Dakar

Donnerstag, 2.1.2020

Die Bucht von Hann überraschte uns. Als erstes fiel eine grosse Menge Menschen am Strand auf. Wir vermuteten es sei der Fischmarkt, davor lagen zahlreiche Pirogen und im Hintergrund parkten einige dutzend Kühllaster. Ringsum ankerten ungefähr zwanzig Jachten und ebenso viele Pirogen. Der Strand wirkte auf den ersten Blick nicht einladend, vermüllt, im Hintergrund ragen mehrstöckige Häuser auf über einstöckigen Bauten, Hütten und Schuppen. Um acht Uhr dreissig kam die Barkasse des Klubs, aber wir waren beim Frühstück, so fuhren wir mit unserem Dinghi an Land, wo Abdu uns empfing. Er sah allerdings so zerlumpt aus, dass wir, trotz seinem warmen „Willkommen, schön sind sie zu uns gekommen“, ihn nicht als Clubangestellten betrachteten. Er führte uns allerdings durch Bougainvillea überwachsene Lauben zum Clubeingang, einer Stahltüre. Es öffnete sich ein schöner Garten mit Pavillons, drei Zelten, Fahrräder und dutzenden von Motorrädern, eine mechanische Werkstätte, es ist unklar wo das Clubgelände beginnt und wo es aufhört.

Unter Palmen und tropischem Gewächs wischte ein Mann Blätter, Serama bot ihre Waschdienste an, Abdu möchte für uns Wasser tragen, Lion möchte unsere Gasflasche auffüllen, Mussa will uns aufs Schiff und zurück fahren, Madame Legume möchte Gemüse und Früchte liefern, Madame Nougat verkaufte Nougat, Madame Chiffon verkauft Hemden, zahlreiche andere äusserst nette, eher zurückhaltende Menschen möchten ein paar CEFA’s verdienen. Wenn wir abwinkten, lächelten sie trotzdem und wünschten uns einen schönen Tag. In einem abgedunkelten Pavillon hinter gezogenen Vorhängen begrüsste uns eine junge Frau, la Secretaire, und kopierte unsere Papiere, füllte Formulare aus, eröffnete uns, dass eine Woche 35’000 CEFA kosten werde, das sind 50 Euros. Sie informierte uns, dass alle auf das Police du Port Büro müssten, da sie Fingerprints nähmen.

Wir nahmen uns zwei Taxis, welche uns durch Dakars Verkehr chauffierten. Die Hälfte des Verkehrs bestand aus riesigen Schwerlastcamions mit gigantischen Drahtrollen, mit Schiffscontainern, mit turmhoch aufgeschichteten Schüttgutsäcken, einige Laster standen auch ausgedient am Strassenrand und dienten als Schuhladen, worauf ein paar Duzend Schuhe zum Verkauf ausgebreitet lagen. Die zweite Hälfte des Verkehrs bestand aus Bussen, Taxis, ein paar Privatautos, Pferdewägelchen, Pickups und Motorräder.

Unser Chauffeur überholte mal rechts, mal links, erfragte bei anderen Taxifahrern nach dem besten Weg, den Stau zu umfahren. Irgendwann stand ein riesiger Laster quer über die Strasse und entlud seine Fracht, beide Fahrspuren waren vollständig blockiert. Nach längerem Palaver entstand wieder Bewegung und wir fuhren dem riesigen Hafengelände von Dakar entlang und gelangten schliesslich zur Police du Port. Wir fragten nach dem Büro und wurden freundlich hereingebeten und von einem Büro zum nächsten gewiesen. Überall sassen nette schöne Frauen und Männer oft in offiziellen Uniformen und füllten für uns irgendwelche Papiere aus, nahmen Fingerprints und tippten Angaben in den Computer. Dann fuhren wir weiter mit dem Taxi zur Douane. Dort wurden wir wieder gebeten in weichen Sesseln und verfinstertem Büro Platz zu nehmen. Nach dem Ausfüllen verschiedener Papieren führte uns eine junge Dame in ein weiteres Büro, wo sechs Zoll-BeamtInnen am Mittagessen sassen. Sie baten uns herein, sie boten uns an, mitzuessen und drückten uns Löffel in die Hand.

Das Linsenpilaf mundete hervorragend. Etwas erstaunt waren die lächelnden Beamtinnen, als immer mehr Crewmitglieder in den Raum kamen. Wir waren sieben. Sie forderten alle auf, mitzuessen und wollten zusätzliches Essen bestellen, falls wir noch mehr Hunger hätten. Wir rühmten die grossartige Gastfreundschaft und das tolle Ankommen in Senegal, was sie erfreute. Zollpapiere auszufüllen ist beträchtlich entspannter, wenn man vorher zusammen gegessen hatte. Afrika tauchte an jeder Ecke auf, beispielsweise auf dem Klo. Die Spülleitung rann, also hing dort ein Früchtenetzli mit einem Duftstein, das Klo war blitzsauber und wird nun dauernd gespült.

Wir fuhren zurück in den Cercle de Voile Dakar, wo wir erst mal Kaffee bestellten und mit den ein- und austretenden, meistens Weissen, zu reden begannen. Ives ist ein Kanadier, welcher bereits das dritte Mal die Rundtour von Quebec nach Afrika alleine unternommen hatte. Er war im Saloumriver überfallen worden und musste zurück nach Dakar, um wieder einen Pass zu erhalten. Leider verlange Kanada 350 Dollar für ein Eilverfahren, sonst müsse er drei Wochen warten, das machte ihn hässig.

Stanislav wohnt bereits seit elf Jahren hier und hat eine afrikanische Frau und Kinder. Er ist weich im Aussehen und Sprache, das ist wahrscheinlich eine Anpassungsleistung an die Senegalesen. Seine Jacht lag vor Anker, er bietet Charter an und wollte am Montag nach den Kap Verden segeln. Er habe vier Gäste und werde die jungen Radfahrer mitsegeln lassen. Vier Franzosen sind von Sable D’Olonne mit dem Fahrrad quer durch Westsahara und Mauretanien bis nach Dakar gefahren.

Wir bestellten uns in einer Garküche leckeren Reis mit Crevetten und Zwiebeln, jassten und tranken Bier. Durch Palmen sah man die Inuit schaukeln, am Strand begann reges Treiben. Zwei Jockeys jagten ihre Pferde über den Sandstrand. Mehrere Mannschaften von Sportclubs kamen und spielten. Dazwischen waren Fischer beschäftigt, ihre Pirogen und Fischernetze zu reparieren. Der Strand war belebt von Sport treibenden Menschen, ein riesiges Sportzentrum im „Strandmüll“ von Dakar.

Freitag, 3.1.2020

Früh am morgen um 8.30h holte uns Moussa mit der Barkasse ab. Wir fuhren an eine Schule im Quartier, an der Maitè im Austausch gewesen war. Mbaye empfing uns warm. Er erzählte viel, zum Beispiel, dass ihre Schule mehr als fünf Kinder pro Klasse aufgenommen hatte, welche aus der Staatsschule ausgeschlossen worden sind. Die Eltern zahlten zwölf Euros pro Woche Schulgeld, was aber nicht alle aufbringen können. Er verdiene 800 Euros als Schulleiter und sei verantwortlich für über hundert Lehrpersonen und 1400 Kinder, vom Kindergarten bis zur Matura. Nebenbei leite er ein Sozialzentrum für Mädchen und Frauen, welche nie zur Schule durften und Gewalt und Prostitution ausgesetzt seien.

Mbaye führte uns durch alle Räume, liess uns fotografieren und filmen. Die Begegnung mit den Kindern war rührend. Viele wollten uns die Hand reichen, lachten und machten Scherze. Bis fünfundvierzig Kinder sind in kleinen Räumen auf engen Bänken eingequetscht und sind voll bei der Sache. Sie waren neugierig, strahlten uns an. Vor der Schule hatten Frauen Bauchläden aufgebaut. Das Quartier ist kein Slum, es gibt kaum Wellblech. Es stehen ein- bis dreistöckige Häuser an einer von Bäumen gesäumten Sandstrasse, durch die sich Taxis und Pferdewägelchen zwängten.

Wir fuhren zum Sozialzentrum, ein Senegalo-Schweizer Frauenprojekt https://www.taxawu-jigeen.ch/home. Mbaye wurde überall begrüsst, er ist bekannt. Ein unscheinbarer Eingang führte in ein paar Hinterzimmer. Hier sassen Gruppen junger Frauen bei Sozialkunde, Wirtschaftskunde, Französisch, Familienplanung, Verhütung, Sexualität und Fachkunde. Sie zeigten uns ihre Nähsachen und strahlten, einige waren schüchtern und in sich gekehrt. Eine Gruppe anderer Frauen wurde als Coiffeusen angelernt. In einem Raum standen zehn wunderschöne alte Singer Nähmaschinen, in einem anderen Zimmer Industrienähmaschinen. Die beiden Verantwortlichen erzählten, wie sie versuchten die Frauen zu beraten und zu intervenieren, wenn sie Gewalt ausgesetzt sind. Wir wurden dann eine Gasse weiter in ein dunkles Zimmer mit Sofas geführt, in dem uns ein Herr erklärte, er sei der Quartierverantwortliche, eigentlich eine Vertrauensperson, Friedensrichter und Sozialarbeiter? Zu ihm kommen die AnwohnerInnen mit Streit und Sorgen, er entscheide mit, wer in grösster Not einen Ausbildungsplatz erhalte. Er entschuldigte sich, dass er nur wenig Französisch spreche. Jetzt seien nur wenige Personen hier, aber am späteren Nachmittag sei dieser kleine düstere Raum voll und er arbeite dann bis spät Nachts. So organisiere sich das Quartier urdemokratisch. Die einflussreichen Personen werden gewählt, es sei eine Vertrauenssache, das Quartier entwickle sich weiter. Es gebe hier sehr viele Kinder und sie versuchten ihnen eine Perspektive zu geben.

Alle drei, Mabaye der Schulleiter, der Leiter des Projektes und der Quartierälteste betonten, wie diese Offenheit und Transparenz auch uns gegenüber für sie wichtig sei.

Eine junge Frau aus Basel habe vor Jahren drei Monate an der Schule gearbeitet und begonnen, Quartierarbeit zu machen. Sie habe Frauen mit Geld unterstützt, welche sich selbständig machen wollten. Leider seien die Initiativen versandet, das Geld sei ausgegeben worden, ohne dass eine ökonomische Grundlage entstanden sei. Mbaye habe ein Konzept geschrieben, welches sie nun seit 2017 umsetzen. Es würden gerne viel mehr Frauen teilnehmen, aber es sei unmöglich, alle zu berücksichtigen. Zehn Personen sind angestellt und sie haben ein Budget von 9000.- Franken im Jahr. Er selber arbeite gratis.

Ob der Staat ihnen kein Geld zur Verfügung stelle? Ja, er könnte sehr wohl vom Staat Geld erhalten. Es würde dann ein Verfahren eingeleitet. Wenn er beispielsweise um 30’000 Euros Kredit anfragte, müsste er den Verantwortlichen 20’000.- überlassen und hätte 10’000.- zur Verfügung aber 30’000.- Schulden, darauf verzichte er. Die Korruption sei erdrückend, nur Selbsthilfe helfe.

Wir sind ankommen in der Realität von Senegal-Afrika, ein Land, das gerühmt wird, gut entwickelt und mit funktionierender Infrastruktur ein Vorbild für andere afrikanisch Länder zu sein.

Mbaye lud uns zu sich nach Hause ein zum Essen. Er wohnt eine Querstrasse gegenüber der Schule. Salimatin, seine Frau hiess uns willkommen, dann waren da ihre zwei Schwestern und neun Kinder, fünf sind Mbaye und Salimatin’s Kinder, die anderen sind Nichten, Neffen. Wir sassen in einem verfinsterten Wohnzimmer auf Sofas und sprachen über die Schule und Senegal. Salimatin bat uns zum Essen auf einer grossen Decke im Hof am Boden um eine Pfanne von einem Meter Durchmesser. Salimatin zeigte uns wie man von Hand isst, ich bevorzugte einen Löffel. Der Reis mit Fisch, Maniok, Yams gerösteten Zwiebeln und Gemüse, mit scharfer Tamarindensauce war hervorragend. Wir luden die ganze Familie ein, uns an Bord zu besuchen, was sie dann auch machten am am nächsten Tag.

Samstag, 4.1.2010

Bruno und ich waren auf dem Kermelmarkt in einem viktorianischen Gebäude im Zentrum von Dakar, um Gemüse zu kaufen. Hier ist ein geschäftiges Afrika. In Kürze hatten wir eine Traube Touristenjäger im Schlepptau. Bruno konnte ihrer Verhandlungskunst kaum widerstehen, ich nur beschränkt. Im Nu hatten wir 200’000 CEFA ausgegeben, was 300 Euros entspricht, hatten drei Teppiche aus Mali, Holzschnitzereien, Bronzefigürchen, Falterflügelbilder und weiteren Klimpim gekauft. Die Händler überboten sich darin, uns irgendwo an einem winzigen Holzstand mit teilweise abscheulichen Souvernirs in Verkaufsgespäche zu verwickeln, hatten nie Herausgeld und boten uns statt dessen einen weiteren Gegenstand zu einem Aufpreis an. Wir kauften ausschliesslich stotternden, wild dreinblickenden, zahnlosen, zerlumpten, einbeinigen oder einäugigen, bitterarmen Menschen Gegenstände zu überrissenen Preisen ab. Auch als wir in einem Touristenkaffee mit Absperrung uns „erholten“, kamen die Händler über die Absperrung hinweg mit Verkaufsangeboten, wir waren total überfordert.

Ich finde diese Preisverhandlungen führten nicht zu einem zufriedenen Abschluss eines Geschäfts wie oft propagiert wird. Der Handel beginnt stets lachend, neugierig, spassig. Danach wird ein Zeitlang hart verhandelt. Wenn du nicht wegläufst und ärgerlich das Desinteresse zeigst, hast du keine Chance auf einen fairen Preis. Du weisst nie, was die Ware wert ist. Eine Ware hat den Wert, welcher sich aus Angebot und Nachfrage ergibt. Es gibt keine Nachfrage nach den Produkten, welche wir aus Mitleid erstanden. Also gehört das Mitleid zum Marktpreis bedingenden Faktor. Wer weiss schon was ein Bongo-Teppich aus Mali wert haben soll und ob er nicht in China hergestellt worden ist. Unser Wunsch war eigentlich nur einen netten Stoff für unsere Salonpolster zu finden. Der erste Händler mit Falterflügelbilder fragte uns, was wir kaufen wollten. Ja seine Schwester verkaufe Stoff, wir sollten ihm folgen, was wir dankend ablehnten. Zehn Minuten später stand ein durchaus sympathischer junger Herr vor uns, er möchte uns seinen Stoff zeigen. Also wurden wir in ein winziges Kabuff geführt mit Batikjuppes, was ja überhaupt nicht unser Anliegen gewesen war. Er nagelte uns auf seinen winzigen Sitzhockern fest und verschwand im Gewimmel des Marktes und kam mit vielen hässlichen Waxstoffen zurück. Trotz unseren Interventionen holte er nochmals eine Ladung Stoffe. Wir verabschiedeten uns freundlich und suchten selber den Stoffstand, mit welchem er ein Zwischengeschäft machen wollte. Hier präsentierte man uns die Teppiche aus Mali, von flinken Kinderfingerchen gezwirnt und gewoben, in Bahnen zusammengenäht, mit Kamelen aus der Oase über Sanddünen in eine mystisch klingende Marktstadt wie zum Beispiel Timbuktu getragen. Von dort auf einem verstaubten, wunderbar bemalten Kleinlaster über Schlaglochpisten nach zum Beispiel Oagadugu gefahren, wo sie weiterverkauft mit einem wunderbar ausstaffierten Laster eines Marabuts aus Tuba nach Dakar gefahren und auf dem Markt verkauft werden. Alle müssen davon leben können, wer könnte da die Preise unanständig herunterhandeln. Wenn wir aber nicht die Preise herunterhandeln, steigt der Tee- und Kaffeepreis in den Karavanereien, da beobachtet würde, dass die Händler mehr Noten in der Tasche haben und schneller ins Geschäft eintreten. Das würde dann ein Problem für die ortsansässige Gemüsefrau, welche sich keinen Tee gönnen könnte, welche nach heissen Stunden im Staub mit ihrem Häufchen Gemüse auf einer Schürze ausharren musste und kein Tourist auftauchte und ihr mehr fürs Gemüse anbieten würde. Wir waren vom afrikanischen Marktmechanismus nach einigen Diskussionen und den naiven Mitleidshandelsüberredungskünsten der Händler des Marktumfeldes völlig überfordert, nahmen ein Taxi und fuhren zurück aufs Schiff.

Hier hatte die zurückgebliebene Crew die Inuit auf Hochglanz geputzt, in Erwartung der Gäste. Im Club erwartete uns Mama Nougat, Bruno hatte ihr zuvor köstliches Nougat abgekauft. Ich bot ihr zweitausend CEFA, drei Euros für eine ordentliche Portion an, sie gab mir eine zweite Packung dazu und nannte mich fortan my friend.

Bruno kochte ein herrliches Risotto, ich buck viel Antipastigemüse und einen Kuchen, dann kamen unsere Gäste, der Schulleiter und seine Familie an. Lustigerweise hatten sie ein Fracht- oder Kreuzfahrtschiff erwartet und staunten über die Inuit. Salimatin filmte sich dauernd. An Bord einer „Luxusjacht“ zu sein, das hatte sie noch nicht erlebt. Die vier Kinder turnten sofort auf allem möglichen herum, Maité, Micha, Yumi und Michael kümmerten sich um sie. Ich zeigte den Gästen das Schiff, wir assen alle Dreizehn am Salontisch. Die Kinder wollten mit uns in die Schweiz segeln. Leider konnte ich ihre Namen mir nicht merken, da sie in grossem Tempo Sätze wie: „Ich gehe in die erste Klasse, heisse Ezewedike und bin das dritte Kind“ auf französisch herunter leierten. Ich hatte keine Chance, ihren Namen da herauszuhören. Salimatin sprach nur wenig französisch, sie habe es erst nach der Heirat gelernt, ich habe Hochachtung vor ihr. Es war eine „wilde Kinderparty“, extrem ungezwungen und nett. Mbaye konnte sich nicht vorstellen, wie wir nachts auf See uns zurechtfinden, er hatte gedacht wir würden irgendwie die Fahrt nachts unterbrechen. Wir kamen auf die Flüchtlingsschiffe zu sprechen, er erzählte, dass diese von Gambia und hier der Küste entlang mit ihren Pirogen mit bis hundert Leuten darauf versuchten die kanarischen Inseln zu erreichen. Sie zahlen um zu sterben.

Wir verabschiedeten uns auf ein baldiges Wiedersehen.

Später brachten wir die heimreisenden Maité und Micha an Land. Yumi fragte nach den Highligths, als wir noch an Bord den Abschied hinauszögerten: Die phosphoreszierenden Delfine nachts beeindruckten als mystische BegleiterInnen, der Schulbesuch rührte uns, warum eigentlich. Das freundliche Schulklima, welches uns entgegen geschlagen war? Diese strahlenden, neugierigen Kinderaugen, die charmanten Annäherungen mit Handgeben oder Anrühren der Kleineren? Etliche hatten wohl noch nicht viele Weisse gesehen.

Ich fand ein weiteres Highlight war die hilfsbereite Athmosphäre an Bord, durch die gemeinsame erfolgreiche Überfahrt gefördert. Yumi meinte, es sei wunderbar, sie möge uns alle sehr lieb. Wir waren einfach glücklich. Und dann Afrika, es überwältigt uns, ich habe es mir weniger gastfreundlich vorgestellt.

In der Ferne waren Trommeln zu hören, jemand meinte hinter dem Fischmarkt sei ein Fest im Gang, also brachen wir dorthin auf nach dem Abschied von Micha und Maité. King, ein Strandhund begleitete uns unerwarteterweise. Er drückte sich eng an meine Beine, wenn Quartierhunde knurrend auftauchten. Es war finster und es wimmelte von Männern und einigen Frauen, welche immer noch mit tragbarer Teeküche auf Kundschaft warteten. Bald war die Strasse eine Sandpiste und wir bewunderten hunderte von Pirogen, welche auf den Strand heraufgezogen waren. Die Trommelrhythmen zogen uns weiter. Vor uns erschien eine grosse Gruppe feiernder Menschen unter einem Stranddach mit vier fantastischen Trommlern und einem Entertainer mit pfeiffendem Mikrofon. Etwas scheu gesellten wir uns zum grossen Zuschauerring rund um tanzende Frauen in abenteuerlicher Aufmachung. Sie traten einzeln in den Kreis und tanzten mit anfeuerndem Publikum. Hier hatten wir die Musikstadt Dakar erreicht. Nie hätte ich gedacht, dass wir im staubigem Sand am Meer zwischen farbig blinkenden Pirogen und abgescheuerten Hauswänden, zwischen Ziegen und Schafen auf ein solches musikalisches und tänzerisches Feuerwerk treffen würden. Es gab einen Kreis Frauen mit knalligen Kostümen und knalliger Schminke, welche sich im Kreis präsentierten.

Yumi vermutete eine Modeschau, ich eine Kostümparty, aber es war ein Geburtsfest von einem etwa dreissig jährigen Vater organisiert. Wer die Mutter war, blieb mir verborgen, aber wir durften ihm gratulieren. Dann gab es Gruppen von ungefähr sechzehnjährigen und älteren Mädchen, welche teilweise bereits Kinder am Rücken im Tragetuch trugen und Gruppen von Kindern von drei bis vierzehn Jahren, welche einfach das Fest genossen und immer wieder versuchten den Kreis zu erobern und vom Moderator mit Bambusrute verjagt wurden. Sie tanzten dann nebenan vor einem Schuppen, übersprühend von Lust und Genuss. Es gab etliche junge Männer, welche sich kaum bewegten und gafften. Dann sassen in einer Seitengasse spärlich durch ein gelbe Strassenbeleuchtung erhellt im Sand ungefähr vierzig ältere Frauen, welche mit Hilfe eines Megafons irgend etwas verhandelten. Es seien die Mütter erklärte uns jemand, die Väter seien auf See am fischen, sie kämen wohl am morgen dazu, das Fest dauere die ganze Nacht.

Plötzlich entstand Bewegung im Kreis. Der Moderator zerrte einen Weissen auf den Tanzplatz, es war Michael. Huch, jetzt holen sie den grossen Topf und kochen ihn….nein er stakkelte ins Mikrofon, er könne es versuchen. Er begann sich wild zu verrenken und drehen und hüpfen, musste nach kurzer Zeit seinen Pulli und schlenkernde Bauchtasche ausziehen. Dann übertraf er doch unsere und die Erwartungen der immer lauter kreischenden Anwesenden. Zahlreiche Handys leuchteten plötzlich auf, der „Tänzer“ ging online, wie er fortan genannt wurde. Fremde junge Burschen zeigten lachend die Videoaufnahmen, wir waren erkannt und integriert worden, weit und breit die einzigen Weissen.

Auf dem Heimweg lernten wir Lamin kennen, ein sechsunddreissig jähriger Fischer. Ich bot ihm an, mit ihm aufs Meer zum Fischen zu fahren, er müsse dann im Gegenzug uns auf unserem Schiff besuchen. Kein Problem, und er lud uns sogleich für Sonntag zu sich nach Hause ein.

Sonntag, 5.1.2020

Wir machten uns gegen zehn auf den Weg nach dem Fischerdorf und betrachteten den Fischmarkt bei Tag. Hier wimmelte es von geschäftigem Treiben und viel Fisch. Wohl über hundert Frauen versuchten hier den Fang zu verkaufen. Ich versuchte deren Angebote mit dem Argument im Restaurant zu essen, abzuwehren. Tatsächlich hätte ich keinen einzigen Fisch hier gekauft, da bereits Schwaden von Fliegen nicht verjagt wurden und die Fische oft auf einem schmutzigen Tuch auf dem Sand in der Sonne lagen. Warum ich Fisch im Restaurant essen wolle, ob ich keine Zeit hätte oder nicht wüsste wie man Fisch zubereitet, war die logische Nachfrage. Ich war argumentativ schachmatt und verabschiedete mich nach zahlreichen Antworten auf das woher und wie und wohin. Die meisten waren erstaunt, dass wir mit einer Segeljacht angekommen seien von Spanien. Spanien ist für sie die Kanarischen Inseln. Weiter unten lagen drei vier Hammerhaie, und eine riesige Roche an der Sonne im Sand. Als wir den sonderbaren Fischhaufen fotografierten, kam ein Trupp lachender Senegalesen mit eine grossen Schubkarre daher und luden alles auf, es mochten sicherlich über zweihundert Kilo gewesen sein. Sie wollten fotografiert werden und diskutierten, ob diese Bilder in Frankreich gezeigt werden dürften oder lieber nicht. Sie entschieden dann, die Bilder dürften wir zu Hause zeigen, warum auch immer, um ihre Armut zu dokumentieren? Bruno fotografierte unter einem Dach, welches der offizielle Fischmarkt überdeckt, „heimlich“ das Treiben dort. Er sei von einem Mann beobachtet worden, natürlich, warum dachte er als Weisser nicht dauernd die Aufmerksamkeit der Senegalesen auf sich zu ziehen? Dieser fragte ihn neugierig, was er da fotografiere? Er konnte kaum unsere Faszination für diesen wirren, riechenden, dreckigen Platz nachempfinden.

Die Erklärung, er wolle die Eindrücke mit seiner Frau und Tochter zu Hause teilen, hellte das Gesicht des Senegalesen auf, er verstand vollkommen, was Brunos Interessen sei.

Ich beobachtete, wie Männer auf ihren Köpfen grosse Becken voller Fisch von den anlandenden Pirogen an Land trugen. Sie waren dermassen überfüllt, dass etliche Fische in den Sand fielen und Kinder und Frauen diese Fische zusammenlasen. Eine Frau holte sich auch direkt aus dem Bottich Fische heraus. Niemand reklamierte, es scheint eine Grösszügigkeit „Armen“ gegenüber zu geben. Es müssen diese Fische sein, welche von den „Marktfrauen“ auf Tüchern im Sand verkauft werden.

Ich vermute, es gibt Fischer und Pirogenführer, welche aufs Meer hinaus fahren und den Hauptfang direkt an Grosseinkäufer verkaufen. Dann gibt es Frauen und Kinder, welche von den zu Boden gefallenen Fischen leben. Dann gibt’s die Putzmänner, welche Müll zusammenrechen und einige Meter weiter unten, wo die Wellen auf den Sandstrand brechen, den Müll im Sand verscharren, von wo dieser bereits bei der nächsten Flut wieder hinaufgespült werden wird. Alle wateten und standen grundsätzlich im Müll aus allen Formen von Plastik, Holzteilen, Fischabfällen und vielem mehr. Dann gibt’s Männer mit Pferdewägelchen, welche Eis bringen und Fisch abtransportieren. Dann gibt’s Frauen, welche Maniokteig im Fett backen und anbieten. Es gibt wohl für jede Handreichung Spezialisten wie Träger, Eismänner, Müllmänner, Händler, EssstandbetreiberInnen, TeekocherInnen, FischschupperInnen, WasserverkäuferInnen und vieles mehr.

Wir zogen weiter ins Fischerdorf und fanden Lamin vor seinem schönen Haus am Strand mit Grossmutter, Tante, Schwester, Bruder, Kinder und Freunden auf uns wartend. Er bat uns herein. Wir traten durch einen langen Gang in ein dunkles Schlafzimmer mit einem Doppelbett und abgewetztem Sofa, mit laufendem Fernseher und neugierigen Freunden, Kinder und seinem Bruder drin. Bald sassen wir alle auf den wenigen Sitzgelegenheiten. Bruno war zurückgeblieben, ist aber von Lamins Frau hereingebeten worden. Uns wurde Tee offeriert, starker schaumiger, süsser Jasmintee. Lamin fragte mich, wann ich nun mit ihm in See stechen wolle. Ich lehnte erst mal ab, da wir ja morgen nach St. Louis fahren wollten. Seine Piroge ist klein und sieht abenteuerlich aus billigem Sipo mit mahagoniähnlichen Spanten gebaut aus, aber schön anzusehen. Die Aussicht bis vierzehn Stunden in heisser Sonne oder zügigem Nordostwind inmitten gefangener Fische mich dem Ozean auszusetzen, das lässt mich noch zögern. Die Jungs kannten Shaqiri, Lichtsteiner und Yann Sommer und wussten, dass Basel unsere beste Equipe ist. Verschiedene Familienmitglieder kamen herein, und begrüssten uns. Einmal kam der dreijährige Bub seiner Schwester herein und brach erschrocken in Heulen aus, über unseren Anblick. Er mochte wohl noch kaum Weisse gesehen haben. Er drängte sich zurück in die Arme einer jungen Frau. Wir lachten und wir merkten, wie fürsorglich sie mit ihren Kindern umgingen, tröstend sie auf den Arm nahmen.

Später verlegten wir auf die Inuit, nachdem wir dem Angebot seiner Frau, uns Reis und Fisch zu kochen, abgelehnt hatten. Zurück durchs Dorf wandernd, wurde Michael überall lachend und bewundert „le danceur“ gerufen. Lamin betonte, Michael sei nun im ganzen Dorf berühmt. Uns kann hier nichts mehr passieren als Michaels und Lamins Freunde.

Lamin erklärte, er sei der Chef seiner Familie über vierzehn Personen, da er verheiratet sei, sein Vater woanders wohne und seine Mutter gestorben sei. Als er erfuhr, dass Bruno neunundsechzig sei, nannte er ihn fortan Grossvater und hätte ihn gerne seine Grossmutter heiraten lassen. Niemand werde hier so alt. Michael würde allenfalls eine Partie für seine Schwester abgeben und er wolle mit mir in die Schweiz segeln. Er habe sich einmal auf den Weg nach den Kanaren gemacht. Sie seien hundertzehn Personen auf der Piroge gewesen, hätten aber nach zwei Wochen auf See wegen schlechtem Wetter umkehren müssen. Nun sei er aber hier, zufrieden und stolz, was würde seine Familie ohne ihn als Oberhaupt machen, sie würde in Armut versinken.

Michael fragte Lamin, wie er seine Frau gefunden hatte. Sie sei ihm an einem Fest wie gestern aufgefallen, sie hätten ihre Handynummern ausgetauscht und über drei Jahren Kontakt gehabt ohne Sex, das gehe gar nicht. Heirat ist Aufstieg, die Familien erhalten Geld für hübsche Töchter. Männer werden Familienoberhäupter und könnten bis vier Frauen heiraten. Es gebe sehr viel mehr Frauen als Männer, so sei die Mehrfrauenheirat sinnvoll. Aber die Heirat einer zweiten Frau sei überhaupt nicht unproblematisch, die erste Frau könne ganz viel Stunk machen. Eine Frau sei ein Problem, zwei Frauen seien zwei Probleme, drei Frauen seien grosse Probleme, vier Frauen, das sei der Tod.

Lamins Bruder ist noch ledig, achtzehn Jahre alt und möchte Fussballer werden. Sein Freund zeigte uns tolle Schmiede- und Holzarbeiten auf seinem Handy, er hat gleich ausserhalb des Cercle de Voile Dakar sein Atelier.

Montag, 6.1.2020

Ich bin an Bord geblieben mit Grippe oder Malaria, wer weiss, Gliederschmerzen und anderes. Allerdings habe ich bereits vier Wochen Probleme mit Halsweh, von Stefan geerbt. Ich verpasste mir heute eine Chloritlösung, wie Michael sie mir empfahl.

Unsere Stromversorgung funktioniert wieder. Wir haben herausgefunden, dass wir das Solarpanel zweimal täglich reinigen sollten, weil es vom Harmattan zugestaubt wird. Dann war der zweite Kühlkreislauf des Kühlschrankes unterbrochen, der Schlauch abgerissen und leer. Also füllten wir ihn auf und monierten die Schläuche wieder. Weiter habe ich den Konverter abgehängt, da der Schalter am Tableau nicht mehr funktioniert. Das waren alles Stromfresser, nun haben wir nach einem Tag Sonne und Wind jeweils die Batterien wieder voll.

Mittwoch, 8.1.2020

Ich habe 36 Stunden geschlafen und bin nun wieder fit. Gestern waren wir auf Goree, der Insel vor Dakar. Seit 1944 sind Neubauten auf der Insel verboten worden und so ist sie einigermassen „Kolonial“ erhalten geblieben. Etliche Gebäude sind am verfallen und eigentlich sieht man ausser am Maison des Esclave nirgends Renovationen.

Unwahrscheinliche zehn- bis fünfzig Millionen Sklaven sind aus Westafrika in die USA und Karibik exportiert worden. Dafür wurden Sationen wie hier auf Goree, in St. Louis, Podor, Matam und Bakel am Senegal Fluss, Rufisque, Saly Portudal und Joal Fadiout südlich davon und Fort James, Albreda, Sanchaba und Juffure in der Mündung des Gambiarivers, Ile de Karabane in der Casamance, Cacheu in Guinea Bissau und die Ilha das Galinas im Bijagos-Archipel gegründet. So geht es weiter, es gab Stationen an der Elfenbeinküste, Ghana, Kongo und weiter im Süden. Alles Orte des Schreckens und der Trauer.

Noch heute begründen reiche Familien wie die Rjters, De Beers und viele andere ihren unermesslichen Reichtum aus dem Sklavenhandel. Sie handeln immer noch mit Kakao, Kaffee, Kautschuk, Edelmetallen, Diamanten und vielem mehr aus den Sklavenherkunftsländern und ihren späteren Kolonien. Längst haben sie diversifiziert und betreiben Banken, Diamanten- und Goldhandel, Booking.com und weitere gewinnbringende Unternehmungen. Und was haben sie den afrikanischen und arabischen Händlern, welche die gefangenen Menschen an die Küste verschleppten, angeboten: Glasperlen, Branntwein und billigen Tand! In den „Handelszentren“ der „neuen Welt“ wurden die noch lebenden Menschen aus Afrika auf dem Sklavenmarkt versteigert. Mit den Einnahmen aus den Versteigerungen wurden Produkte der Plantagen der Karibik und der Südstaaten gekauft und verladen: Zucker, Rhum, Tabak, Gewürze und in Europa wieder verkauft. Es gab keine Leerfahrten, es gab nur Leidfahrten und unermesslichen Reichtum für die Investoren. Die Ostindienkompanie erfand die Börse, wo selbst kleine Handwerker ihr Erspartes in Schiffsanteile investieren konnten und einen bescheidenen Teil des Gewinns aus unermesslichem Leid verdienten. Und so geht’s bis heute.

Unsere Banken und Rohstofffirmen sammeln unsere Pensionskassengelder und investieren in Oelfelder. Sie begünstigen damit den Klimakollaps. Sie investieren im Kupfergürtel Afrikas, in Diamantminen, lassen seltene Erden, Gold, Kupfer, Zinn und Kobalt fördern und zahlen mit billigem Tand. Einzelne afrikanische „Ehrenmänner“ lassen sich unermesslich gut bezahlen und lenken diese Summen gleich wieder um an europäische und amerikanische oder asiatische Börsen, wo wieder in Aktien angelegt wird. Kaum ein Tropfen Oel, kaum ein Klumpen Gold, seltener Erden oder Diamanten bleiben im Land, die Benzinpreise sind so hoch wie bei uns.

Lamin erzählte uns, in Senegal gebe es keine Regeln, alle machten, was sie wollten. Es kämen chinesische Grossfischer auf Fangfahrt. Es gebe Tage, da sei das Meer leer, sie fingen keine Dorade, nichts. Man muss sich vorstellen, alleine rund um Dakar stehen auf den Stränden Schiff an Schiff die Pirogen. Man kann sich gerade als Person durchzwängen, Baden tut eh keiner. Und die Strände um Dakar sind gegen dreissig Kilometer lang. Eine Piroge ist ungefähr einen Meter breit, mit einem Meter Abstand von der Nächsten passen da fünfzehntausend auf dreissig Strandkilometern. Teilweise stehen die Pirogen zwei bis drei Reihen hintereinander.

Davon leben dann fünfzehntausend Familien und nochmals zehntausend Pirogenbauer, FischhändlerInnen und weitere angehängte Dienstleister, welche an solchen Wochen alle leer ausgehen, weil chinesische, japanische, spanische, koreanische Grosskutter mit dreissig Kilometer langen Netzen die Küsten leerfischen.

Im Maison des Esclaves steht keine Dokumentationstafel, keine Flyer werden verteilt, das Haus ist leer, nackte Zellenwände sind zu sehen. Einzig die Aufschriften: Hommes, Femmes, jeune Files, Enfants weisen auf die jeweils eingekerkerten für den Export bestimmten Menschen. Das Leid muss unerträglich gewesen sein, dazu kam, dass durchschnittlich ein Viertel der Sklaven auf jeder Reise gestorben sind.

Auf einem der Forts steht eine riesige Kanone aus dem zweiten Weltkrieg und daran hängt ein Plakat: Dachau-Goree, was braucht es noch, bis der Mensch lernt, seine „humanité“ zu entdecken?

Die Insel ist ein Hort von SouvenierhändlerInnen, aber bietet manche idyllische Gasse und malerische Gebäude zu sehen.

Wir wurden von einer Madame in ihren zwei mal zwei Meter Laden gezogen. Wir hatten an Bord der Fähre nett mit ihr geplaudert. Nun verwandelte sie sich in eine Verkaufshyäne. Da wir leider nicht koloniale Tiefstpreise aushandelten, sondern generös pro Hemd fünfzehn Euros hinblätterten, fielen die uns beobachtenden weiteren HändlerInnen fast in Ohnmacht und zerrten uns in ihre Läden, das Geschäft des Jahres witternd. Simon verriet uns dann, sein Hemd für lediglich sieben Euros erstanden zu haben. Wahrscheinlich sind alle in China für 2 Euros hergestellt, aber die modernen „Sklaven“ müssen verdienen können auf der Sklaveninsel.

An einem ruhigeren Ort wurden wir in eine Schule hereingebeten. Die junge Frau zeigte uns alle Räumlichkeiten, sogar eine Nähstube, wo zehn Frauen irgendwelche unsinnigen Worte wie „Love“, „smart boy“, „don’t forget me“ u.a. mittels Schablonen auf wunderbare Stoffe nähten.

Donnerstag 9.1.2020

Bruno und ich waren im Musee Theodore Monod in Erwartung der neuntausend ausgestellten Kunstgegenstände, das wichtigste Museum Westafrikas. Wir waren über die drei Stunden die einzigen Besucher. Im Parterre waren gegen dreissig Masken und Puppen ausgestellt, der obere Stock war verriegelt. Im Nebengebäude waren nochmals so viele moderne Kunstwerke ausgestellt. Wir mussten bitten, uns das Licht anzustellen. Alles war voller Staub. Wir waren etwas irritiert.

Wir entdeckten aber eine neue Sportart, „Citybikesurfing“ im Verkehr Dakars. Es ist unglaublich spannend mit dem Fahrrad in Dakars Verkehr zu „surfen“. Die Ein- und Ausfallsstrassen Dakars sind etwa zwölf Meter breite Trasses ohne irgendwelche Strassenmarkierungen. Beidseits kommen je vier Meter breit zehn bis zwanzig Centimeter tiefer Sand dazu, das ist der Fussgängerbereich. Allerdings gehen Fussgänger auch in der Strassenmitte. Die Strasse ist ja auch Markt, wo allerhand angeboten wird, sobald die Kolonne zum stehen kommt und das ist etwa alle zehn Minuten der Fall. Dann bieten Händler Zeitungen, Abtretmatten, Kleiderständer, Teetassen, Jacken und Strümpfe, WD40, Ohrenclips und Papiertaschentücher an. Händlerinnen bieten kleine Wassersäckchen, Bananen, Zitronen und Erdnüsse auf grossen Blechtellern auf dem Kopf tragend an.

Die Sandtrasses erschweren es ungemein mit dem Fahrrad am Rand zu fahren, darum fahren wir meistens in der Mitte zwischen dem Mitfahr- und Gegenverkehr. Vierzig und sechzig Tönner Camions sind die Hauptverkehrsteilnehmer, dann fahren Pickups, Stadtbusse und einige PW’s, Motorräder, Pferdekutschen und wenige Fahrräder zwischen den Lastwagen. Die grossen Camions bewegen sich sehr vorsichtig wie grosse Wale mit ungefähr fünfzehn Stundenkilometer über den Asphalt. Sie geben das Tempo an. Oft stehen sie im Stau, da gerade ein anderer Laster quer über der Strasse steht, einparkiert oder Ware entlädt. An einigen Achsen stehen auch kolonnenweise Lastwagenfracks oder parkierte Laster, wodurch sich streckenweise die Fahrspur auf eine Einzige reduziert. Wir überholen meistens in der Mitte, da wir wesentlich schneller als der Schwerverkehr sind. Probleme entstehen, wenn in der Mitte Motorräder als Gegenverkehr auftauchen, dann muss man sich zwischen zwei Riesenlaster einzwängen, welche dann sehr aufmerksam auf die Bremse treten und Platz machen. Ab und zu war die Gegenfahrbahn leer und wir konnten in hohem Tempo links überholen bis plötzlich ein Pferdegespann mit zehn Stundenkilometer entgegen kam und hinter sich eine lange Schlange riesiger Camions und Pickup’s herzog. Niemand schien sich aufzuregen, im Gegenteil, die Chauffeure winkten uns lachend zu bei unseren abenteuerlichen Verkehrsmanövern mit den Rädern. Ungemein adrett gekleidete, hübsche Polizisten mit wichtiger und lachender Mimik winken uns mit den charmantesten Bewegungen, welche wie eingeübte Tanzschritte aussahen, auch wenn wir auf der falschen Strassenseite gefahren kamen. Wir nannten sie fortan Charmante anstatt Gendarme, sie sind eine Augenweide und würden jede Europäerin in den nächsten Pfosten fahren lassen. Probleme stellten die mit losem Sand gefüllten Schlaglöcher dar, welche auch auf besten Strassen plötzlich auftauchten, aber mein Bike schaffte das problemlos, mehr Angst hatte ich um Bruno auf dem Villigerdamenvelo mit dünnsten Pneus.

Ich kaufte fantastische Waxstoffe an einem Strassenstand für einen Bruchteil dessen, was Yumi auf Goree bezahlt hatte. Bruno zeigte mir die Handweber, welche am Strassenrand mit einfachsten Handwebstühlen schöne Stoffbahnen webten und an Ort und Stelle verkauften. Es gibt wenige Bettler. Die StrassenhändlerInnen hatten oft ein elektrisches Megaphon, über das ein Sprechband lief mit monoton schreiendem Singsang, welches das Angebot anpries, wie beispielsweise Handyhüllen, Socken, Taschenlampen, Stoffschränke und weiteres. Ich entdeckte auch Bettler, welche ein Megaphonband laufen hatten mit Texten wie: „Ich bin arm, gib mir eine kleine Spende“, schrill und in Endlosschlaufe. An einer Strassenkreuzung sah ich einen schön und weiss gekleideten älteren Herrn stundenlang und monoton die immer gleichen Verse schreien. Ich fragte einen Passanten, ob das ein religiöser Mann sei der Koransuren singe? Er lachte und erklärte mir, das sei ein Bettler.

Wir durchstreiften Gassen und Gässlein, teilweise auf Sandpisten mit dem Fahrrad, traten in kleinste Möbelschreinereien mit davor herum trottenden Schafen und spielenden Kindern ein. Bruno kaufte da eine Säge oder dort ein Stück Holz, nicht nur des Gebrauchs wegen, sondern um den gastfreundlichen Senegalesen ein Geschäft anbieten zu können.

9.1.19

Heute waren wir auf dem Zebumarkt. Wir machten vorgängig eine Stunde Bikesurfing durch Dakars Stadtausfahrtsverkehr bis Piking, ein Vorort Dakars. Wir passierten kilometerlang Schrotthändler am Strassenrand, allerdings sind sie immer auch mechanische Werkstätten wo zum Beispiel zahlreiche Schwerlastachsen neben ausgeweideten Lastwagenmotoren, Armiereisen, Betonmaschinen und Radaufhängungen lagern, immer bereit wieder irgendwo eingesetzt zu werden. Dakar und wohl weite Teile Afrikas ist die Müllhalde Europas, wohin sehr viele den Fahrzeugkontrollen nicht mehr genügenden Autos, Camions, Fahrzeuge aller Art, nebst Industriemüll, Hauseinrichtungsgegenstände, Altkleider, Altcomputer, Althandy, Altfenster und vieles mehr exportiert wird.

Nette Senegalesen machten uns darauf aufmerksam, dass wir Atemmasken tragen sollten. Tausende StrassenhändlerInnen und SchwerarbeiterInnen sind täglich nebst dem Feinstaub des Harmattans, dem Dreck und Abgas europäischer Schrottautos ausgeliefert. Die Strassen sind voller Peugeots, Renaults und Seats, welche in Europa keiner Abgasnorm mehr entsprechen. Was nützen Europas strengere Abgasnormen, wenn die aus dem Verkehr gezogenen Dreckschleudern hier weiterfahren?

Oft ist die Kleidung von der Hautfarbe der Stahlarbeiter am Strassenrand nicht mehr zu unterscheiden. Fast überall tauchen im Dunst und Staub wunderschön gekleidete, elegant dahinschreitende oder einem Minibus entsteigende, grazil und an Eleganz nicht zu übertreffende Frauen auf und schenken dir ein Lächeln.

Wir trafen gegen Mittag auf dem Zebumarkt ein und wurden sofort neugierig begrüsst, was wir hier wollten. Wir wollten nur fotografieren. Das koste etwas. Wir lachten und erklärten, dann würden wir nur gucken ohne zu fotografieren, aber wir rühmten den friedlichen Ort. Sie fragten, woher wir kämen und selbstverständlich dürften wir fotografieren. Gegen fünftausend Zebus standen hier mitten in der Aglomeration Dakars im Staub. Dazwischen standen niedrige Bambusdächer mit Liegen, worin Männer ihr Schläfchen hielten, Tee tranken. Sie luden uns in ihr niedriges Kabuff ein, was wir kaum ablehnen konnten. Sie hatten leuchtend blaue und türkisgrüne Tücher um den Kopf geschlungen und trugen weite lange schöne Gewänder. Sie erklärten uns, sie kämen aus Mali und verkauften hier ihre Tiere. Ein dunkler runzliger Mann stellte sein Töpfchen Teewasser mit Schwarztee und Minze auf ein kleines Grillchen mit Holzkohle. Nach dem Austausch von Nettigkeiten, den Berichtigungen, wo die Schweiz liege und Erklärungen, wie wir hierher gekommen seien, wurden Mengen von Zucker in den Tee gegossen und drei Fragen später wurde der Tee in winzige Gläschen mit elegantem Schwung hin und her gegossen, bis sich das nötige Schaumkrönchen gebildet hatte. Die ersten winzigen Gläschen Tee erhielten, wohl der Hierarchie entsprechend, zwei Lachfältchengesichter. Danach wurden uns die Gläschen angeboten. Nach drei Schlückchen war der süsse, wohlriechende Saft geleert und die Gläschen machten anderswo die Runde. Allerdings erwies sich das Krügchen nach sechs Gläschen leer. Nach dem Austausch der Handynummern und der Erlaubnis die Szene fotografieren zu dürfen, verabschiedeten wir uns und traten wieder unter die stoisch dastehenden Zebus, welche leider nur darauf warteten, geschlachtet zu werden.

Am Abend würden die Metzger kommen und ihnen genehm erscheinende Tiere aufkaufen und schlachten. Am Rand des Zebufeldes warteten Pferdekutschen auf Kundschaft für Transporte und dahinter türmten sich Heuhaufen meterhoch, bewacht von Heuhändlern. Da die Tiere, es waren fast alles Bullen, zwischen dreihundert und sechshundert Kilo schwer, in ihrer Ruhe nicht gestört werden sollten, bewegten sich alle wie auf Gummisohlen federnd und mit fliessenden Bewegungen zwischen den mit riesigen Hörnern bewaffneten Bullen. Niemand schrie, niemand redete laut, alles zerfloss in einer staubigen dahin sickernden Ruhe und Gemächlichkeit.

Wir verliessen den Platz, tief beeindruckt von dieser gastfreundlichen Oase in mitten einer pulsierenden Grossstadt und bikten zurück zum Cercle de Voile Dakar, passierten schrill bemalte Minibusse mit Aufschriften wie „Djeredieuf Segnieur Tahue Ad’ Alassa de Tuba“ mit Schafen auf dem Dach. Die Busse fahren für die Marabuts von Tuba, der heiligen islamischen Stadt zweihundert Kilometer östlich von Dakar. Sie haben keine Fenster und keine Türen und sind stets brechend voll. Die rechte Hecktüre ist stets geöffnet, daran hängen mindestes ein oder mehrere Männer, lassen ein- und aussteigen. Sie fahren langsam, kaum schneller als wir mit den Velos. Manchmal, wenn sie gerade im Stau stillstehen, wurden plötzlich Bretter, Stangen, Stahlteile oder eben Schafe aufs Dach verladen, die Gelegenheit nutzend, einen Transport machen zu können.

Gefährlich erschienen uns Senklöcher. Darin steckt bestenfalls ein aufgestellter Betonbrocken, oft ein Autoreifen oder ganz gefährlich, einfach nichts. Das wird der Grund für die am Strassenrand all zu oft stehenden Auto- und Lastwagenfracks sein. Wir umkurvten alle Gefahren elegant. Hier ist nichts ganz und neu, alles ist repariert, gerade so, dass es wieder funktionsfähig ist.

Freitag, 10.1.2020

Bruno und ich fuhren zur Police du Port und meldeten uns dort ab. Die nette Frau fragte uns, wie es uns gehe, wie es uns ergangen sei, ob wir Freude gehabt hätten während unseres Aufenthaltes, wie der Tag gewesen sei? Das sind die Nettigkeiten, welche wir erwiderten, in dem wir fragten, wie ihr Tag verlaufe, ob es ihr gut gehe, wie sie sich fühle. Sie erwiderte, was wir ihr erwidert hatten, es gehe uns gut, wir seien glücklich, Senegal sei ein wunderbares Land voller Überraschungen und Nettigkeiten. Sie blieb leicht zurückhaltend, erfreut und schenkte uns ihr gewinnendes Pepsodentlächeln.

Was ist das für ein muslimisches Land, wo keine verschleierte Frauen zu sehen sind, wo Frauen sich ins Gespräch einmischen und sich informierten und uns Ratschläge gaben. Ein Land in dem keine Frau den Blick senkt, wenn wir sie ansahen, wo sich Männer und Frauen neben uns auf einen Sitz zwängten und ein Gespräch begannen. Ein Land, in dem die Chefin der Hafenpolizei eine Frau ist, ein Land, wo wir vom Zoll zum Essen eingeladen wurden, weil gerade Mittag war und eigentlich das Büro geschlossen wäre.

Dieff hatte gemogelt, er hatte Yumi zehntausend CEFA verlangt, um unsere Velos im Clubgelände stehen zu lassen. Ich fragte den Clubmanager und er meinte, selbstverständlich sei das im Preis inbegriffen, er werde das mit Dieff regeln. Dieff kam und erklärte, die zehntausend CEFA hätte sein Freund und dieser wohne eineinhalb Stunden weg, er werde das Geld besorgen. Der Manager steckte uns die zehntausend CEFA zu und meinte, es sei kompliziert. Ich merkte, alle müssen das Gesicht wahren können, keinesfalls als Mogelnde oder Diebe bezeichnet werden.

Ich gab dann Dieff zweitausend CEFA Trinkgeld, falls er das Geld bereits ausgegeben hatte, wurde es für ihn schwierig, es wieder zu besorgen. Fortan war er sehr zuvorkommend.

Mussa reparierte unseren Motor und wollte für einen Tankdeckel, einen Oelwechsel und die Reinigung des Vegasers hundert Euros. Das ist ein Monatsverdienst. Ich vermutete, die Preise sind oft das Doppelte und man trifft sich dann in der Mitte. Also runzelte ich die Stirn und fand, ich zahle für die vorzügliche Reparatur für die wir ihm sehr dankbar seien dreissig Euros. Er sah mich enttäuscht an und sagte, nein, das sei kein Preis, er habe sechs Kinder. Ich konnte erwidern, ich hätte ihn für einen Kostenvoranschlag gebeten und hätte für hundert die Reparatur nicht machen lassen. Er ging auf achtzig runter, ich auf fünfundreissig rauf, er auf fünfzig runter, ich auf vierzig rauf. Das gehe nicht, was wir nun machen könnten? Offenbar waren wir nun beim ungefähr reellen Preis angelangt. Diese Verhandlungen werden immer zu zweit geführt, dass niemand den letztendlichen Preis erfährt und alle das Gesicht wahren können. Schlussendlich bezahlte ich fünfzig, etwas brummlig, er nahm das Geld etwas grimmig.

Am nächsten Tag sagte ich Mussa, sechs Kinder seien teuer, ich hätte nur ein Kind. Er meinte deshalb müsse er viel Geld verdienen, was ich ja nicht bereit sei zu zahlen. Wir lachten und umarmten uns, preislich versöhnt.

Beye füllte mit seinem Freund sechshundert Liter Wasser mit Kanistern in die vor Anker liegende Inuit in unsere Tanks. Er hatte tausend Liter für fünfundvierzig Euros angeboten, ich gab das Ok ohne Preisverhandlungen. Stani hatte mir gesagt, ich hätte mit zwanzig, fünfundzwanzig Euros für tausend Liter zu rechnen. Allerdings passten dann nur sechshundert in den Tank. Ich gab dreissig Euros für die Auffüllarbeit, welche fast einen Tag Arbeit für Beide verursacht hatte, sie bedankten sich hoch erfreut, es musste wohl der doppelte Preis als üblich gewesen sein.

Das entspricht umgerechnet vier Euros pro Person für den Wasserverbrauch während dreier Wochen, es bedeutete für uns wenig, aber alles für die zwei Wasserschlepper.

Wir sind absolut beeindruckt vom Lächeln und dem Charme der SenegalesInnen trotz dem harten kläglichen einfachen Leben. Viele müde Gesichter hellten sich auf bei Begegnungen. Ich war mir bewusst, wir befanden uns in einer absolouten finanziellen Überlegenheit, welche eine gewisse Hierarchie schaffte. Der Kunde ist König.

Als Bruno die Kette am Velo heraussprang, überholte ihn ein Arbeiter auf seinem Fahrrad mit der Überschrift WALO am Arbeitskleid, der grossen Tiefbaufirma in der Schweiz, und bemühte sich, mich einzuholen. Mein Kompagnon hätte Probleme mit der Kette, informierte er mich besorgt. Wir fühlten uns hier auf Händen getragen, umsorgt. Nie hatten wir Angst, auch im Slum schüttelte man uns neugierig die Hand und erkundigte sich nach unserem Wohlergehen, bot uns Tee oder ein Essen an.

Schmutzige Kinder kamen ab und zu auf uns zu, ob wir mit dem Fahrrad von der Schweiz in den Senegal gefahren seien?

Im Strassenverkehr äussert sich der wahre Volkscharakter. Kein ärgerliches Hupen, keine gewagten Manöver, auch hier fühlten wir uns mitten im Schwerverkehr umsorgt von aufmerksamen Schwerlastwagenfahrer, Taxifahrer, Busfahrer und weiteren VerkehrsteilnehmerInnen. Fahrräder und FussgängerInnen haben hier nicht Vortritt aufgrund irgend eines Strassenverkehrsgesetzes, sondern weil alle achtsam zueinander sind und allen die Sorge für das Wohlergehen des Anderen wichtig erscheint. Niemand findet, ER habe auf Strassen Vorrechte nur weil, meistens ER alleine in einem SUV sitzt und sich stärker als Radfahrer und Fussgänger fühlt.

Pferdewägelchen trotteten lange Strecken vor Kolonnen von vierzig Tönnern. Will ein Verkehrsteilnehmer in eine fahrende Kolonne einbiegen, schiebt er sich langsam in die Kolonne rein und es ist selbstverständlich, dass ihm Platz gegeben wird. Es gibt kaum irgendwo eine Ampel. Es gibt an gewissen Knotenpunkten Verkehrspolizisten. Es gibt überall irgendwelche selbsternannte Verkehrsregler, welche den Verkehr winken, pfeifen, lachen, nie schimpfen.

Wo ist das korrupte Senegal? Warum beuten einige wenige alle anderen aus?

Ich möchte Hugo Fasel im Vorwort des Almanach Enticklungspolitik von Caritas, 2019, S. 9) zitieren:

Hüten wir uns davor, den Westen zu dämonisieren und die Ursachen für die Armut Subsahara-Afrika alleine in der ungerechten globalen Wirtschaftsordnung zu suchen. Auch diktatorische Regime, Vetternwirtschaft und schwache Institutionen haben das Gemeinwohl untergraben. Günstlingswirtschaft darf aber auf keinen Fall als „natürlicher afrikanischer Wesenszug“ betrachtet werden, will man nicht rassistischem Gedankengut den Boden bereiten. Vielmehr ist es so, dass afrikanische Regimes, die sich nach der Unabhängigkeit als korrupt entpuppten, die westliche Besatzermentalität fortführten und so den einstigen Kolonialherren garantierten, weiterhin afrikanische Ressourcen ausbeuten zu können….. Mancher in Afrika tätige globale Konzern verfügt über ein grösseres Budget als viele afrikanische Staaten. Wer im Westen lebt, der sich auch im 21. Jahrhundert der Rohstoffe Afrikas bemächtigt und die tiefen Sozial- und Umweltstandard zum eigenen Vorteil nutzt, darf die Verantwortung für mangelnden Fortschritt bei der Armutsbekämpfung weder einseitig den afrikanischen Regierungen noch der Entwicklungszusammenarbeit anlasten.“

Sind die Senegalesen nicht über die Arroganz der westlichen Hemisphäre informiert, welche ihren Müll in Afrika deponiert und damit einheimische oekonomische Strukturen zerstört?

Heute kauften Bruno und ich am Strassenrand vier Pullis mit amerikanischen Aufdrucken, um die Aussenborder vor dem Harmattansand zu schützen. Jeder Aussenborder hier trägt Textil.

Als vor ein paar Monaten die ostafrikanischen Länder beschlossen, keine Altkleider aus der USA und Europa mehr einführen zu wollen, um die einheimische Kleiderindustrie zu fördern, drohte Trump ihnen, sie vom weltweiten Geldsystem abzukoppeln, welches immer noch in Dollar abläuft. Alle Länder fielen um bis auf Ruanda, das moderne und stolze Vorzeigeland. Mit welcher kaltschnäuzigen Arroganz kann Trump eine solche bescheuerte Drohung ausstossen, zum Nachteil von Millionen von afrikanischen SchneiderInnen, zu Gunsten von ein paar Dutzend Altkleidersammler und Exporteure der USA? Wie lange dulden die Bürger der westlichen Welt solche Egoisten und wählen sie?

Wir sind weit entfernt von jeglicher Fairness mit Afrika, auch wenn Volker Seitz eigene Despoten für das desolate Afrika verantwortlich macht.

Morgen segeln wir weiter.

Ein Kommentar zu “Dakar

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