten wir auf eine Zeremonie. Der Passat hat sich bereits etwas gelegt, obwohl wir noch neunzig Meilen von der Küste weg sind. Die Wellen werden ebenfalls schwächer, was die Inuit in ihren Bewegungen beruhigt. Wir werden gut schlafen, aber vorerst werde ich einen Cake für Neujahr backen:

Ca. 100 Gramm Zucker und vier Eigelb vermischen. 150 Gramm Baumnüsse, 150 Gramm Haselnüsse, alle halbiert, 150 Gramm schwarze Schokolade grob gehackt werden mit ca. 150 Gramm Mehl eingepudert, welchem ein Teelöffel Backpulver untergemischt wird. Das steif geschlagene Eiweiss lagenweise mit der Mehl, Nuss, und Schoggimischung unter die Eigelb-Zuckermasse ziehen. In einer mit Butter bestrichenem und mit Zucker begestreutem Backpapier ausgelegten Backform 60 Minuten bei ca. 170 Grad backen. Die Schoggi muss mit Mehl eingestäubt sein, sonst sinkt sie an Boden des Teigs. Ein Cake sollte bald nach dem Backen aus einer Backform herausgelöst werden, sonst wird die Kruste weich.

Später am Tag:

In der Nacht hatte der Wind aufgefrischt und wir steckten ein zweites Reff.

Afrika erwartete uns mit vierundzwanzig Knoten Harmattan, wenig Sicht, rot eingepuderten Segel und Leinen, den Gruch von verbranntem Müll und fliegenden Fischen. Nachts um dreiundzwanzig Uhr meinte ich erst, jemand werfe mir eine Petflasche an, bis ich realisierte, dass im Cockpit ein fliegender Fisch zappelte. Einen zweiten fand ich beim Ausreffen im Fall verfangen. Später am Vormittag motorte eine Fischerbarkasse auf uns zu. Ganz schön mutig, fahren die Senegalesen mit offenen Booten vierzig Meilen aufs offene Meer hinaus. Gegen den Harmattan an schöpften sie laufend Wasser, einer war am lenzen mit einem Palstikeimer. Wir grüssten gegenseitig, aber es war zu viel Wind, um miteinander zu plaudern. Wir segelten mit sechs Knoten etwa doppelt so schnell wie sie motoren konnten und verloren sie bald achteraus. Alle schluckten heute die erste Malariatablette. Malaria ist eine heimtückische Krankheit, welche nebst äusserst unangenehmen Fieberschüben über lange Zeit die Leber kaputt gehen lässt.

Ich vermute der Wind wird sich in Küstennähe weiter legen. Allerdings können wir wieder ausreffen und die Genua setzen. Die Delfine sind heute ausgeblieben, dafür haben wir einen Kugelfisch gesehen. Michael meinte, es sei ein Hai, aber seine Rückenflosse schwenkte er wie ein Kugelfisch, als ob er mit einem Arm sagen würde, hallo ich bin auch da. Später beobachtete ich einen Schwarm fliegende Fische, welche durch die Wellentäler pfeilten, wohl um ihrem Jäger zu entkommen.

Das Kap Vert liegt drei Meilen querab und ist im Dunst des Harmattans nicht zu sehen. Zwei Stunden später lichtet sich die Sicht mit drehendem Wind. Goree wird von der untergehenden Sonne golden verzaubert. Wir starten den Motor, um noch tags auf Reede gehen zu können. Wir lassen den Anker vor Hann fallen nach 996 Meilen seit Las Palmas und nach sieben Tagen und ein paar Stunden auf See. Wir jubeln, was für eine Überfahrt. Der Gebetruf des Muezzins weht über die Bucht. Ich bin gesättigt vom Sehen, Hören, Riechen und Fühlen, von den Eindrücken der Überfahrt. Wir sind sehr gespannt, wie es morgen hier aussehen wird.

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